Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 572 (sequence 8)
- Language
- German
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572 Werden leere Worte von den Kanzeln herab gesprochen, von unserer Jugend und ihrer Erziehung, es wird viel geredet und wenig" getan. Man suchte vielmehr den Religionslehrer immer in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnisse zu halten, hat ihn nicht selten dem Mitleid der Oeffentlichkeit -Preisgegeben: dies älles'hat nunder 0onseinem.Aiute^geschiLd6n.e-AutLLrichtsuriuister Dr. v. Härtel, wenigstens soweit es die Religionslehrer aus Mittelschulen betrifft, geändert, es sind für diesen Stand bessere Zeiten gekommen. Mit Freude können nun diese Männer an ihre schwierige Aufgabe gehen, die Jugend über die reichen Schätze unserer Literatur und Wissenschaft zu unterrichten. In Ungarn fallen nicht nur Minister, sondern gleich ganze Ministerien. Was der Chauvinismus Uebles bewirken vermag, zeigt dieses Land^ das wegen einiger nationaler Zugeständnisse, die ihm nicht in dem Maße gewährt werden können, als es die ehrgeizigen Männer verlangen, die das Volk nach ihren Absichten lenken, nicht zur Ruhe gelangen kann. Der Bestand der ganzen Monarchie wird durch diese „Eljen"-Patrioten gefährdet. Die liberale Partei in diesem Lande, die Lueger so gerne als die judaeo-magharische bezeichnet, ist in vollständigem Niedergange begriffen; wir denken aber, das Judentum habe dabei nicht viel verloren, denn mit dem Freisinn dieser liberalen Partei scheint es nicht weither gewesen zu sein. Imeu8 a non lucendo. Auch wir in Oesterreich weinen der weiland liberalen Partei keine Träne nach, denn, wo das Judentum anfängt, hört der Liberalismus der Parteien aus, und der angeblich reaktionäre Härtel war uns lieber als der ehemalige liberale Unterrichtsminister Stremahr, unter dessen Regiment kein Jude eine Anstellung im Lehrfache erhielt. So wird es den Juden in dem „freien" Ungarn gleichgiltig sein, ob Tisza oder Kossuth regiert. Es scheint überhaupt in unserem Oesterreich viel welk zu sein und dem eisernen Naturgesetze alles Welken zum Opfer fallenzu wollen, wenn man Erscheinungen der letzten Zeit ins Auge faßt. Wild wüteten in vielen Städten dieser uralten Monarchie die Völker gegeneinander. Fensterscheiben nicht nur gingen in Trümmer, es scheint, daß noch ganz andere Dinge bestimmt sind, bald einen Trümmerhaufen zu bilden. Nationale und soziale Fragen gehen wirr durcheinander und bringen in diesem Staalskörper furchtbare Zuckungen hervor. Es wetterleuchtet furchtbar. Man hat sie nur sehen müssen, die wütenden Massen, wie sie aufeinander losgingen, „die feindlichen Brüder", beide aus dem „Arierstamm" hervorgegangen, hie Deutsche, hie Tschechen. Wo bleibt da das berühmte, vielzitierte Rassenprinzip? Eine Unsumme von Haß ist aufgeftapelt, und es bedarf nur eines Fünkchens, um diese Ansammlung von Feindseligkeit zu einem Sturm anzufachen, zu einem Kriege aller gegen alle, gegen den die Kämpfe der französischen Revolution Kinderspiel gewesen sind. Da hat man den Tschechen neben vielem anderen auch viele Mittelschulen bewilligt. Die Tschechen sind ein Volk von Realisten, sie wollen ihre Kinder .unterbringen in Stellungen Und Aemtern aller Art. In der Tat findet man sie überall in Oesterreich, sei es nun in Staats- oder Gemeindeämtern. Die Mittelschulen aber verlangen wieder für die höheren Studien Universitäten, und diese tschechische Universitätsfrage brachte in den jüngsten Tagen, man kann sagen, ganz Böhmen und Mähren in furchtbare Aufregung. In Brünn. Olmütz, Prag und anderen Städten ging es furchtbar zu, und man könnte wie jener russische Staatsmann sagen: das