Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Zehn Juden, darunter auch Dr Reißer, wurden ermordet. Auf tele, graphischen Befehl des Grafen Witte hörte der Krawall mit einem Ruck auf. Die Arbeiter hielten eine Versammlung ab, in welcher beschlossen wurde, alle diejenigen, welche aktiv am Krawall teilgenommen haben, resp. geraubtes Gut besitzen, den Behörden anzuzeigen. In Nikopol wurden zahlreiche Häuser und fast alle Läden demoliert-. In Nikolajew ging der Krawall unter Leitung der Polizei vor sich, welche die Barfüßler mit Knüttel, Stangen und Brecheisen versah, mit denen sie sämtliche jüdische Häuser und Läden demolierte. Die Zahl der Verwundeten ist sehr groß. Grausig war der Krawall in Rasdjelna, wo eigentlich gar keine Juden wohnen. Zu plündern gab es da allerdings nichts. Dagegen hielt eine Mörderbande zwei die Station passierende Schnellzüge an, zerrte die jüdischen Reisenden aus den Wagen, plünderte, sie aus und schlug sie unmenschlich, wobei die anwesenden Soldaten fleißig mittaten. Als die Züge nach IVa Stunden Verspätung weiter fahren konnten, blieben zehn Tote, darunter drei Kinder, und 32 Verwundete zurück. Von den letzten sind zwölf im Krankenhause von Tiraspol gestorben. Die übrigen schweben in Lebensgefahr. Das Blut erstarrt einem in den Adern bei der Lektüre dieser grausigen Nachrichten, daß unschuldige, ahnungslose Reisende plötzlich überfallen und grausam ermordet werden können. Die Stadt Odessa, welche unter 500 000 Einwohnern 170 000 Juden zählt, hatschon 'längst die Aufmerksamkeit der Krawallfabrikänten auf sich gezogen. Der edle Kruschewan hat öfters in Odessa geweilt, um einen Pogrom ä la Kisch in ew daselbst zu organisieren. Allein die Polizei fand jedesmal die Zeit für noch nicht gekonimen. Das Zarenmanifest mit den sich ihm anschließenden großen Demonstrationen der freiheitlichen Elemente gab den Behörden unter Leitung des Stadthauptmanns Neidhardt Anlaß, den längst in allen Details vorbereiteten Krawall in Szene zu setzen. Er begann am 31. Oktober in der in der Vorstadt Moldawanka gelegenen Dalnitzkastraße. Von da ging er auf die Vorstädte Peresip. und Slobodka über, wo sämtliche jüdische Häuser und Läden demoliert wurden. Allein in Odessa gab es eine sehr starke Selbstwehr, zu der außer der gesamten mannbaren jüdischen Jugend noch 2000 christliche Arbeiter gestoßen waren. Dieser Selbstschutz, dem sich sofort die gesamte Studentenschaft auschloß, kämpfte verzweifelt gegen Räuber, Polizisten und Kosaken. Letztere, zu denen das gesamte Odessaer Militär in Stärke von 25 000 Mann stieß, gab auf die sich tapfer wehrenden Juden mehrere Salven ab und bombardierte schließlich die jüdischen Häuser, aus denen auf den andrängenden Pöbel geschossen wurde, mit Schnellfeuergeschützen. Am dritten Krawalltage war der Selbstschutz endlich vernichtet und der Pöbel hatte vollkommen freie Hand. Es war der „schwarze Freitag". Die Polizei wußte, daß die Krawalle an diesem Tage aufhören mußten und sie instruierte ihre Banden dahin, die noch vorhandene kurze Frist gründlich auszünntzen. Die Vorstädte Moldawnaka, Peresip und Slobadka sind gänzlich demoliert. Im Zentrum der Stadt plünderte der Pöbel ganze Straßenzüge. Der Kleinmarkt wurde drei Tage hintereinander geplündert. Das Haus des jüdischen Millionärs Spolianski ist gänzlich demoliert. Vernichtet ist die Schwarze Meer-Weinfabrik von Rofenblüth und Zirkes, die Mühle von Schwarz, die Oelmühle von Muskat, die Petroleumraffinerie von Rosunow sowie die chemische Fabrik von Arkus und Tschestopol. Im ganzen wurden 14 Straßen der Vorstädte und 13 im Zentrum völlig verwüstet. Dabei wurden ausschließlich jüdische Wohnungen geplündert. Im Haus Nr. 12 in der Mittelftraße, einer dreistöckigen Mietskaserne, in der ein einziger Christ wohnt, wurden sämtliche jüdische Wohnungen bis auf den Grund demoliert, und nur der Christ wurde verschont. Neben dem Rauben haben die Banditen das Morden nicht vergessen. In der Vorstadt Romanowka gingen die Mörder von Haus zu Haus und ermordeten alle Juden. In einem Hause wurden mit Brecheisen 20 Menschen, in einem anderen 15 ermordet. Auch auf den Straßen wurden die Juden ermordet. Der Pope des Ortes goß noch Oel ins Feuer, indem er geflissentlich dem Pöbel befahl, die Kirche zu schützen. Auch ließ dieser Priester der Religion'der Liebe des öfteren die Glocken läuten. 