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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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gießen. - Ich erinnere cta Sabbatlichte, die Habdalahbräuche, die Sederordnung rc. Jedes Fest hatte seine Prägnante, , oft bis ins Kleinste gehende, dabei weniger gesetzlich als traditionell - vorgeschriebenen Eigengebräuche. Auch an der Ausschmückung der Wohnungen mit Bildern und Sinnsprüchen fehlt es jetzt mehr als früher. Sogar die Bibeln und Andachtsbücher fehlen und werden nicht vermißt. Eine modern gehaltene Familienandacht halte ich für die Wiedergebürtsstätte jüdischer Empfindung. Hier ist positive Arbeit zu verrichten, die die Größten in Israel besonders anreizen müßte, freilich wird es dabei ohne gewisse Reformen und Kämpfe, Fehlversuche und anfängliche Mißerfolge nicht abgehen: aber das Gute wird sich doch schon Bahn brechen und einbürgern, dafür hat das Volk seinen richtigen Instinkt, man gebe ihm nur geistige und künstlerische Nahrung zur Auswahl. Die Jugend wird durch das Beispiel der Eltern erzogen, die Kinder müssen erst sehen, um zu verstehen! Die jüdische Glaubensgemeinschaft muß auch die religiöse Festgemeinschaft wieder erhalten, wie in den alten Zeiten des eigenen Reiches oder wenigstens wie vor dem Fall der Ghettvmauern, da mit dem gemeinsamen Leid alle auch die gemeinsamen Freuden teilten und die Festtage auch im Leben draußen zu spüren waren. Für den geschilderten Bildungsfaktor kann man sich schon den Einwand rückständiger Geister gefallen lassen, als ob dadurch die Assimilation aufgehalten würde! Diese vergessen vollständig, daß sie und die leitenden Kreise wahrhaftig assimiliert genug, vielleicht schon überassimiliert sind, daß aber die breiten Massen unter ihnen von der gleichwertigen Menge ihrer Mitbürger sich durch eine unendliche Zahl von mannigfachen Rückständigkeiten, besonders gesellschaftlich, unterscheiden und daß gerade dieses gesellschaftliche Ausgleichen eine Assimilationstat ersten Ranges bedeutet, ohne welche alle bisher errungenen . Positionen und Vorteile der „besser gestellten" in der Luft äugen, weil sie nicht auf der Ueberzeugung der breiten Schichten beruhen. Und letztere können sich nur an dem Verhalten von ihresgleichen ein Urteil darüber bilden, ob die Juden sich in Manieren, Sitten und Anschauungen ihnen angenähert haben. Diese wichtige Kleinarbeit, zu der die gewöhnlichen Anlässe allgemeiner, interkonfessioneller Art lange nicht ausreichend genug sind, muß in ergänzenden Feierlichkeiten noch besonders vorgenommen werden, was -übrigens verständigen Andersgläubigen — und auf die kommt es doch allein an — ruhig und offen so motiviert werden kann. Derselbe^ Gedankengang rechtfertigt auch das Dasein und die Wirksamkeit von Vereinigungen, die, ähnlich wie die über die ganze zivilisierte Welt verbreiteten Bnai-Brithlogen, an der Veredlung der jüdischen Massen von nah und fern arbeiten und zu dieser „Reinmachearbeit" auch nur Juden heranziehen können. Oder sollten diese Arbeiten unter ängstlichen „Separationsvorwänden" überhaupt unterbleiben? — Ueberhaupt geraten alle Gegner dieser Reformbestrebungen in ein merkwürdiges Dilemma und in geradezu komische Situationen! Haben wir es doch erlebt, daß in einer großen jüdischen Gemeinde Deutschlands, die ich nicht nennen möchte, um sie nicht allgemeiner Lächerlichkeit preiszugeben, bei einer allgemeinen Chanukahfeier in Form eines Unterhaltungsabends in dem 'größten Saale der Stadt, an der zirka 1000 Gemeindemitglieder, auch der erste Vorsteher der Synagogengemeinde und andere seiner Kollegen teilnahmen, ferner der Rabbiner einen populären Vortrag hielt, — — der löbliche Synagogenvorstand dem Kantor und dem Synagogenchor die Mit? Wirkung an diesem „separatischen" Feste untersagte! — Und diesnachdem bereits drei Jahre lang Festlichkeiten solcher Art in würdigster Weise unbeanstandet