war kein Aufstand, sondern die Revolution, die auch Menschenleben kostete. Für uns Juden haben diese Kämpfe, insbesondere in Mähreninsofern eine Bedeutung, als man hier die jüdische Bevölkerung gemeiniglich mit der. deutschen zusammenstellt. Jude und Deutscher sind für den Tschechen ein und dasselbe. So sind die Verhältnisse nun allerdings nicht mehr, obgleich die. Juden unter dieser veralteten Meinung, besonders auf dem Lande, viel zu leiden haben. Die Deutschen, deren treue Anhänger .die Juden -einstens .allerdings .waren, zu einer Zeit, als der sogenannte Liberalismus noch in Oesterreich herrschte, stießen, als die Segnungen des Antisemitismus uns zuteil wurden, die Juden von sich, und es sind eigentlich nur wenige Fabrikanten, Advokaten, Kapitalisten, also Männer, die den oberen Zehntausend angehören, die noch immer mit jenen Deutschen durch Dick und Dünn gehen, die sich heute mit einem Wolf und einem Lueger an einen Tisch setzen, um, wie sie so schön sagen, die deutsche Gem^inbürgschaft zu manifestieren. Man kann aber mit Recht behaupten, diese Juden haben jeglichen Anhang in ihrem , eigenen Lager - verloren. Das jüdische Volk hat wohl erkannt, daß es von den Tschechen nichts zu erwarten hat, aber von den Deutschen auch nicht viel mehr. Es will sich aber auch nicht dazu hergeben, die Basis zu bilden für jene ehrgeizigen Streber 'in seiner Mitte, die sich auf den Schultern der Kleiner: in die Höhe heben möchten. Darum läßt auch der Kamps zwischen Deutschen und Tschechen, der jetzt so wilde Formen aunimmt, die großen Massen des jüdischen Volkes kalt, man sieht diesen Kämpfen ziemlich gleichgültig zu und denkt: Wir haben nichts gewonnen, wenn die Deutschen siegen, und nichts verloren, wenn die Tschechen herrschen. Die nationalen Kämpfe aber bewirken, daß man auf Mittel sinnt, diesen unseligen Streitigkeiten wegen deutscher Straßenbezeichnungen, wegen eines tschechischen Gerichtsadjunkten, wegen eines das Deutsche radebrechenden Nachtwächters in Leitomischl oder eines Schaffners, der — horribile dictu — vergessen hat, den Namen einer Eisenbahnstation tschechisch auszurufen, und anderer derartiger hochwichtiger Dinge, beizukommen. Und da hat mar: gefunden, daß alle diese Zwistigkeiten beendet werden könnten, wenn man das allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht einführte. Der Sozialismus soll den Nationalismus beseitigen. Es wäre dies in der Tat eine Radikalkur, wenn sich die Aerzte, die dieses Universalheilmittel anwenden wollen, nur nicht täuschen werder:. Wir haben Mißtrauen gegen ein Mittel, für das sich, r:eben den Sozialdemokraten, auch Lueger und Genossen einsetzen. Denn wir glauben und befürchten, daß durch diese einschneidende Wahlrechtsänderung nur die Antisemiten der verschiedenartigsten Farben gewinnen könnten. Man würde in Oesterreich das erfahren, was man in Wien bei jeder Wahl sehe:: kann, wie der Klerikalismus, der sich nur anders nennt, den Sieg davonträgt. Uns Juden kann die Sache ganz gleichgültig lassen. Schlechter wie jetzt, wird es uns wohl auch später nicht ergehen. „Auf wen sollen wir uns stützen?" fragte einst ein alter Lehrer. Die Antwort lautete: „Auf de:: Vater im Himmel." Das sagten die gläubigen Juden; gläubig sind, trotz aller Versicherungen, die wir so häufig von unseren Kanzeln hören, die Juden allerdings nicht mehr ganz. Und doch möchten wir sagen: Der Jude hat jetzt nur die Aufgabe, das Unwetter an sich vorbeiziehen zu lassen, Zuschauer zu sein bei all den großen Ereignissen, die sich vor seinen Augen abspielen, und auf den Vater im Himmel zu vertrauen, der unserem Judentume die Lebenskraft gegeben, auch stärkere Stürme zu überdauern. Iwri.