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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-12-01 · Heft 48 (1.12.1905) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 5000 Juden die politisch en Gefangenen befreit. Am nächsten Morgen versammelte der Jsprawnik 200 Altgläubige und Hielt an sie folgend^ Ansprache: „Es ist nicht wahr, daß es eine Konstitution gibt, das haben die Juden erfunden. Gestern haben sie Hurra gerufen, heute wollen wir es tun. Niemand wird wegen dieses Hurrarufens bestraft werden." Dieses genügte. Der Pöbel ergoß sich über die Straßen und schlug jeden Juden nieder, der ihnen in die Arme lief. Bald begann man die jüdischen Läden zu plündern und die jüdischen Wohnungen zu demolieren. Die Juden versteckten sich und überließen es der Polizei, die Ruhe wiederherzustellen. Dieses geschah aber erst, nachdem sämtliche jüdische Häuser und Läden demoliert waren. In Nowgorod-Sewersk verlief der Krawall unblutig. Nur Häuser und Läden wurden geplündert und demoliert. Sehr blutig dagegen war der Krawall in Suraji. Nachdem 30 Läden geplündert und 69* verbrannt wurden, begann ein allgemeines Judenmorden, bei dem drei Juden getötet und 20 verwundet, nach anderer Version 37 getötet und 244 verwundet wurden. In Staradub endlich wurden am 5. November sämtliche jüdische Läden bis auf sieben vom Brande eingeäschert. 81.—73. Tomsk. Hebet die Vorgänge in Tomsk, wo der Pöbel am 3. November 1000 Menschen, die an einem Meeting teilnahmen, im Feuer umkommen ließ, haben die Blätter ausführlich berichtet. Im Anschluß an diese unerhörten .Greuelraten fand am gleichen Tage ein Judenkrawall statt. Die jüdischen Häuser und Läden wurden erbrochen und geplündert, zahlreiche Juden getötet und verwundet. An dem Krawall nahmen Kosaken und Soldaten aktiven Anteil. In Jekaterinenburg wurden am 1. November 10 Juden getötet und zahlreiche verwundet. Endlich wurden in Tscheljabinsk am 1. November die jüdischen Häuser demoliert und geplündert. Die Juden suchten auf dem Bahnhöfe Zuflucht, von wo aus sie den Grafen Witte telegraphisch um Schutz baten. 84.-85. Wilna. In Wilna haben am 29. Oktober Kosaken eine Salve auf streikende Juden abgegeben, wobei neun getötet und sehr viele verwundet wurden. Fünf Tage darauf erschossen die Kosaken sieben Juden und verwundeten 20. Brandmeister Glickmann erschoß eigenhändig eine Frau. Der Mörder wurde zwar seines Amtes entsetzt, läuft aber immer noch uneingesperrt herum. In Nowo-Wileisk plünderten Holigans am 4. November sämtliche jüdischen Läden. Der Pristaw, an oen sich die Juden um Schutz wandten, erwiderte- „Mögen Euch Eure Demokraten helfen." Dieses geschah auch in ausgiebigster Weise. Die Arbeiter versammelten sich, schlugen die Plünderer windelweich und jagten sie aus der Stadt. 86.-88. Witebsk. Auch im Gouvernement Witebsk, das vor kaum einem Jahre das Opfer zahlreicher Neservistenkrawalle war, fanden in drei Ortschaften Unruhen statt. Der Versuch, einen Krawall in Dwinsk zu veranstalten, wurde von dem jüdischen Selbstschutz machtvoll unterdrückt. Heber die Krawalle in Polotzk und Reschitza liegen noch keine Meldungen vor. 89.—90. Wladimir. Heber die Krawalle in Wladimir und Jwanowo-Wosniessensk können wir keine näheren Meldungen machen. Im letzten Orte währten die Unruhen volle drei Tage. 91. Wolhynien. Heber den Krawall in Rowno liegen nähere Nachrichten nicht vor. 92. Woronesch. In der gleichnamigen Hauptstadt der Provinz Woronnesch währte der Krawall vom 1.—3. November und wurde von dem Pöbel mit einer Prozession unter Vorantragung zahlreicher Zarenbilder eingeleitet. An der Spitze derselben marschierte Pristaw Larionow nebst zwei Schutzleuten. Angesichts dieser offenen Teilnahme der Polizei wagte der Selbstschutz und die Arbeiterschaft es nicht, den Räubern entgegenzutreten. 60 Läden und Wohnungen wurden zertrümmert. