Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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568 zugreifen.. Sämtliche jüdische Häuser und Läden .wurden in Brand gesteckt. . 27. Kasan. Auch in dem einige tausend Kilometer vom Ansiedelungsrayon entfernten. Kasan fand am 4. und 5. November ein Krawall statt. Zahlreiche jüdische Häuser sowie die Synagoge, sind zertrümmert. Der Magistrat.. stellte, die Forderung aus, die Kosaken zu entfernen und die Polizei zu entwaffnen. Darauf bildete sich rasch eine städtische Miliz, welche die Ruhe vollkommen hergestellt hat. 28. Kursk. In Kursk begann der Pöbel unter Vorantragung des Zarenbildes und Absingung patriotischer Lieder am 1. November gegen Abend die jüdischen Läden zu plündern und die Häuser zu demolieren. Die Synagoge wurde zerstört und 14 Thorarollen" entwendet und geschändet. Polizei war nicht da. Die Kosaken haben sich an der Plünderung beteiligt. 29. Kurland. Auch Riga hat während der schwarzen Woche schwer gelitten. Am 3. November fand ein Zusammenstoß zwischen Juden und Pöbel "statt, wobei die Kosaken auf die Juden eine Salve abgaben. Am folgenden Tage überfielen von der Polizei ausgestachelte Altgläubige die Juden auf der Straße. Letztere hatten 10 Tote und 25 Verwundete. Der Selbstschutz hat sich da vortrefflich bewährt. 30. bis 36. Kiew. Ueber die Vorgänge in Dimmer liegen nähere Nachrichten nicht vor. Hostomol ging am 10. November in Flammen aus. In Bjelotzerkow und Obuchow konnte der Krawall im Keime erstickt werden. In Nowo-Tscherkask wurden am 1. November sämtliche jüdische Häuser demoliert. In Uman brachen die Unruhen am 3. November aus. Der Selbstschutz griff rasch ein, wurde aber durch drei Salven von den Kosaken vertrieben. Ueber den furchtbaren Krawall in Kiew hat der Telegraph ausführliche Nachrichten gebracht. Eingeleitet wurde er am 31. Oktober von mehreren Gruppen halbwüchsiger Burschen, welche von erwachsenen Hooligans geleitet wurden, mit dem Einwerfen der Fensterscheiben in den jüdischen Wohnungen auf Podol. Als diese Taten völlig straflos blieben und der Pöbel sich überzeugt hatte, daß die Polizei wirklich den Pogrom begünstigt, griffen auch Erwachsene ein. Durch einen feierlichen Gottesdienst gestärkt, zog die Menge unter Vorantragung des Zarenbildes durch die Straßen, alle jüdischen Läden' und Häuser demolierend. Dabei wurden auch die Redaktionen sämtlicher in Kiew erscheinenden liberalen Blätter arg verwüstet, und ein Versuch des Selbstschutz, diese Redaktionen zu verteidigen, wurde von den Kvsaken mit Gewehrsalven beantwortet. . Bald griff der Krawall auch auf das von der Aristokratie bewohnte Viertel Lipski über. Die Häuser von Brodsky, Halpern, Alexander Brodsky, Baron Ginsburg, Epstein und anderen jüdischen Millionären sind geplündert worden. Da der Sohn Alexander Brodskys bei der Verteidigung seines Hauses einen Räuber erschossen hatte, wurde die ganze Familie verhaftet. Das Haus wurde furchtbar verwüstet, wobei auch alle Bücher und Dokumente der berühmten Aktiengesellschaft für Zuckerindustrie „Alexandrowo" vernichtet wurden. Alle Straßen mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung bieten den Anblick einer eroberten Stadt. Die Fenster in den Häusern sind zertrümmert. Die Straßen liegen voll von zerschlagenen Möbelstücken und Geschirr. Die Handwerksschule sowie die jüdische Volksschule auf dem Podol wurden geplündert und demoliert. Der Schaden wird auf 15 Millionen Rubel taxiert. Die Zahl der Toten wird selbst offiziell mit 76, die der Verwundeten mit 406 angegeben. Sie dürfte aber mindestens das dreifache betragen. Zahlreiche Menschen nämlich wurden lebendig in den Dnjeper geworfen, so daß sie spurlos verschwunden sind. Wir freuen uns jedoch, mitteilen zu können, daß der aus dem Homeler Krawallprozeß berühmt gewordene Rechtsanwalt Rainer, dessen Tod von verschiedenen Blättern gemeldet wurde, am Leben ist. Merkwürdig ist, daß diese ganze furchtbare Verheerung von kaum 100 Mördern und Räubern vollbracht wurde, welche imstande waren, eine Stadt von 350000 Einwohnern, die von 25 000 Soldaten beschützt war, vier Tage lang zu beherrschen. Aus dieser Tatsache geht zur Evidenz hervor, daß der Krawall eben von der Polizei systematisch organisiert worden ist, welche den Barfüßlern auch vier freie Tage versprach. Schon am 1. November, dem zweiten Krawalltage, hat der Rat der' Professoren an den Grasen Witte folgende Depesche abgeschickt: „Die Stadt ertränkt in Blut. Das Militär ist