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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-08 · Heft 49 (8.12.1905) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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' ■ ■ ' ■ --- 679 ' «ysrv* ■•"f ■»? ■>.■ .Volke ist es in Wirklichkeit, gleichgültig, ob es sein Recht aus den Händen eines ungläubigen Christen oder eines gläubigen Juden bekommt, während man, wenn dem Volke an dem Glauben des Richters etwas liegen würde, schließlich auch keine ungläubigen Christen mehr zum Richteramt zulassen dürste; dem Volke ist von jeher nur daran gelegen gewesen/ Recht zu bekommen, und an einem jeden Richter, der ihm nicht Recht gibt, sucht es etwas, sei es auch die, Religion, auszusetzen, während der Richter, der ihm Recht gibt, eine Religion haben darf, welche er will. Warum aber die beiden von wenigen erstrebten Aemter der Untersuchnngsrichter und.des Richters an einem kleinen Gerichtsich für Juden nicht eignen, das zu hören, wäre eigentlich etwas Neues; man kann, wie der Schreiber dieser Zeilen, schon nahezu 30 Jahre in der Justiz tätig sein, ohne einen Grund hierfür zu wissen: in Preußen sind meines Wissens Juden nicht zu ihrer besonderen Freude vielfach an kleinen Gerichten angestellt. Das Schönste aber ist. daß heute in der Sammlung der hiesigen „Neuesten Nachrichten" zugunsten der Opfer der russischen Judenverfolgungen als Beitragender Abgeordneter Gerber mit 10 Mark genannt ist. Will damit der Geber etwa seine objektive Judensreundlichkeit beweisen, oder hat sich jemand für 10 Mark das Vergnügen gemacht, den Abgeordneten Gerber in Anerkennung seiner Rede in die Reihe der Judenfreunde austühren zu lassen? Der neue Justizminister aber hat bei der Beratung des Justizetats kein Wort der Abwehr gefunden für den Zentrumsabgeordneten, der das erstrebenswerte Amt - des Untersuchungsrichters den Juden streitig macht, während seit mehr wie 30 Jahren das viel wichtigere Amt des entscheidenden Richters man den Juden nicht mehr verschließen konnte; wenn allerdings der Minister unter 156 bayerischen Abgeordneten sich die wohlgezählten 102 Zentrumsabgeordueten ansieht, wird er kluger Weise den unerträglichen Kampf für die Gleichberechtigung der Konfessionen dieser Mehrheit gegenüber unterlassen. Lediglich von dem liberalen Abgeordneten Oberamtsrichter Berdel in Waldmohr i. d. Pfalz berichtet der Sitzungsbericht nach der „Augsburger Abendzeitung" folgende Bemerkungen: „Gegenüber der Aeußerung des Abgeordneten Gerber, daß im Volk draußen ein gewisses Mißtrauen gegen die israelitischen Richter bestehe, und daß es sich daher nicht empfehle, solche Richter auf kleinere Gerichte hinauszusetzen, bemerkt Redner: Wir stehen auf dem Standpunkt, daß die Religion int Richterstand keine Rolle spielen darf und tatsächlich auch keine Rolle spielt. Zu einem Mißtrauen gegenüber den israelitischen Richtern bestehe kein Anlaß. Er glaube allerdings, daß diese nichts dagegen einzuwenden hätten, wenn sie nur in München, Nürnberg oder Fürth artgestellt würden." & ... Jetzt erst erfährt man, wie die Reaktion in Rußland die Bevölkerung durch Proklamationen ustv. auf die kommenden Ereignisse vorbereitet hat. Eine solche Proklamation lautet: „Großes russisches Volk! Schlagt die Juden, welche die Feinde aller Ordnung sind! Im ganzen heiligen Rußland schlägt man diese Banditen. Wir Einwohner von Petersburg wollen unfern übrigen russischen Brüdern darin nicht nachstehen. Laßt unsere Stadt nicht beschämen. Strafen wir alle diejenigen, die das heilige Rußland und den großen Zaren verhöhnen. Tod den Juden!" Eirxe zweite Proklamation trug die Ueberschrift: „Tod den Juden!" Die Ueberschrift war eingefaßt mit einem Kreuz, > einer Axt, einen Säbel, einem Revolver, einem Messer, einer Sense und Kugeln. Zu diesen Mordgegenständen kam schließlich noch hinzu ein Totenschädel und last not least die russische Fahne, das neueste Kampfzeichen des Gesindels und der Mordpatrioten in Rußland. Diese vielversprechenden Embleme entsprachen vollkommen dem Inhalt des Zirkulars, welches folgendermaßen lautete: „Russisches Volk, erwache! Man beleidigt Dich, man verhöhnt Dich und der Batuschka Zar weiß davon nichts. Er ist umgeben von Juden, wie Witte und seinesgleichen. .Man läßt ihn nicht lesen die russischen Zeitungen. Witte will nur überall Juden hineinbringen. Dann aber wartet Deiner ein großes Unglück. Du wirst nicht mehr dürfen russisch reden! Du wirst nicht zu Deinem Gott beten dürfen wie immer! Laßt uns mit den Inden Krieg führen! Laßt uns sie prügeln! Beginnen wir mit dem verfluchten Witte! Es gibt bei uns genug Leute, die bereit sind, sich für den Kaiser,'das Vaterland und uns zu opfern. Wir werden nicht ruhen, bis wir den letzten Juden geschlachtet haben werden! Als ersten haben wir uns den Dieb Witte vorgemerkt und Ihr werdet bald von seinem Tode hören. Hundert Menschen haben geschworen, sich einer nach dem andern zu opfern und werden wir ihn erschlagen wie einen Hund. Schlagt alle Juden und Judengenossen! Tod Witte!" Unterzeichnet ist dieser rohe Ausruf: „Moskau, die russischnationale Moskauer Liga." Eine dritte gegen Witte und die Semstwomänner gerichtete Proklamation lautet: „Rechtgläubige! Weshalb verratet Ihr Rußland? Weshalb hört Ihr auf unsere Gutsbesitzer, die nur att sich denken und sich um das Volk nicht kümmern? Alle fremden Völker, die von Rußland unterjocht wurden, möchten sich jetzt befreien. Die Juden sind bewaffnet und warten den Moment ab, in welchem sie sich baden können in russischem Blut. Alle diese Bewegungen werden von Witte unterstützt, der eine Jüdin zur Frau hat. Er hat sich in das Vertrauen des Kaisers geschlichen, stellt sich hin als treuer Untertan, denkt aber in Wirklichkeit nur, Kaiser von Rußland ztt werden! Er möchte sich an Staatsgeldern bereichern, hat das Branntweinmonopol eingeführt, und nun siedelt er sogar nach Kameno Ostrow Prospekt Nr. 5 über, um in der Nähe des Winterpalais zu sein." Derartige Aufrufe, über welche matt sich im Westen höchlichst amüsieren würde, sind in Petersburg sehr ernst getiommen worden. Eine Deputation des Zentralbureaus des Vereins für die jüdische Gleichberechtigung begab sich am 2. November zu Witte und erklärte ihm, daß nur die sofortige Proklamierung der jüdischen. Gleichberechtigung imstande sein wird, alle die drohenden Krawalle zu verhindern. Graf Witte erklärte, letzteres nicht tun zu können. Dagegen wird die Negierung in der Goffudarstweneia Duma den Antrag stellen, alle die Juden beschränkenden Gesetze aufzuheben. Da die Krawalle im Reiche inzwischen großen Umfang angenommen Hattert, wurde die Deputation bei Witte zum zweiten Male vorstellig. Graf Witte vermochte nur zu erwidern, daß die Aufhebung der Judengesetze von der Regierung in der Gossudarstweneia Duma eingebracht werden wird. Die Negierung habe alle nötigen Vorkehrungen. getroffen, um die Wiederholung der Krawalle unmöglich ztl machen. Derartige leere Versprechungen und Wechsel auf die Zukunft vermochten jedoch nicht, die jüdische Bevölkerung über die drohende Gegenwart hinwegzuhelfen, und so wurden alle möglichen Vorbereitungen getroffen, um dein Pöbel nötigenfalls mit bewaffneter Faust entgegenzntreten. * Bis zum 1. d. M. ergaben die Sammlungen für die russischen Juden beim Hilssverein der deutschen Inden mehr als I V-Million, beim Frankfurter Komitee 675 000 Mark bei der Alliance Israelite in Paris V!* Million Francs und bei der Israelitischen Allianz in Wien 500000 Kronen. Eine gleiche Summe soll bereits in Ungarn ausgebracht worden sein. In England ergaben die Sammlungen bis jetzt 78 750 Pfund. Es steht jedoch bei der großen Erregting, welche die blutigen Ereignisse in Rußland hervorgerufen haben, mit Bestimmtheit zu erwarten, daß die christliche Beteiligung noch große Dimensioneu annehnien wird. Einegewaltige Bewegung hat sich der Juden Amerikas bemächtigt. Die Wohlhabenden bringen gleich zu den Meetings ihre Scheckbücher mit. Das von Major Weäver organisierte Hilfskomitee in Philadelphia hat in wenigen Tagen 5Ö 000 Dollars. aufgebracht. Komitees haben sich gebildet in St. Franzisko, St.' Louis, Boston und Baltimore.

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