Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 569 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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569 dortigen Polizeichef organisiert und geleitet worden. Derselbe wurde am 3. November von einer patriotischen Manifestation eingeleitet und währte volle vier Tage. Jeder sich wehrende Jude wurde niedergeschossen, die sich nichtwehrenden aber verschont. Sämtliche jüdische Lüden wurden geplündert. Die Zahl der Ermordeten beläuft sich auf 40. 41—42. Orel. In Ariansk wurden sämtliche jüdischen Häuser geplündert, die Synagoge zerstört und 20 Thorarollen vernichtet. In der Gouvernementsstadt Orel selbst brach der vom Polizeipristaw Baikowski von langer Hand vorbereitete Judenkrawall im Anschluß an eine Freiheitsdemonstration. welche durch Salven der Kosaken gesprengt wurde, am 1. November aus. Die Plünderer rekrutierten sich aus der Hefe der Gesellschaft unter Führung verkleideter Polizisten. Die Zähl der Verwundeten ist ganz erheblich. 43—49. - Podolien. Von den sieben Krawallen in Podolien liegen über den in Bogopol zurzeit nähere Nachrichten nicht vor. In der Hauptstadt Kamenetz-Podolsk konnten die Juden, welche sich rasch bewaffnet hatten, den am 1. November ausgebrochenen Krawall im Keime ersticken. Dasselbe läßt sich von Rakitna sagen. In Balta wurden 60 jüdische Läden durch Brand vernichtet. In Mohilew plünderte der von Polizisten geleitete Pöbel die jüdischen Häuser, wobei fünf Juden getötet und viele verwundet wurden. Ein furchtbares Blutvergießen fand am 3. November in dem Städtchen Winitza statt, wo 5 getötet und 15 verwundet wurden. Der Krawall begann mit einem Gottesdienst und einer patriotischen Demonstration. Nachdem sämtliche jüdische Häuser und Läden demoliert waren, ries der Polizeimeister: „Genug!" worauf der Krawall mit einem Ruck aufhvrte. Zu gleicher Zeit fand ein Krawall in dem nahen Woroschilowka statt, bei dem 6 Juden verwundet wurden. 50—54. Poltawa. Im Gouvernement Poltawa erstreckten sich die Unruhen auf fünf Ortschaften. In Gadiatsch wurden 80 Häuser und 20 Läden demoliert. Die Stadt Solotonoscha ist durch Feuer gänzlich zerstört, 500 Juden sind brotlos. In Krementschug begann der Krawall am 2. November und hatte anfangs den Charakter einer Schießerei zwischen den Juden und Liberalen einerseits und dem Pöbel und' der Polizei andererseits. Am 3. November hielten die freiheitlichen Elemente der Stadt ein Meeting ab, das vom Pöbel angegriffen wurde. Aus dem Versammlungshause wurden mehrere Schüsse auf die Menge abgegeben, worauf das Militär einige Salven in die dichte Menge der Versammelten abgab. Es sind im ganzen 20 Menschen getötet und 80 verwundet. Die Stadt ist im Kriegszustand. Zur Unterstützung der Geschädigten wurden in Krementschug selbst 80 000 Rubel gesammelt. In Romni nahnl der Krawall im Anschluß an eine freiheitliche Demonstration am 1. November seinen Anfang. Jüdische Häuser wurden von Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren in Brand gesteckt, worauf die Erwachsenen, welche ihren Sprößlingen auf dem Fuße gefolgt waren, die brennenden Häuser plünderten. 65 große und sämtliche kleinen jüdischen Läden gingen in Rauch ans. Die jüdische Bibliothek ist vernichtet, die Synagoge eingeäschert und sämtliche Sefer-Thoras auf der Straße zerrissen. Trotzdem die Juden sich nirgends gewehrt haben, wurden 6 von ihnen getötet und 19 verwundet. Einer von den Ermordeten, Pinchas Ostrowski, wurde verbrannt. Jüdische Häuser, deren Besitzer einen Kosaken zum Schutz herannahmen, wurden vom Pöbel verschont. Ein Beweis, wie leicht es wäre, den Krawall im Keime zu ersticken. Die Kosaken benahmen sich an diesem Orte überhaupt sehr human und haben, in ihrer Kaserne 40 Juden Zuflucht gewährt. Diesen erklärten sie auch, daß es ihnen leicht wäre, den Krawall sofort zu dämpfen, daß sie aber dazu keine Erlaubnis hätten. In Rostow am Don endlich begann der Krawall am 28. Oktober und konnte erst am 1. November durch das Eingreifen der Arbeiter der Wladikawkaser Eisenbahn, welche eine Miliz organisierten, unterdrückt werden. Der Chef der Gendarmerie, Graf Pillard, der Polizeimeister Prokopowitsch und der Pristawgehilse Maslow werden beschuldigt, dem Krawall aktiv und passiv Vorschub geleistet zu haben. Maslow befahl den Kosaken, aus den jüdischen Selbstschutz Salven abzugeben. Ein Kosakenoffizier nahm mit seiner Kompagnie an der Plünderung