Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 571 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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scheiden. Die von' ihr zu diesem Zwecke eingesetzte Kommission hat alle Hände voll zu tun, Inspektoren, Aerzte, Polizisten und sonstige Beamte anzustellen, sowie den ganzen zur Untersuchung der ankommenden Fremden erforderlichen Apparat in Bewegung zu setzen. Wie sich dieser Apparat bewähren wird, "bleibt abzuwarten. Einstweilen versichern die neu angestellten Beamten, ihr Augenmerk werde in erster Reihe daraus gerichtet sein, die Bill im liberalen Geiste zu verwirklichen und' den Fremden so wenig Schwierigkeiten wie möglich zu.machen. Wir glauben aber nicht an diese guten Vorsätze. Das Verhör der Emigranten wird hinter verschlossenen Türen erfolgen, so daß ihnen ihre Angehörigen in keiner Weise werden beistehen können. Freilich werden Vertreter einiger jüdischer Wohltätigkeitsinstitutionen die zurückgehältenen Emigranten besuchen und ihnen mit Rat und Tat beistehen können. Allein auch sie werden dem eigentlichen Verhör nicht beiwohnen dürfen. Der Hauptfehler der Bill aber ist, daß ihre einzelnen Bestimmungen unbestimmt, unfaßbar zerfließen. Keine hat klare, gesetzliche Formen. Die Behörden haben ausgedehnte Vollmacht, um alles aus administrativem Wege zu erledigen. Es hängt vollständig vom Willen des inspizierenden Offlziers ab, ob er einen Emigranten hineinlassen will oder nicht. Ist der betreffende Beamte ein Antisemit, so liegt es in seiner Hand, jeden Greenen von der Landung Zurückzuweisen, ohne daß man ihn wegen Verletzung des Gesetzes anktagen kann. Was wir Juden von einer solchen diskretionären Vollmacht der Behörden zu erwarten haben, ist sattsam bekannt. Glücklicherweise ist begründete Hoffnung vorhanden, daß die ganze komplizierte Maschinerie sehr bald zugrunde gehen wird. Das Gesetz ist so unbeholfen und so verwickelt, daß seine Ausführung geradezu unmöglich ist. Die Verwaltung wird wahrscheinlich jährlich eine Million Pfund verschlingen und das Ergebnis wird die Zurückweisung von ein bis zwei Dutzend Juden jährlich sein. Man ist in London überzeugt, daß, sobald . eine liberale Regierung kommen wird, ihre erste Arbeit sein wird, diese klägliche Bill in den Orkus versinken zu lassen. Ja, selbst die gegenwärtige Regierung und ihre Freunde werden bald dahinter kommen, daß in einem Lande wie England, mit seinen zahlreichen Häfen und Tausenden in denselben ankommenden Schiffen, die Bill geradezu unmöglich ist. Bezeichnend dafür ist die Tatsache, daß es jetzt von der Fremdenbill ganz still geworden ist. Während noch im letzten Winter jeder Abgeordnete und jeder Wahlkandidat in den Volksversammlungen über seine Stellungnahme zur Bill feste Zusagen machen mußte und Freund und Feind fortwährend die Fremdenbill diskutierten, herrscht jetzt über diesen Punkt in allen Versammlungen wie auf Verabredung absolutes Schweigen. Selbst die Schöpfer der Fremdenbill gleiten über ihre Heldentat mit Stillschweigen hinweg und tun so, als hätten in London niemals fremde Juden existiert. Die Nachrichten aus Rußland kommen noch immer sehr verworren und wenig erfreulich. Zwar heißt es, Witte habe bereits den ersten Schritt zur Judenemanzipation in Rußland gemacht, indem er den wichtigen Beschluß gefaßt, die Grenzen des jüdischen Ansiedelungsrahons - aufzuheben. Den Juden wird freies Wohnrecht in ganz Rußland, mit Ausnahme der beiden Residenzen gewährt werden. Für das Wohnen in den Residenzen wird eine besondere Erlaubnis erforderlich sein. Die