Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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573 Kulturarbeit im Judentum. Von Dr. I. Lewy-Danzig. IV. ie bisher erwähnten Prinzipien jüdischer Kulturarbeit beziehen sich auf das allgemeine Wohl der Menschheit, des Vaterlandes, auf die äußere politische Lage des Judentums, sowohl in der ganzen Welt als auch in unserm engeren Vaterlande. Abgesehen von diesen Aufgaben und den schon besprochenen religiösen Problemen gibt es nun noch eine ganze Reihe von Kulturausgaben, die das innere Leben des Juden berühren und die ich „Innere Kulturarbeit im Judentnme" nennen möchte. Es ist nun zweifellos wahr, daß eine Anzahl und Unzahl von Einrichtungen und Vereinen für diese Zwecke bereits tätig sind, und doch gibt es trotz der Menge wahrhaft großartiger Wohlfahrtstätigkeiten Gebiete, die erst ganz jung erschlossen sind, des An- und Ausbaus benötigen, und es gibt sogar solche, die noch gar nicht betreten sind und erst in Angriff genommen werden müssen. Wir wollen diese Arbeitsfelder, nachdem wir das religiöse bereits betrachtet haben, noch in wirtschaftlicher, familiärer und gesellschaftlicher Hinsicht besprechen. Wirtschaftlich ist es durchaus notwendig/ eine vernünftige Ordnung und Ratgebung in der Berufswahl anzustreben und zunächst bei sich selber Einkehr zu halten und eigenem Ehrgeiz zu Liebe die Kinder nicht in die sogenannten höheren Karrieren hineinzudrängen. Die höheren geistigen und sozialen Berufsstände dürfen nicht künstlich und mit gewaltsamen Mitteln wie Nachhilfestunden und Pressen durch Mittelgut belastet werden, vielmehr sollten sie nach Art einer geistigen Auslese nur den dafür besonders Geeigneten und Begabten überlassen bleiben. Dieses Mißverhältnis, daß in Preußen zum Beispiel acht mal so viel Schüler relativ, in Berlin, als Typ einer Großstadt, fünf mal so viele, relativ, Juden höhere Schulen als Volks- oder Elementarschulen besuchen, muß zu großen Einseitigkeiten führen — ist allerdings seinerseits wieder eine Folge schon vorhandener Einseitigkeit im Berus und Stande der Eltern. Es liegt somit ein vollständiger circulus vitiosus und die Gefahr eines stetig wachsenden Fehlers vor. Es ist daher auch kaum auf Abhilfe dadurch zu rechnen, daß ähnlich wie in der Mitte des vorigen Jahrhunderts einzelne wenige Einsichtsvolle und Opferwillige ihre Kinder direkt in die bis dahin miß- und verachteten Handwerksberufe einführten — aus welcher Zeit die wenigen älteren jüdischen Handwerksmeister stammen — sondern es werden erst zahlreiche neue Berufe wie Beamte, Soldaten, Landwirte, Handwerker, den Juden erschlossen werden müssen. Immerhin können wir bei unseren Schutzbefohlenen, z. B. Pfleglingen aus Kinderhorten. Waisenhäusern eine Auslese für praktische, möglichst divergente Berufe anstreben. Hier sei der später ausführlich zu besprechende Vorschlag des Imports von bereits vorhandenen guten ausländischen Arbeitern und Handwerkern als Vorbilder Mr unsere Massen erwähnt. In Osteuropa wiederum muß die höchst einseitige Chederbildung, der zähe Widerstand der Orthodoxen gegen jede profane Bildung und Schulung mit aller Macht gebrochen und die sonstigen dort vorhandenen mittelalterlichen Rückständigkeiten wie die gänzliche Vernachlässigung der Frauenbildung und Beschäftigung aus der Welt geschafft werden. In dieser Hinsicht hat die Not der Zeiten Bresche gelegt in die Schanzen und Bollwerke starrster Orthodoxie. Und hier zumeist haben einsichtige und weitgreisende Hilfsaktionen eingesetzt und Osteuropa und den Orient mit einem großen Netze von Bildungsstätten, Volks-und Fachschulen, Acker- und Musterwirtschaften weit und breit höchst segensreich umsponnen. Brauche ich erst an bie