teil. Mehr als 100 Häuser und über 500 Läden sind geplündert, die Synagoge und' die jüdische Apotheke niedergebrannt. Der Schaden wird auf einige Millionen Rubel geschätzt. Sehr groß war auch die Zahl der Menschenopfer, welche auf 176 Tote und 560 Verwundete angegeben wird. Merkwürdig, daß diese große Verwüstung von kaum 100 Barfüßlern angerichtet werden konnte. Dieselben arbeiteten allerdings unter dem Schutz der Behörden und gingen überdies sehr planvoll vor, indem sie in ihrer ganzen Stärke sich auf einen Laden stürzten, um, nachdem sie denselben erbrochen hatten, einen zweiten zu überfallen. Der Pöbel tat nichts weiter, als die erbrochenen Läden plündern. Die Eisenbahnarbeiter bestehen auf der Entfernung der Kosaken aus der Stadt. Der Kommerzklub schloß Graf Pillard und Polizeimeister Prokopowitsch aus dem Klub aus und bewilligte 10 000 Rubel zur Unterstützung der Geschädigten. 55. Pskow. Im Gouvernement ^skow fand am 1. November ein Krawall in Wiliki-Luki statt. Derselbe währte zwar nur acht Stunden, während welcher aber die gutorganisierte schwarze Bande sämtliche Häuser und Läden demolierte. Auch die Wohnung der Frau Dr. Duschanski, deren Manu sich auf dem Kriegsschauplatz befindet, wurde von den „Patrioten" nicht verschont. 56. Rjasan. Im Gouvernement Rjasan wurden am 5. November im Anschluß an eine revolutionäre Demonstration in Jegorowka von der schwarzen Bande jüdische Häuser zerstört. Das Militär stellte die Ruhe wieder her. 57. Saratow. Auch die gleichnamige Hauptstadt des Gouver- nements Saratow ist am 1. November das Opfer der vom Tschinowniktum organisierten Kontrarevolution geworden. Die Zahl der Opfer beläuft sich auf 90, von denen 40 getötet und 50 verwundet wurden. Nebst zahlreichen Häusern wurde auch die Synagoge geplündert und verbrannt. Die Thorarollen wurden von der Menge ins Feuer geworfen. 58—59. Smolensk. In dem vor den Toren des Ansiedlungsrayon liegenden Gouvernement Smolensk versuchte der Pöbel, am 1. November in der gleichnamigen Hauptstadt der Provinz einen Judenkrawall zu veranstalten. Die Unruhen wurden jedoch von der Intelligenz im Keime erstickt. Großen Umfang hat dagegen der Krawall in Miasma angenommen, wo sämtliche jüdischen Häuser geplündert und zerstört wurden. 60—66. Im Gouvernement Taurien, das von allen Gouvernements des Ansiedlungsrayons die geringste Anzahl Juden aufweist, haben sieben Gemeinden vom Krawall inehr oder weniger schwer gelitten. In Eupatoria fand keine Plünderung statt, dagegen wurde ein von Juden veranstaltetes Meeting am 2. November von Griechen und Torturen angegriffen. Die jüdischen Verluste beziffern sich auf einen Toten und viele Verwundete. In Genitschesk währte der Krawall vom 30. Oktober bis 1. November, wobei zahlreiche jüdische Läden in Brand gesteckt wurden. In Kertsch konnte der beginnende Krawall von Grenzsoldaten rasch erstickt werden, lieber die Krawalle in Pologoi und Sebastopol liegen bisher keine näheren Nachrichten vor. In Simferopol gab es 42 Tote nebst zahlreichen Verwundeten. In Theodosia überfiel der Pobel am 1. November eine liberale Volksversammlung im städtischen Konzerthaus, steckte das Haus in Brand und schoß auf die Fliehenden. Das Rathaus und das Theater sind total niedergebrannt. Zwei Druckereien und zahlreiche Läden sind geplündert und verbrannt worden. Es fehlen 40 Menschen, von denen einige beim Brand des Rathauses umgekommen sind. 67. Twer. Ucber den vom Polizeimeister Kiriewski und zwei Pristaws organisierten Krawall in Twer ist bisweilen nichts näheres bekannt. 68. —80. Tschernigow. Den gewaltigsten Umfang nahmen die Krawalle im Gouvernement Tschernigow an, wo 13 jüdische Gemeinden mehr oder minder schwer gelitten haben. Leider ist über die Krawalle in Beresiua, Gordiansk, Klinzi, Potschar, Sosnowitsch und in der gleichnamigen Hauptstadt des Gouvernements noch nichts bekannt. In Korolewetz hielt der Pöbel mehrere Gottesdienste ab, worauf die frommen Beter die jüdischen Läden und Häuser zu demolieren und die Ware auf die Straße zu werfen begannen. Eine Patrouille gab auf den Pöbel eine Salve ab und stellte die Unruhen ein. 20 Häuser und Läden wurden geplündert. In Koseletz konnte der Krawall durch einen Salvenschuß des Selbstschutz unterdrückt werden. In Njeshin wurden sämtliche an der Peripherie der Stadt gelegenen Läden am 1. November demoliert. Der Krawall in Nowo-Sibkow war ein Werk des dortigen Jsprawniks. Am 31. Oktober haben