Veröffentlichung dieser wichtigen Entscheidung, durch die den Millionen von armen im Westgebiet eingepferchten Juden andere Existenzmittel geboten werden, steht in der nächsten Woche bevor. Ueberall sind außerdem Untersuchungen über die Urheber der Judenhetzen und Straßenmeutereien im Gange, denen meist recht unabhängige Senatoren präsidieren. General Kaulbars und der Polizeichef von Odessa sind gemaßregelt worden, und viele der Urheber der Judenhetzen sitzen hinter Schloß 'und Riegel. Trotzdem darf man sich keiner zu großen Sicherheit hingeben. Der Kongreß der Semstwos in Moskau nahm vor Schluß einstimmig eine Resolution an, in welcher Maßnahmen verlangt werden zur Verhinderung der Wiederkehr der Judenhetzen, sowie zur Ausrottung der Anschauungen von der Rechtlosigkeit der Juden. Die Gleichberechtigung der Juden erscheine jetzt als eine Maßnahme der praktischen Politik; die Aufhebung aller beschränkenden Gesetze, Vorschriften und Erlasse sei unaufschiebbar. Dagegen ist die Nachricht von einer Intervention der Mächte, speziell Englands, Italiens und Amerikas, leider erfunden und wird bereits energisch dementiert. Was nun das Hilsswerk anbetrifft, so ist in dieser Woche eine Kommission, bestehend aus einem Deutschen, einem Russen und einem Engländer, zunächst nach Petersburg abgereist, von wo aus die Kommission nach kurzem Aufenthalt alle die von den Greueltaten betroffenen Orte besuchen will. In dem internationalen Hilfskomitee herrscht vollständige Einigkeit darüber, daß es von der höchsten Wichtigkeit sei, auch die christlichen Familien, die dadurch gelitten haben, daß sie bei der Verteidigung der Juden mittätig waren, zu unterstützen. Dieser Gedanke soll in praktischer und gerechter Weise ausgeführt' werden. Ueber den ganzen Umfang des Hilfswerks lassen sich bis jetzt auch nicht annähernd irgend welche Zahlen aufstellen- Wir unterlassen es daher, die uns von allen Seiten zugehenden Berichte abzudrucken, die allein mehr als den Umfang einer Nummer füllen würden, behalten uns aber vor, sobald eine Uebersicht möglich ist, diese mit genauen Angaben zu bringen. Lrirk aus Oeltrrreich. Mitte November. ^{n den letzten Festtagspredigten haben wohl viele Redner f das Thema behandelt: „Geschlechter gehen, Geschlechter kommen"; der Vater Homer drückt es mit den Worten aus : „Wie die Blätter der Bäume, sind die Geschlechter der Menschen." Es ist dies ein Thema, das so recht aus dem Leben gegriffen ist und wohl selten versagt. Wir in Oesterreich können diese Erfahrung jetzt auch an unfern Ministern machen. Da hat sich der sorglose Mensch aus dem Schlaf erhoben, das Frühstück und die unvermeidliche Zeitung dazu werden ihm dargeboten und siehe, es wird ihm feierlich verkündigt, daß wieder zwei Minister gegangen sind. Einer von ihnen ist der Unterrichts- und Kultusminister, der große Universitätslehrer Ritter von Härtel. Das Scheiden dieses Mannes aus seiner so umfassenden Tätigkeit wird gewiß von uns bedauert werden müssen.. Hat er doch für den jüdischen Religionsunterricht, an unseren Mittelschulen, mehr geleistet, als unsere geistlichen und weltlichen Vertreter zusammen. Er hat den Retigionslehrern eine würdige Stellung verliehen, ihnen Gleichberechtigung mit allen übrigen Lehrkräften gegeben, hat ihre gegenwärtige Stellung gefestigt, ihre Zukunft und die ihrer Angehörigen gesichert: wahrlich wir müßten undankbar sein, wenn wir dessen nicht gedächten und hier zu seiner Ehre aussprächen. Ist es doch merkwürdig, wie wenig gerade die dazu Berufenen in Unserer Mitte für den Retigionslehrerstand getan haben. Da