und mit den verpönten Organenvorangegangen waren!' W — -- Zum > Glück. verschwinden solche antediluvianischen Ansichten immer mehr und machen einem ausgesprochenen Konzentrationsgedanken, der jetzt mehr am Platze ist, seine Berechtigung immer weniger streitig. Anknüpfungspunkte für solche Gemeindeveranstal'tüngen finden sich in Hülle und Fülle. — Die vielen Spezialwohlfahrtsvereine mögen das Gesellige durch eine Feier der Stiftungsfeste pflegen, unter andern auch die Literaturvereine, die doch nicht rein wissenschaftliche Forschervereine sind,' sondern Verbände zur Vereinigung und Anregung von möglichst vielen Mitgliedern aller Stände aus geistigem Gebiete. Da kann ein Stiftungsfest mit Festvortrag, Jahresübersicht, allgemeiner geistiger Revue und mit sonstigen künstlerischen und ästhetischen Veranstaltungen nicht „statutenwidrig", sondern ganz naturgemäß sein, es sei denn, daß man es rechtfertigen wollte, jede Berührung der verschiedenen Klassen und Schichten außer der literarischen Gemeinsamkeit, d. h. dem passiven Anhören von Vorträgen, streng zu meiden. Das wäre geradezu die Sanktionierung eines Kastengeistes, wie er selbst bei den feudalsten Andersgläubigen nicht vorkommt. Auch durch die Heranbildung von Synagogenchorvereinen, die übrigens in manchen Gemeinden bereits existieren, ließe sich viel gedeihliches erzielen, was gleichzeitig dem Ausbau des Gottesdienstes zu Nutzen wäre. Auch Shnagogenkonzerte, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Bazare, Vorstellungen in Frauenvereinen usw. mit möglichster Heranziehung auch andersgläubiger Zuhörerschäft, fällt in diesen Bereich. Durch alles dieses würde das jüdische Gemeindeleben lebhafter Pulsieren und materiell und geistig auf viele anregend wirken, und mehr noch, wenn wirmlle Scheu wegließen und in der breitesten Oeffentlichkeit vor und eventuell auch mit Andersgläubigen jüdische Ideen und Interessen in modern ästhetischer und, geistiger Form zum Vortrag bringen würden, so würde das allgemeine Wohlwollen unserer Mitbürger sich uns zuwenden. So weiß man außerhalb der Judenheit nur die großartige Opferwilligkeit in materieller Hinsicht etwas zu schätzen, aber nichts von dem inneren geistigen und geselligen Zusammenhalt des Judentums, lernt jüdische Anschauungen und Manieren bei dem Schwünge . festlicher Veranstaltungen nicht kennen. Wie oft habe ich die Empfindung bei solchen Gelegenheiten gehabt: wären doch Christen zugegen, um sich hier eine richtige Meinung von uns in unserem eigenen'Lager zu holen! -- Diese wäre wahr- . scheinlich vorteilhafter, als die Beurteilung nach der unnatürlichen und gezwungenen Haltung jüdischer Mitglieder in allgemeinen Vereinen. Ich habe selbstverständlich, um nicht mißverstanden zu werden, nichts gegen ein solches Zusammenleben und -fetteren mit Andersgläubigen. soweit es die Würde und die Duldungsmöglichkeit zuläßt, ja ich bin durchaus dafür, daß jede Möglichkeit, in solche Vereine einzudringen — ohne Aufdringlichkeit — wahrgenommen werden sollte, und daß wir ferner die strittigen Positionen Zoll um Zoll erkämpfen sollen,, aber scheuen wir auch andererseits uns nicht, öffentlich unsere . der religiösen Idee direkt oder indirekt dienenden Festlichkeiten zu veranstalten und dazu tunlichst sogar die Andersgläubigen zu uns zu Gaste zu laden. So haben z. B. manche Gemeinden die löbliche Gewohnheit, zu den, Chewrahs die Spitzen der Behörden, der Kaufmannschaft usw. einzuladen unddemgemäß auch modern und würdig und den verwöhntesten Ansprüchen entsprechend auszugestalten. Dieses gesellige Zusammenleben soll die Vorurteile der sogenannten besseren Kreise vermindern und die Verstöße gegen Takt, und Sitte resp. Manieren in den anderen Schichten abschleifen helfen und somit die Angriffe, die sich über jüdische Ueberhebung und Taktlosigkeiten erheben, entkräften. (Fortsetzung folgt:)

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