Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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%SüUi hecnr? Srrko Jokrlowic?. Historische Novelle von Waclaw Gonsiorowski. Deutsch von S. Horowitz. I. 3n der Gaststube steigerte sich inzwischen der Lärm. Das Uebermaß der Getränke erhitzte die Köpfe. Ein Teil der Offiziere zog hinaus in die dunklen Gassen und spazierte geräuschvoll, ein Teil sammelte sich um die Tische und tat sich am Wein gütlich. Einer der Leutnants brachte zwei Spielleute. Die Geigen paßten sich dem Willen der ausgelassenen Sippe an. Der Rittmeister von Stieglitz, der nach dem Alkoven gegangen war, um von Berko noch bessern Wein zu verlangen, erblickte Plötzlich im Winkel das über dem Bette des Sohnes gebeugte längliche Gesicht Sarahs. Dem Rittmeister begannen die Augen zu funkeln. „He, meine Herren!" rief er. „Dieser alte Nichtsnutz versteckt sich hinter eine Dame!" Die Offiziere standen torkelnd aus. „Was? Wo? Her mit ihr!" Der Rittmeister ergriff Sarah bei der Hand. * „Komm, Turteltäubchen! Zur Gesellschaft! Eine solche hat eben gefehlt!" „Herr!" flehte Sarah. „Lassen Sie mich los!" „Daraus wird nichts!" „Gnädiger Rittmeister!" stöhnte die bestürzte Rachel. „Das - ist doch meine Schwiegertochter . . . eine verheiratete Frau!" „Deine Schwiegertochter!" rief von Gringer. „Also die Frau eines polnischen Offiziers! So ist ihr Platz unter Offizieren!" Rachel klammerte sich an Sarahs Kleid, von Stieglitz aber riß sie gewaltsam los. „Mach, daß Du wegkommst, Du alte Vettel!" Die Offiziere zerrten Sarah in die Stube. Berko saß zitternd, mit blutunterlaufenen Augen. Seiner- Brust entrang sich ein dumpfes Stöhnen voll ohnmächtiger Wut. Rachel lag ohnmächtig bei der Wand. Das Gasthosgefinde stob erschreckt auseinander. Aus der Gaststube drang in den Alkoven verzweifeltes Schreien und der Widerhall eines erbitterten, mit den betrunkenen Husaren geführten Kampfes. Josielowicz versuchte es noch einmal, die Offiziere zur Besinnung aufzufordern, aber brutal zurückgestoßen, mit den Füßen getreten, vermochte er kaum, sich bis zur Schwelle der Herberge zu schleppen. Sarah aber leistete mutigen Widerstand. Ein Teil der Offiziere, von Sarahs Hartnäckigkeit gelangweilt, zog sich zurück. Nur der Rittmeister von Stieglitz ließ Sarah nicht einen Moment los und bemühte sich, sie zu bewegen, daß sie Wein trinke. „Auf das Wohl Deines Mannes! Trinke!" „Ein famoser Witz!" krächzte der Oberst. „Trinke, sage ich! Sonst gieße ich^s Dir in die Kehle!" „Herr! Was habe ich Euch getan?" „Ohne Sentimentalität . . ich hab> gesagt!" Von Gringer erhob sich schwerfällig von seinem Sitze. „Meine Herren, es ist Zeit, auszubrechen! Schaut, der Tag graut bereits . „Herr Oberst!" sträubte sich Stieglitz, kläglich auf Sarah weisend. „Du hast das vollste Recht, sie als - Kriegsgefangene ins Lager mitzunehmen."; „Es lebe der Oberst!" Die Offiziere brachen auf, Sarah mit sich schleppend. Die Morgenluft ernüchterte einigermaßen die Husaren. Von Gringer blickte sich ungeduldig nach Stieglitz um. „Rittmeister, laß diese Jüdin! Sie quietscht und winselt, daß man es nicht anhören kann!" „Nein, Herr Oberst! Sie haben erlaubt. Ich denke nicht einmal daran." Plötzlich ließen sich in der schmalen Gasse starke und schnelle Hufschläge vernehmen. Der Oberst richtete den Kops empor. „Kein Zweifel: eine Estaffette vom General!" brummte er. Das Getrappel kam schnell näher. Ehe die Offiziere von Gringers Vermutungen zu teilen vermochten, stürzte ein Husar auf schaumbedecktem Rosse aus den Ringptatz, und von weitem den Obersten erkennend, sprengte er auf ihn zu. „Was gibts?" frug von Gringer zornig. „Eine Ordonnanz vom Pluton des Leutnants von Kolbe. Die Ulanen sind vor der Stadt!" sprudelte der Husar hastig hervor. „Ulanen? Was für Ulanen?" „Polnische!" „Kreuz, Bombenelement! Wie stark?" „Zwei Schwadronen!" „Ho! Da harrt ihrer eine Ueberraschung! Reite sofort zurück — sage dem Leutnant, daß er sie nicht aus dem Auge lasse! Also, meine Herren, mir nach! Man alarmiere das Lager! Rittmeister, lassen Sie die Jüdin laufen!" Von Stieglitz gab Sarah frei. Bald darauf ertönten in Kock Alarmfanfaren. Die Husaren-Schwadronen formierten sich hastig aus dem Ringplatze. Der Oberst erteilte die letzten Befehle. Die österreichische Miliz stand Gewehr bei Fuß. Als die Truppen sich in Bewegung setzen sollten, kam der aus dem Schlafe geweckte Landrat herbeigerannt. „Herr Oberst, wäre es nicht sicherer, die Kasse mit den Akten über den Fluß zu schaffen . . und Vorbereitungen zu treffen, um die Brücke verbrennen zu können?" „Sie scherzen wohl! In einer Stunde wird von dieser Bande keine Spur mehr sein. Ihre Büttel könnten mit ihnen fertig werden." Der Landrat ging beruhigt, von dannen. Die Husaren begannen langsam aus der Stadt zu ziehen, auf der nach Liping führenden Straße. Aber noch ehe sie die letzten'Häuser Kocks Passiert hatten, brachte ein Convoi des Streifplutons einen Gefangenen. Es war dies ein junger Ulan. Von Gringer befahl, ihn auszufragen. Hierbei löste er seine Zunge und er gestand, daß in einer Entfernung von einigen hundert Schritten eine feindliche Abteilung, aus zwei Schwadronen des fünften Ulanenregiments unter Kommando des Chefs Berko Josielowicz bestehend, sich befinde. Von Gringer lachte höhnisch auf. „Meine Herren! Es ist wirklich eine Schande, sich in ein Gefecht einzulassen . . . Der Chef Berko Josielowicz! Man nehme dem Gefangenen die Stricke ab." Die Husaren führten den Befehl aus. Der Oberst sagte zum Ulanen: „Höre, Du Tölpel! Du bist frei! Kehre zu Deinem Chef zurück und sage ihm in meinem Namen, daß wir mit seiner Frau die ganze Nacht zugebracht haben und daß sein Vater