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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 daraus' erzielte Reingewinn 488,58 M. - Wie- -bisher' erhielten... die Mädchen Fortbildungsunterricht im Lesen, Schreiber^ Rechnen und in Religion. Neben den Vorstandsmitgliedern Frau Elise Lipschütz und Direktor- Grunwald war es besonders Fräulein Hedwig Mosse, die den Zöglingen diesen Unterricht erteilte. Nach zweijährigem Aufenthalt in der Anstalt sind 16 Mädchen in den Dienst entlassen worden, wovon 4 zu ihren Eltern zurückgekehrt sind. In der Zeit vom 1. April 19 02 bis 80. September 1905 sind 64 Mädchen aus dem Hause abgegangen, wovon 2 als krank, 4 als untauglich entlassen und 58 in den Dienst getreten sind, von denen 50 sich noch jetzt im Dienst befinden. Die einlanfenden Berichte lassen erkennen, daß die in eisten den Dienst zur Zufriedenheit ihrer Herrschaft verrichten, sich hierbei wohl fühlen.und in der Ent Wicklung fortschreiten. Freilich sind abermals einige Zöglinge durch unverständige Verwandte ihrem Berufe abwendig gemacht worden, aber nach den in den letzten Jahren gemachten Erfahrungen ist zu erwarten, daß selbst diejenigen Mädchen, die zu ihren Eltern zurückgekehrt oder auf Veranlassung von Verwandter: in Geschäfte und Fabriken eingetreten sind, über kurz oder lang wieder in den Dienst treten, werden. Der.Gesundheitszustand in der Anstalt war ein günstiger. Herr Sanitätsrat Dr. Schäfer hatte die Güte, die Mädchen, soweit sie nicht in das jüdische Krankenhaus ausgenommen wurden in Behandlung zu nehmen, während Herr Zahnarzt Lippmann bereitwillig . wie bisher zahnärztliche Hilfe gewährt hat. Die Mitgliederzahl ist um 50 gegen die Zahl im Vorjahre gestiegen. Indessen sind auch die Kosten der Verwaltung im letzten Jahre infolge der Erhöhung aller Lebensmittelpreise, wie auch aus Anlaß vermutlich nur vorübergehender Ursachen erheblich gewachsen. So beliefen sich die Ausgaben für das Jahr 1904/05 bei 30 Zöglingen auf 15 615,16 Mark gegen 12 226,21 Mark im Jahre 1903/04 bei 29 Zöglingen." Mit einem warmen Appell an die Mitglieder und Freunde der Anstalt, ihre Hilfe auch ferner der Verwaltung nicht zu versagen, schließt der Vorsitzende seine interessanten Ausführungen. Hieraus erstattet Herr Otto Pariser den Bericht der Revisoren und beantragt die Entlastung für den Vorstand, die einstimmig erfolgt.' Ebenso einstimmig erfolgt die Wiederwahl der turnusmäßig ausscheidenden Vorstandsmitglieder Direktor Grunwald und Rechtsanwalt Felix Makower, -sowie die Wiederwahl des Herrn Otto Pariser und die Neuwahl des Herrn Carl Schiff als Revisoren. Allgemein bedauert wird, daß der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Justizrat B. Breslauer, aus dem Vorstande ausscheidet und keine Wiederwahl annimmt. Persönliche Umstände zwingen ihn hierzu. Er scheidet aus dem Vorstande mit dem Wunsch, daß der Verein „Mädchenhaus Pankow" im Sinne seines Begründers, des unvergeßlichen Justizrats Makower für alle Bestrebungen ähnlicher Art allezeit vorbildlich sein und bleiben möge. Der Vorstand besteht zurzeit aus den Herren Emil Moste, Kommerzienrat Heinrich Eisner, Direktor Grunwald, Rechtsanwalt Felix Makower, und den Damen Gertrud Moste, Hedwig Löwe und Elise Lipschütz. Dem Schutzdamenkomitee gehören die Damen Olga Eisner, Anna Reich, Florette Saulmann und Sara Saulmann an. Wir wünschen dem Verein auch ferner das beste Gedeihen. Möge es ihm gelingen, seine Ziele in vollstem Umfange zu verwirklichen. 8 Berti«, 21. November. Dem bisherigen Senior der Stadtverordnetenversammlung, Herrn Sanitätsrat Dr. Neumann, wurde gestern durch eine-Abordnung unter Führung des Vorstehers D.-Langerhans, der Stadtverordneten Gericke und Justizrat Cassel, aus Anlaß seines Scheidens aus der Versammlung, folgende Adresse überreicht: . „Ein halbes Jahrhundert fast sind Sie Mitglied der Stadtverordnetenversammlung zu Berlin und haben in dieser langen Zeit dauernd Ihren. Fleiß und Ihre"' reichen geistigen Gaben, Ihre große Erfahrung mit voller Hingebung den Aufgaben der Gemeindevertretung der Stadt Berlin gewidmet. Diese Aufgaben haben sich ' in-den letzten -Dezennien durch das enorme Wachstum der Stadt, das Erblühen von Industrie und Handel außerordentlich gesteigert. Sie, als anerkannter Statistiker-, haben uns allezeit mit wohl überlegtem Rate zur Seite gestanden." In der Adresse kommt dann zum Ausdruck, daß der Jubilar, der sein 