150 Juden aus der Vorstadt Romanowka wollten sich auf dem Begräbnisplatz verstecken. Eine'Patrouille gab aus sie eine Salve ab. Es wurden ganze Familien ausgerottet. Eine weitere Reihe von Familien gibt es, deren Angehörige zum größten Teil ermordet und verwundet wurden. Sehr viele Kinder haben Eltern und sämtliche Geschwister verloren. Die Zahl der Toten beläuft sich auf 300, die der Verwundeten auf 2000. Andere Nachrichten geben die Zahl der Toten auf 500, die der Verwundeten auf 10 000 an. 80 Prozent davon waren Juden. Die Zeitungen „Odesski Liftok", „Odeffkija Nowosti", „Jusnoje Obosrenje", „Das kommerzielle Rußland" und „Jushnija Sapiski" sahen sich infolge eines Verbotes des Stadthauptmanns Neidhardt nicht in der Lage, die Vorgänge in Odessa wahrheitsgetreu zu schildern und stellten daher bis auf weiteres ihr Erscheinen ein.' Die Stadt hat 25 000 Rubel zur Unterstützung der Geschädigten und 10 000 Rubel zur Organisierung einer Miliz bewilligt. Id. Jaroslaw. Auch die Gouvernementsstadt Jaroslawel, welche außerhalb des Ansiedelungsrayon liegt, war am 1. bis 3. November das Opfer eines furchtbaren Judenkrawalls, welcher sich wie in allen anderen Städten Zentralrußlands gemeinschaftlich gegen „Juden und Liberale" richtete. Derselbe wurde unter den Augen der Polizei und der Kosaken ausgeführt. Ja, der Pöbel wurde direkt von der Polizei geführt. Eine Gruppe von Studenten versuchte vergebens, mit bewaffneter Hand die Plünderer auseinanderzutreiben. Der Gouverneur Nogowitsch, der Anführer der schwarzen Hundert, befahl, auf die Studenten zu schießen. Am zweiten Krawalltage begannen die Hooligans unter Vorantragung des Zarenbildes und rechts und links von Kosaken flankiert die jüdischen Wohnungen, welche ihnen vorher von der Polizei genau bezeichnet wurden, zu plündern. Die Synagoge wurde zerstört. Die heilige Lade wurde in Splitter geschlagen und die sich darin befindenden sechs Thorarollen zerrissen und mit Füßen getreten. Der Gouverneur stand dabei und freute sich königlich. Die Christen haben den Juden keine Zuflucht gewährt. Nur der Direktor der Eisenbahn hat sich großmütig benommen. Nicht nur gab er allen Juden Billets umsonst, bannt sie die Stadt verlassen konnten, sondern er ließ auch dem Gouverneur sagen, daß, falls nicht sofort strenge Mittel angewandt würden, seine Arbeiter in der Stadt Ruhe einführen würden. Dieses wirkte, und der Gouverneur befahl, die Plünderer auseinander zu jagen. Die Professoren des juridischen Instituts zu Jaroslawel richteten an Witte folgende Depesche: „Da der Gouverneur die Unruhen nicht nur nicht einstellt, sondern die von der Polizei organisierte schwarze Bande zur Plünderung reizt, so bitten wir, den Gouverneur abzusetzen." 20.-26. Gouvernement Jekaterinoslaw. Im Gouvernement Jekaterinoslaw fanden Krawalle in sieben Ortschaften statt. In Alexandrowsk wurden die Lüden planvoll einer nach dem andern geplündert und zerstört, worauf der Pöbel die Häuser zu demolieren begann. Der gut organisierte Selbstschutz konnte nicht eingreisen, da die Kosaken auf ihn Salven abgaben, sobald er sich nur blicken ließ. Der Schoden beträgt eine Million Rubel. Ueber die Krawalle in Gorlowka und Lissitschansk liegen einstweilen nähere Nachrichten nicht vor. In Mariupol sind die meisten jüdischen Läden und zahlreiche jüdische Häuser geplündert und demoliert. Der Schaden erreicht eine Million Rubel. Desgleichen in Jusowka, wo das ganze jüdische Hab und Gut vernichtet ist. Der Krawall begann daselbst am Abend des 1. November und währte 24 Stunden. Die Synagoge ist zerstört und die Straßen mit Thorarollen gepflastert. Zahlreiche Juden sind ermordet und verwundet worden. Auch über den Krawall in Jekaterinoslaw liegen nähere Nachrichten noch nicht vor. Er begann mit zahlreichen Bränden. Aus den Hausern wurde auf den Pöbel geschossen, worauf das Militär diese Häuser stark demolierte. 70 Tote und 160 Verwundete sind zu beklagen. Endlich ist in diesem Gouvernement die jüdische Gemeinde von Bachmut durch einen drei Tage dauernden Krawall nahezu völlig zerstört worden. Derselbe begann am 2. November. Zwar gelang es zahlreichen russischen Kaufleuten und Bauern schon am Freitag, die Ruhe wieder herzustellen. Allein die Polizei verbreitete zahlreiche Proklamationen gegen die Juden und fachte so den Brand von neuem an. Schon am ersten Tage wurden sämtliche jüdischen Lüden> und zwar zuerst die großen und dann die kleinen, geplündert und in Brand gesteckt. Darauf wurden die jüdischen Häuser demoliert. Am folgenden Tage begann der Krawall mit neuer Heftigkeit unter der Aufsicht der Polizei und der Kosaken. Der Militärkommandant Selewanow weigerte sich ausdrücklich, ein-