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist sehr groß. 93. —107. Diverses. Während wir dieses niederschrieben, erhielten wir die Nachricht, daß auch in den Ortschaften Anatoniewka, Birsula, Dobrianka, Kirienski, Kamenskoje, Krjwoi-Koy, Krju-Kow, Majaki, Mosowka, Orhjejew. Stutopol, Shmerinka, Semenowka, Strascheni, und Unitscha u, a. O. Krawalle stattsanden. Dir Wucht. Berlin,. 28. November ie Einmütigkeit und Hilfsbereitschaft, die sich anläßlich der russischen Katastrophe im ganzen deutschen Reiche bei allen Konfessionen und in allen Ständen in so erfreulicher Weise kund gibt, ist ein sicheres Zeichen dafür,'daß die wilde Hetze gegen die Juden, wie sie seit Jahrzehnten unaufhörlich tobt, Gott sei Dank doch die Gemüter nicht zu verrohen und die Herzen nicht zu verknöchern vermocht hat. Ein tröstlicher Ausblick zugleich in jene bessere Zeit, in die uns das Erbe Lessings verweist, ist das Zusammenwirken der Geistlichkeit aller Bekenntnisse bei diesem Anlaß. Die Briese der beiden deutschen Kirchensürsten sind Zeugnisse edler Toleranz, die über dem Trennenden der Konfessionen zur Höhe reiner Humanität sich erhebt. Der Erzbischof von Bamberg, Dr. v. Abert, hat an den Rechtsanwalt Dr. Karl Stander, den Vorsitzenden des Nürnberger Hilfskomitees, folgendes Schreiben gerichtet: „Euer Hoch wohlgeboren! Wenn es mir auch bei dem späten Eintreffen des Schreibens nicht möglich war, an der auf vergangenen Donnerstag, den 16. November, angesetzten Vorbesprechung in Nürnberg teilzunehmen, so bin ich doch ganz mit den Bestrebungen des zu bildenden bezw. gebildeten Komitees einverstanden und stelle gern meinen Namen zu dem zu erlassenden Aufrufe zur Verfügung. Zu dieser öffentlichen Stellungnahme für die Familien der ermordeten und beraubten russischen Juden veranlaßt mich nicht bloß das Gefühl allgemein menschlicher wie christlicher Nächstenliebe/sondern außerdem noch die Pflicht der Dankbarkeit für die tatkräftige Hnterstützupg, welche russische Juden den um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts um ihres Glaubens willen verfolgten katholischen Christen bei ihrem Transport nach Sibirien angedeihen ließen. Mit aller Verehrung und Hochachtung bin ich Euer Hochwohlgeboren ergebener Dr. Friedrich Philipp Abert, Erzbischof von Bamberg. Bamberg, den 17. Noveiuber 1905." In Köln hat der Kardinal Fischer mit einem Beitrag von 100 Mark folgendes Schreiben an Rabbiner Dr. Frank gerichtet: „Eingeschlossen erlaube ich mir, Ihnen meinen Beitrag, 100 Mark, znr Linderung der Not Ihrer Glaubensgenossen in Rußland zu übermitteln. Es ist tief zu beklagen, daß in einem Lande, das sich christlich nennt, solche Greuel Vorkommen können. Hoffentlich wird die jüngst dort auch für das religiöse Gebiet in Aussicht gestellte Freiheit solche traurigen Vorkommnisse in Zukunft verhindern und die von der offiziellen Kirche abweichenden Staatsangehörigen sämtlich vor Vergewaltigungen schützen, wie sie bisher leider mehrfach dort zu beklagen waren. A. Kardinal Fischer, Erzbischof von Köln." Diese beiden Schriftstücke haben natürlich allgemeines Aufsehen erregt. Sogar in Italien. Der „Corriere della Sera", der den Brief des Kardinals Fischer zugunsten der russischen Jstden kommentiert, sagt, daß dieser Schritt des Kardinals, der gegen den Antisemitismus protestiere, in Rom einen ausgezeichneten Eindruck hervorgerufen habe. Der „Corriere" fügt hinzu, daß das Beispiel des "Kardinals Fischer von anderen Kardinalen und vom Vatikan selbst nachgeahmt werden sollte. Ein öffentlicher Schritt des Papstes zugunsten der Juden wäre sehr wirkungsvoll und würde ganz dem Geiste Pius X. entsprechen. Sicher. Aber wir fürchten, daß ein solcher Schritt doch von einer Seite verhindert werden würde, die bis jetzt jede Erklärung des Oberhauptes der Kirche gegen den Antisemitismus zu verhindern gewußt hat. * Die englische Regierung trifft alle Vorbereitungen für die Jnkrafttretnng der im letzten Sommer vom Parlament angenommenen Fremdenbill noch kurz vor ihrem eigenen Hin-

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