Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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69. Jahrgang. No. 48, ' Berlin, 1. Dezember 1905. Vellsge zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums" tzorrklpondrn?en und Kgchrichten. Deutschland. S. Berlin, 26. November. In der heutigen Repräsentantenversammlung teilte der Vorsitzende Herr Louis Sachs zunächst geschäftlich mit, daß der Gemeindevorstand dem Repräsentantenbeschlusse, die Petition um Errichtung einer Orgel in der Synagoge Rhkestraße in einer gemischten Deputation zu beraten, beigetreten ist und die Herren Sanitätsrat Dr. Stern als Vorsitzenden und ferner Justizrat Timendorfer und Netter abgeordnet hat. Dieser Deputation ist auch die jüngst eingegangene, den gleichen Wunsch betreffende Petition des „Liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde" zur Beratung überwiesen worden. Nach einem ferneren Schreiben hat der Gemeiudevorstand .die schenkungsweise angebotene Bibliothek des Herrn Sanitätsrat Neumann vorbehaltlich der landesherrlichen Genehmigung angenommen. Herr Prof. Geiger teilt hierzu mit, daß mehrere Mitglieder der Bibliothekskommission in feierlicher Deputation dem Spender für das hochherzige Geschenk gedankt und die Freude gehabt hätten, konstatieren zu können, daß Herr Sanitätsrat Neumann diesen Dank mit großer Rührung beantwortet habe. Herr Louis Sachs nimmt ebenfalls nochmals Veranlassung, dem Stifter für den wissenschaftlichen Schatz herzlichen Dank auszufprechen. Im Anschluß daran gibt er bekannt, daß von dem beabsichtigten Trauergottesdienst, der eigentlich heute stattfinden sollte, zum großen Leidwesen der Repräsentanten habe Abstand genommen werden müssen; die Verhältnisse hätten sich so gestaltet, daß der Gemeiudevorstand nicht irr der Lage war, diesen einzurichten. Die Versammlung gebe sich jedoch der Hoffnung hin. daß sich in allernächster Zeit doch Mittel und Wege finden werden, diesen Trauergottesdienst, der ganz dem Sinne der Bevölkerung entspreche, noch zur Allsführung zu bringen. — Alsdann schritt die Versammlung zur Ergänzungswahl des Gemeindevorstandes, die in getrennten Wahlgängen mittels Stimmzettel vorgenommen wurde. Bei Anwesenheit von 15 Mitgliedern wurden wiedergewählt: Justizrat Dr. Lach mann einstimmig, Karl Leopold Netter einstimmig, Sanitätsrat Dr. Stern einstimmig. Julius Oliven mit 12 Stimmen (2 Stimmen entfielen auf Geheimrat Goldberger), Justizrat Timendorser einstimmig an Stelle des verstorbenen Martin Sirnon, als Aeltestenstellvertreter Herr Leopold Badt einstimmig auf die Dauer von 6 Jahren, Dr. Wilhelm Feilchenfeld einstimmig ans die Dauer von 8 Jahren und schließlich ebenfalls aus die Dauer von 3 Jahren Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Pi nner von der hiesigen Tierärztlichen Hochschule mit 11 Stimmen, während 4 aus Herrn Emil Pincus entfielen. — Eine Zuwendung der Frau Dorothea Bielschowski im Betrage von 12000 M. an die Altersversorgungsanstalt wurde debattelos genehmigt. — Ohne Diskussion wurde auch der Rechnungsabschluß des zweiten Waisenhauses pro 1904—1905, der bei einem Bestand von 56 Zöglingen eine Nachbewilligung von 1256,84 Mark erforderte, decharchiert. — Eine nur kurze, vielleicht zu kurze Debatte schloß sich an die Vorlage betreffend Bewilligung eines Extrazuschusses an die Armenkommission. Die letztere hat um einen Extrazuschuß von 12 000 Mark für das lausende Jahr nachgesucht und ihren Antrag mit dem Rückgänge der Geschenke gegenüber dem Vorjahre, der erhöhten Zahl der Unterstützungsgesuche in dem ersten Semester — es gingen nämlich 542 Anträge um Unterstützung mehr ein als im ersten Semester des Vorjahres — und dem voraussichtlich gleich-" falls erhöhten Bedürfnisse im zweiten Semester des Verwaltungs-' jahres begründet. Der Gemeindevorstand hat das Bedürfnis in der angegebenen Höhe nicht anerkannt. Wenn die Armenkommission angibt, daß die Geschenke im ersten Semester gegen die im gleichen Zeiträume des Vorjahres um 5300 Mark zurückgeblieben sind, so soll hierbei übersehen sein, daß nicht die Einnahmen des Vorjahres, sondern die des Etats