wild. Die schwarze Bat^>e geht um und schlachtet die Juden nieder. Im Namen der allgemeinen Menschheit bitten wir Sie, dem Militär die Gewalt zu entnehmen und die verstärkte Bewachung aufzuheben. Jede versäumte Stunde kann hunderte von Menschenleben kosten." Witte befahl auch sofort telegraphisch, den Krawall mit allen Machtmitteln niederzuschlagen. Allein das betreffende Telegramm wurde zwei Tage lang in der Kanzlei des Generalgouverneurs zurückgehalten. Zum großen Dank sind die Juden dem Leutnant Heide verpflichtet, der zwei Salven auf den Pöbel abgeben ließ, infolge deren acht Räuber getötet und zehn verwundet wurden. Diese Salven waren ein Wink mit dem Zaunpfahl, sich zu entfernen. Die Eisenbahnarbeiter haben beschlossen, die Entlassung aller Arbeiter, welche sich am Krawall beteiligt haben, zu fordern. * Polizei und Militär nahmen an der Plünderung lebhaften Anteil. In der Kaserne des Mirogoder Regimentes wurden später große Massen geraubter Kostbarkeiten entdeckt. Bei einem Oberst wurden am 4. November mehrere Seidenballen, zahlreiche Uhren und Goldsachen gesunden. Wie leicht es war. dem Krawall in jedem Moment Halt zu gebieten, beweist die Tatsache, daß einzelne den Juden freundlich gesinnte Pristaws vermocht haben, allein und ohne jeden Sukkurs ganze Häuserblocks vor Plünderung zu bewahren. Ein inaktiver Offizier hat eine ganze Mietskaserne und ein Major mehrere Häuserkomplexe verteidigt. Die Kiewer Zeitungen teilen mit, daß sie Beweise in den Händen haben, wonach der Krawall von erfahrener Hand längst organisiert war. 37. Minsk. Das Gouvernement Minsk ist ebenso wie alle andern nicht in Südrußland gelegenen Provinzen des Ansiedlungsrayon von Pöbelexzessen verschont geblieben. Desto mörderischer gingen in der Stadt Minsk die Kosaken vor, deren Mordlust am 31. Oktober in wenigen Minuten Dutzende von jüdischen Menschenleben zum Opfer fielen. Au diesem Tage versammelten sich etwa 15000 Menschen auf dem Platze vor dem Bahnhöfe zu einem großen Meeting, um die durch das Zarenmanifest geschaffene neue Lage zu besprechen. Auf dein Rückwege von der Versammlung wurde die Menge plötzlich mit Salven eiupfangen, welche acht Minuten währten, während gleichzeitig Schutzleute und Hooligans auf die Fliehenden mit Revolvern schossen. Die Zahl der Opfer wird offiziell auf 50 Tote und 100 Verwundete beziffert. In der Wirklichkeit ist die Zahl der Toten und Verwundeten weit größer, nämlich 100 Tote, darunter 49 Juden und 300 Verwundete, darunter 64 Juden. Eine andere Version gibt die Zahl der Toten aus 170 und die der Verwundeten auf 200 an. Unter anderen fiel auch Rechtsanwalt Entis, der vom Schutzmann Nr. 40 kaltblütig erschossen wurde. Als Antwort aus die Metzeleien brach am zweiten Tage der Generalstreik aus. Die Streikenden forderten die Absetzung des Gouverneurs, des Militärkommandanten und sämtlicher Polizeibeamten, die Entfernung der Kosaken und Entschädigung der Familien der Ermordeten durch den Staat. Gleichzeitig begab sich eine Deputation nach Petersburg, um dem Grasen Witte die Wünsche des Volkes vorzulegen. Witte hat erklärt, alle Schuldigen sollen bestraft werden. Jedenfalls aber habe sich der Gouverneur Knrloff unmöglich gemacht. Den Mitteilungen der lokalen Behörden über die Vorgänge wird von den Blättern die Aufnahme verweigert. Herr Gouverneur Kurloff wollte nämlich gern eine Geschichte mit einem Karoussel a la Kischinew oder einem Hering ä la Homel in die Welt setzen. Die Zeitungen weigern sich jedoch, bei der Züchtung solcher Enten mitzuwirken. 38 -40. Mohilew. Das Gouvernement Mohilew liegt zwar nicht in dem von der Flutwelle von Krawallen überschwemmten Südrußland, dafür steht es aber unter dem Regime des berüchtigten Klingenberg, und es wäre daher merkwürdig, wenn dieser bluttriefende Tyrann an dem von dem Tschinowniktunr geschmiedeten Komplott gegen die jüdischen Vorkämpfer der Revolution sich nicht beteiligt hätte. In der Tat fanden auch in drei Orten des Gouvernements Mohilew größere und kleinere Krawalle statt. Ueber den Krawall in Klimowitsch liegen nähere Nachrichten nicht vor. In Nebschitza wurde der Krawall vom Polizeichef organisiert, der den Pöbel mit Gewehren versah. Die ganze Stadt ist ausgeplündert. 30 Mitglieder des Homeler Selbstschutz, welche ihren Glaubensgenossen zu Hilfe eilen wollten, gerieten in einen Hinterhalt und wurden durch Gewehrschüsse völlig aufgerieben. Neun wurden sofort getötet und 21 schwer verwundet. Auch in Orscha ist der Krawall vom