86. Lebensjahr vollendet hat, stets als „erster Streiter für das Recht der Selbstverwaltung" eingetreten ist, und daß alle Kollegen mit Bedauern Kenntnis von dem durch Alter und Krankheit verursachten Scheiden, genommen haben. Zum Schluß wird noch gesagt, daß auch fernerhin sein Rat willkommen fei und die Versammlung ihn mit Stolz stets zu den Ihrigen zählen wird. Dr. Neumann dankte den Erschienenen bewegt für die außergewöhnliche Aufmerksamkeit. Berlin, 23. November. Vorgestern ist hier der Geheime Sanitätsrat Dr. Leopold Brühl nach längerer Krankheit im 70. Lebensjahre gestorben. Brühl hat ein Menschenalter lang im Dienste des kaiserlicheu Gesundheitsamtes gestanden. Bald nach der Errichtung des kaiserlichen Gesundheitsamtes im Herbst 1876, begann Brühl dort seine Arbeit. Er war damals neben dem Direktor Dr. Struck und den beiden . ordentlichen Mitgliedern Professor Finkelnburg und Professor Roloff der einzige Studierte im kaiserlichen Gesundheitsamt. Als solcher hatte er bei der ersten Organisation des Amtes, die sich vor allem auf die Beschaffung der Grundlagen einer Statistik der Todesursachen im Deutschen Reiche bezog, mitzuarbeiten. 1878 wurde Brühl als technischer Hilfsarbeiter etatsmäßig angestellt. Er hat dann die aufsteigende Entwicklung des Gesundheitsamtes miterlebt, deren Hauptstadien durch die Errichtung eines chemischen Laboratoriums (zuerst unter Sell). eines experimentellhygienischen Laboratoriums (zuerst unter Wolffhügel) und was sich als besonders wichtig erwies, des bakteriologischen Laboratoriums unter Robert Kochs Leitung und die Erweiterung des medizinal statistischen Dienstes bezeichnet werden. Aus seiner amtlichen Tätigkeit schöpfte Brühl vielfältige Anregung zur literarischen Arbeit. Er veröffentlichte in den Tageszeitungen fortlaufend Mitteilungen über Hygiene und Medizinalstatistik. Gemeinsam mit Jahr fertigte er eine größere Untersuchung über den Gang der Diphterie in Deutschland. Seit 1858 Arzt, wurde Brühl 1897 zum Sanitätsrat und 1901, als er in den Ruhestand trat, zum Geheimen Sanitätsrat ernannt. Er war der einzige Jude, der in einem Neichsamt gegenwärtig an gestellt war. Ehre seinem Andenken! Gesterreich-Ansarn. El Wie«, 27. November. Der Vorstand der isr aelitischen- Kultusgemeinde hat in der am Mittwoch, den 15. d. MtS. stattgehabten öffentlichen Plenarsitzung einhellig folgende Resolution gefaßt: Wir Vertreter der Wiener Judenschaft haben uns heute versammelt, um im Namen derselben öffentlich Ausdruck zu geben der aus tiefstem Herzen quellenden Empörung über die Duldung jener erschütternden Vorgänge in Rußland, welche gegenwärtig die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllen. Nicht mit jenen wollen wir rechten, welche in tierischer Verkommenheit ihrem Blutdurste und ihrer Nachsucht fröhnen; unsere Anklage gilt vielmehr jenen Faktoren, welche durch skrupellose Auswühlung der Volksleidenschaften, durch unerhörte Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus fanatisierter Banden an entsetzlichen Greueltaten sich mitschuldig gemacht und sich als die intellektuellen Urheber furchtbarer Schandtaten mit unausrottbarer Schmach beladen haben. Inunsagbarem Schmerze um die hingemordeten Märtyrer, in angstvoller Scwge um unsere unglücklichen Brüder in Rußland rufen wir die Mächte an, sich, wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen der Zivilisation, des Rechtes und der Gesittung zu gemeinsamer Aktion zu vereinigen und die russische Regierung mit allem Nachdrucke an ihre Pflicht zu mahnen, dem wahnwitzigen Treiben, welches die schrecklichsten Vorgänge mittelalterlicher Barbarei in den Schatten stellt, Einhalt zu gebieten. — Nachmittags 4 Uhr versammelten sich in sämtlichen Synagogen und Vereinsbethäusern Wiens zahlreiche Andächtige-, um den Trauerfeierlichkeiten, die aus demselben Anlasse veranstaltet wurden, beizuwohnen. Im Tempel in der Seitenstettengasse intonierte Oberkantor Singer unter Assistenz des Tempelchores den von Sulzer vertonten Psalm 49. Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt die Gedenkrede. — Das Ergebnis der von der „Israelitischen Allianz zu Wien" durch einen Aufruf zugunsten der Opfer der Exzesse eingeleiteten Spendensamrnlung beträgt mehr als 400 000 Kronen. — Der Bukowinaer Landtag beschloß eine Entrüftungskundgebung gegen die Menschenschlächtereien in Rußland.

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