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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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576 der Sicherheit halber ausgepeitscht werden wird. Und insofern.- Dein Chef nicht davon laufen wird, harrt seiner dasselbe! Vorwärts!' Man gebe ihm diese Mähre zurück — — und er mache sich aus dem Staube, so lange er noch ganze Knochen hat." Die Husaren nahmen den Befehl des Obersten mit Begeisterung auf. Der Ulan, zu den Vorposten beim Walde eskortiert, drückte die Sporen in die Weichen seines Pferdes und verschwand an einer Straßenkrümmung. Und von Gringer, jedes Wort einhaltend, schickte einen Soldaten mit dem Aufträge zum Landrat, daß er mit dem alten Berko entsprechend zu Werke gehe. Die alarmierenden Hornsignale, der Trommelwirbel, die die Miliz auf die Hauptwache zusammenriefen, der Marsch der Husaren, hatten das Städtchen aus dem Schlafe geweckt. Alles eilte auf den Ringplatz, nach der Ursache der Panik fragend. Die Miliz gab geringschätzende Antworten. Hier und da erwartete man zitternd die Rückkehr der Husaren. Josielowiez, der sich von den Vorfällen der letzten Nacht kaum erholt hatte, wurde auf die Hauptwache gebracht. Rachel und Sarah mit dem Kinde, über Berkos plötzliche Verhaftung bestürzt, schleppten sich weinend der Miliz nach. Reb Abram, unter der Volksmenge stehend, blickte traurig auf den von Bewaffneten eskortierten Berko und belehrte mit Autorität: .„Es ist auf ihn gekommen! Er muß büßen. Wer seinen Sohn der Schande der ganzen Gemeinde preisgab, dessen harrt solch ein Ende! Jetzt wird ihn niemand verteidigen, niemand wird sich seiner annehmen! Durch den Sohn ist auch auf ihn eine Strafe gekommen! Eine verdiente Strafe!" „Solch ein alter Mensch! Was ist er schuldig?" ließ sich jemand aus der Menge schüchtern vernehmen. Reb Abram schüttelte düster sein Haupt. „Er ist -schuldig, als der Sohn die Flucht ergriff, hätte er ihn in den Bann tun sollen. Er aber nahm ihn wieder auf. Hat doch Reb Samuel eben deshalb seine Tochter verleugnet, weil sie durchaus diesen . . . Abtrünnigen heiraten wollte. . . Reb Samuel . . , das ist ein frommer Mann! Das ist unsere Zierde! Aus jedem seiner Worte fließt tiefe Klugheit!" Niemand wagte es, zu widersprechen und Nathans und Silberwassers Partei pflichtete ihm eifrig bei. „Er war so hochmütig! Es geschieht ihm recht! Er wollte Vorsteher werden! Diese seine Schwiegertochter spielte sich auf die Magnatin heraus." , (Fortsetzung folgt.) - - Und jubelnd springt von Mund zu Mund die Kunde: „Nun sind wir keine Herde rechtlos mehr, Nun sind auch wir ein Volk, sind frei, sind frei!" Und Männer, die sich nie zuvor gesehen, Umarmen sich und drücken sich die Hand, Und Frauen steh'n dabei und weinen still, Und Kinder mischen ihr Frohlocken drein. Und aus den engen Gassen kommen zögernd Auch Judas Söhne, tief gebeugt den Nacken, Wie unter einer unsichtbaren Last. Doch in den hohlen Augen glüht ein Feuer Und auf den hageren Wangen strahlt ein Schein So hell und hoffnuugsfroh wie Morgensonne. „Auch wir sind frei? Sind, keine Parias mehr? Jst's wahr? O Vaterland, so lohnst du endlich Doch unsre Treue. Dank dir, heißen Dank! Nun dürfen frei wir uns zu dir bekennen. Ja, Vaterland, wo ist ein Boden heiliger, Als wo in Sehnsuchtsschmerzen wir geduldet? . Wo sind wir mehr daheim, als wo wir litten? Doch jetzt den Nacken stolz und hoch die Stirn Und frei mit deinen Völkern, Vaterland!" Und fahl am grauen Himmel steht die Sonne. Und was in tiefer Nacht der Finsternis, Der Knechtschaft ward erzeugt und großgewachsen, Der Menschheit grimme, blutgierige Bestien, Die stets nach Beute spähn, das schwarze Hundert, Schleicht jetzt hervor und stürzt mit Wutgeheul Aus Judas Kinder sich, die freiheittrunknen. Und mordet, raubt und sengt in wilder Lust. Und die da wehren sollen, helfen mit, Und die da helfen wollen, sterben mit. Da stöhnt ein Kranker: „Gönnt mir noch den Tag!" Und ist erdolcht. Stumm fleht ein junges Weib, llnd sinkt zertreten nieder in den Staub. Da schluchzt die Mutter um des Kindes Leben, Und Kind und Mutter trifft derselbe Streich. Seht da den Alten, hoch ragt er empor, Die weißen Locken wehn ihm um die Stirn, Jst's nicht Jeremias, ist's nicht der Prophet? Und ruft er klagend nicht wie einst: „O Gott, Sie liegen auf den Straßen, meine Kinder. Die Knaben und die Greise, Jungfrau und Jüngling, Sie find durchs Schwert gefallen, schonungslos?" Ist nicht Jeremias, ist nicht der Prophet, Ein Opfer sinkt er bei den Opfern nieder. Ißrolog. Von I. Löwenberg.i) in Spätherbsttag. Die Nebel ziehen kalt Und düster um die Stadt. Vom grauen Himmel Blickt fahl, als läg im Sterben sie. die Sonne. Und von den Zweigen, die des Frühlings Knospen Schon hoffend tragen, rinnt's in Tränen nieder. Die Menschen schleichen still und scheu umher, Das Aug' voll heißer Sehnsucht und voll Angst: Was bringt der nächste Tag, die nächste Stunde? Da gellt ein Knabenruf: „Das Manifest!" Und abermals: „Das Manifest! Das Manifest!" Und zitternd fliegt von Hand zu Hand das Blatt, Und fahl am grauen Himmel steht die Sonne. Da schwingt sich auf des Sturmes Roß der Schauder Und jagd von Land zu. Land, von Volk zu Volk, . Und an ihn klammert sich ein nacktes Kind, Mit großen Augen, hilfeflehend, das Mitleid. — — Wir wissen's all: Aus Nacht ringt sich das Licht. Wir wissen's Wohl: Die Freiheit schenkt sich nicht,- Sie will errungen, will eropfert sein, Und immer noch war blutgedüngt ihr Feld. Und dennoch packt es uns — und dieser Schauder, Der Schauder vor der Menschheit schwarzem Hundert, Und mehr noch, dies Gefühl, das weich und warm Wie Kindeshand an unsere Herzen pocht, Sie künden uns: Ob Land und Volk euch trennen. Ob Glaube oder Sitten euch auch scheiden, Trotz allem und trotz allem ihr seid Brüder! So helfet denn als Brüder, helft, o helft! ., *) Für die Vorstellung zugunsten der russischen Juden im Stadttheater zu Hamburg. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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