maßgebend sind und die betreffende Einnahmeposition im Vorjahre gegen 5800 Mark mehr ergab als im Etat vorgesehen war. Auf der anderen Seite wäre es unter solchen Umständen nicht angängig gewesen, bei einem Ausgabsetat vom 57 000 Mark für laufende und 45 650 Mark für einmalige Unterstützungen für das Jahr 1905/06 im ersten Semester allein 32 670 Mark beziehungsweise 25 615 Mark, zu verausgaben, das ist. noch mehr als die Hälfte der gleichen Ausgabeposition im Vorjahre.. Endlich aber sei in dem Voranschläge, den die Armenkommission ihrem Anträge beifügt, für das zweite Semester mit dem gleich hohen, den Etat wesentlich überschreitenden Bedarf gerechnet. Mit einem steigenden Bedarf hätten die Gemeindebehörden bei Festsetzung des Zuschusses' der Armenkommission durch eine jährliche Erhöhung gerechnet; auch gewähren die von Jahr zu Jahr sich mehrenden Zinsen aus Stiftungen der Kommission die Möglichkeit, unvorhergesehenen Anforderungen zu begegnen und Ausfälle an Einnahmen auszugleichen. Doch auch abgesehen hiervon, müsse an dem Prinzip festgehalten werden, daß unsere Armenpflege eine freiwillige.sei, die durch die vorhandenen Mittel ihre Begrenzung finde. Aus diesen Gründen hat sich der Gemeindevorstand nur entschlossen, 7000 Mark nachzubewilligen, das heißt den Betrag, der tatsächlich im ersten Semester gegenüber dem Etat zu viel verbraucht worden ist, und hat die Erwartung ausgesprochen, daß die Kommission bemüht sein werde, für das zweite Semester mit den'etatsmäßigen Summen auszukommen. Der vorberatende Ausschuß hat sich diesen Motiven unterworfen, jedoch in einer Resolution den'Wunsch ausgesprochen,' den weiteren Antrag der Kommission nochmals dem Gemeindevorstand zu unterbreiten. Rechtsanwalt Dr. Cvhn unterstützt mit sanftem Nachdruck die Resolution. Er weist auf die der Armenkornmission sich bietenden großen Schwierigkeiten hin, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln auszukomnren und bittet, die Teuerungsverhältnisse des letzten Jahres wohl zu berücksichtigen, die zweifellos die Anzahl der Unterstützungsgesuche so rapid gesteigert hätten. Sehr mit Recht betont Dr. Cohn noch, daß infolge der russischen Greueltaten gerade bei-uns ein bedeutender Zuwachs der Armenlasten eintreten wird und die Verhältnisse uns zwingen werden, für die unglücklichen Opfer etwas tun zu müssen. Herr Löwenthal sowie Herr Weinberg - geben in beweglichen Worten dem Bedauern Ausdruck, daß die -früher so reichlich fließenden Geschenke an die Armenkommission bedeutend zurückgegangen sind. Und wahrlich der Appell an unsere wohlhabenderen Glaubensgenossen kann nicht warm genug sein, um sie wieder zu veranlassen, bei traurigen und freudigen Anlässen der Armenkommission zu gedenken, die mehr denn je größter Unterstützung bedarf, um allen an sie herantretenden Ansprüchen genügen zu können. Damit war die Debatte erschöpft. Es steht zu erwarten, daß der Gemeindevorstand nach nochmaliger Beratung die zunächst verweigerten 5000 Mark doch noch nachbewilligt. Am allerwenigsten kann man wohl unserer sorgsam arbeitendenArmenkommission den Vorwurf machen, daß sie die vorhandenen Bestände mit vollen Händen austeilt, und die.bisher über den Etat hinaus mehr bewilligten 7000 Mark .geben doch nur den unwiderleglichen Beweis, daß sich die Kommission den an sie gestellten Anforderungen unmöglich hat entziehen können. — Die Verhandlungen wurden hiernach abgebrochen, um die Einführung des -neugewählten Aeltesten-Stellvertreters Dr. Wilhelm Feilchenfeld vorzunehmen. In längerer 'herzlicher Ansprache begrüßte und verpflichtete der Vorsitzende das neue Mitglied des Gemeindevorstandes auf sein Amt. Er wies darauf hin, daß es den Gemeindebehörden sehr erwünscht sei, in dem neuen Mitgliede eine jüngere Kraft zu haben, die ein großes Verständnis, für das soziale Gebiet der Armenpflege mitbringe, zu deren Verwaltung es in erster Reihe berufen fei, und spricht die Hoffnung aus, daß auch das neue Mitglied bemüht sein werde, das gute Einverständnis zwischen den Schwesterbehörden zu wahren. — Mit der Uebernahme der Schule der Charlottenburger Religionsgemeinde in.