Alliance Israelite, an die Hilfsvereine, an die J. C. A., die Orden, an die Tätigkeit von Baron Hirsch zu erinnern? Von letzterem allein sind in Galizien 50 Schulen mit ca. 10 000 Schülern eingerichtet gegen den wütendsten Widerstand der einheimischen „frommen" Bevölkerung! Vergleicht man damit die Mißerfolge, die die Bestrebungen des Schulvereins in Deutschland zur Erhaltung der vorgeschobenen deutschen Kulturpioniere und der bedrohten Sprachgebiete zu Wege gebracht haben, so sind diese Resultate von Juden und für Juden geradezu glänzend! Aber gegenüber den Millionen ungebildeter und halb verwilderter Glaubensgenossen, in denen der gute Kern überkrustet ist von einer harten Schale starrster Unzivilisation, ist noch eine Riesenarbeit zu vollbringen! Spricht doch der dortige Mädchenhandel ganze Bände! Aufklärung durch Schule und Presse, durch Vereine, Wanderredner und natürlich wirtschaftliche Entwicklung durch Industrien und Arbeits- und Absatzgebiete, und ferner Entlastung durch Auswanderung müssen sich alle ergänzend in die Hände arbeiten. Einst wird dann das so gewonnene veredelte Material seine Dankbarkeitsschuld an die rettende Judenheit durch religiöse und auch geistige Verjüngung, durch Talent und Originalität tausendfach entgelten und mit Zins und Zinseszins bezahlen! Daß in bezug auf wirtschaftlich geregelte und geordnete Verhältnisse, auf ein behagliches Leben ohne auffallendes Treiben und Luxus noch unendlich viel zu wünschen und zu beseitigen ist an schädlichen Angewohnheiten, ist ein offenes Geheimnis und wird so lange ein frommer Wunsch bleiben, als das Los der Juden im allgemeinen sich nicht.freundlicher und günstiger, vor allein aber ruhiger gestaltet. Hingewiesen darf aber nicht oft und eindringlich genug aus diesen schädlichen Faktor unserer Lebensweise und Anschauung werden, um so mehr als hierin der Antisemitismus eine starke Quelle von Vorwürfen sucht, und findet. Ueber die Emigrations- und Auswanderungsfrage soll später ausführlicher die Rede sein, wenn wir auf die mehr politischen Organisationsfragen kommen. Familiär muß zunächst durch Verbesserung der Existenzbedingungen ein früheres Heiraten ermöglicht werden. Es ist Tatsache, daß gerade die jüdischen Ehen in Westeuropa relativ zurückgehen, die Ehescheidungen steigen! Dadurch wird der familiäre Zusammenhang gelockert und gefährdet. Unsere Jünglinge „assimilieren" sich in dieser Hinsicht leider allzusehr und allzu rasch den Gewohnheiten ihrer Mitwelt, um für die Preisgabe .ihrer früheren patriarchalischen Unberührtheit und biblischen Naivität, für die gepriesene geistige Frische den Vorwurf größerer „orientalischer" Sinnlichkeit und Verflachung im Denken und Streben einzutauschen. Man vergleiche nur diese unsere blasierte Jugend mit. dem über unsere Grenzen kommenden Teil ihrer Altersgenossen! Vielfach ist es auch nur die Bequemlichkeit, die das Ehehindernis abgibt, um so mehr als die Junggesellen dabei trotzdem gesellschaftlich und sozial, z. B. in der Bekleidung von Posten und Ehrenämtern nicht behindert sind, ganz im Gegensatz zu den osteuropäischen Juden, bei denen eine solche Rolle und Stellung erst nach Gründung einer Familie, als Baalhaboß möglich und zulässig ist. Außerdem wird dort das Heiraten als religiöses Gebot betrachtet und daher so früh als möglich vorgenommen. — Sodann ist von seiten unserer geistigen und religiösen Erzieher dem Hause wieder eine poetische und religiöse Weihe wiederzugeben, und zwar auf Grund von fast durchweg neuer Hauszeremonien. Die alten Juden haben es so meisterhaft verstanden, den Geist ihrer Religion in zart anspielender Weise und anheimelnder Art und besonders das Kindergemüt lebhaft fesselnder Form über das Haus zu