Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 566 (sequence 2)
- Language
- German
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- Kursk 1× ep/1044963
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mehr dazu, seine Drohung zu verwirklichen. Die RevolutioM wußte, daß sie vor allem den Henker Rußlands beseitigen müM wenn sie -nur die ersten Schritte gegen ihr weites Ziel mächetz^ soll. Plehwe wurde von der marschierenden Revolution zur^ Seite-geschleudert! Aber Plehwes Schüler.' leben noch und sie' bemühten sich, noch im letzten Augenblick,, die russische Revolution in Strömen von jüdischem Blut zu ertränken." Zn dieseH Behuse wurden überall Räuberbanden organisiert, der PöbeH systematisch gegen „Juden und Demokraten" gehetzt und detz seit Monaten gedrillte Mob mit Aexter», finnischen Messern, jch selbst mit Militärgewehren gut bewaffnet. Die auf die Juden schließlich losgelaffene Meute wurden in vielen Orten von Polizisten und Gendarmen offiziell geführt. Sie besaß sorgfältig geführte Listen aller jüdischen Wohnungen, und Läden,' so daß selbst vereinzelt in durchwegs von Christen bewohnten Straßen gelegene jüdische Häuser von vormals nicht verfehlt wurden. Andererseits wurden Christen, welche in übervölkerten jüdischen Mietskasernen wohnten, vom Pöbel sorgfällig geschont. Damit den Mördern ja kein Haar gekrümmt werde, wurden sie von Kosaken und Soldaten geleitet, welche alle sich zur Wehr setzenden Juden unter heftiges Gewehrfeuev nahmen. Daß das Tschinowniktum bei der Plünderung auch sich selber nicht vergaß, wird durch zahlreiche Beispiele doch Polizisten und Gendarmen erhärtet, welche Uhren, Goldwarechi Seidenstücke und Bargeldern übten und stahlen. - - Glücklicherweise kam aber das Tschinowniktum mit seineE verruchten Plane, die russische Revolution in Strömen jüdischem' Bluts zu ertränken, ein wenig zu spät. Zwei Wochen vorhE fand der gewaltige Eisenbahnerstreik statt, welcher den Zarem Nötigte- Witte zum Ministerpräsidenten zu ernennen und Ruß^ land eine europäische Konstitution zu versprechen. Jetzt hatten! die Judenpogrome eigentlich keinen Zweck mehr und die Strömy von Blut sind vergebens vergossen worden. Wir sind überzeugt, daß der Zar trotz aller Machinationen der ebenso! dummen wie dreisten und frechen Kamarilla sein gegebenes^ Wort nicht mehr zurücknehmen wird.' Zu spät! Das Tschinowniktum ist tot, und selbst sein letztes großes Verbrechen, diej Herbstkrawalle von 1905, werden es nicht mehr wieder ins! Leben zurückrufen können.? Diese Krawalle selber haben trotz ihrer Furchtbarkeit einige! erfreuliche Lichtblicke gezeigt. In erster Reihe haben sie den gewaltigen Fortschritt bekundet, den das russische Volk in den letzten zwölf Monaten gemacht hat. Ganz Polen, Litauen/ sowie die Ostseeprovinzen sind von den Krawallen fast völlig verschont geblieben, und nur einige Kosakenmetzeleien, von denen die Juden allerdings am schwersten betroffen wurden, sind da zu verzeichnen gewesen. Hier, wo kompakte, um ihre Freiheit kämpfende Nationalitäten wohnen, konnte die Polizei selbst unter dem Mob nicht genug Räuber und Mörder dingen, um mit Erfolg einen Krawall in Szene zu setzen. Nur in dem von Griechen, Rumänen und sonstigem vaterlandslosen Gesindel bewohnten Südrußland, sowie in dem von dem Gouverneur Klingenberg regierten Gouvernement Mohilew vermochte die Polizei unter dem Lumpenproletariat die nötige Anzahl Gesindel aufzutreiben. Auch in Zentralrüßland konnte der „Patriotismus" nur in den. wenig kultivierten Orten ziehen und Krawalle gegen „Juden, Polen, Armeniern und sonstige Feinde des weißen Zaren" zeitigen. In Moskau wurden, die Krawallversuche im Keime erstickt. In Petersburg haben die ehrbaren Arbeiter ein Verzeichnis der Mitglieder der schwarzen Bande angelegt. In Charkow erklärten die Eisenbahnarbeiter dem Gouverneur, beim leisesten Versuch zueinem Judenkrawall in die Stadt dringen und die Exze.denten mit bewaffneter Hand Niederschlagen zu wollen. Und in Warschau wurden die Judenhetzer vom/VoM-wie tolle Hunde erschlagen. Endlich wollen wir zu ünserm eigenen Tröste und zum Tröste unsrer Leser noch eine letzte lichtvolle Erscheinung hervppheben. Wir meistern, die ausgedehnte undmächtige Organisation d^s jüdischen Selbstschutzes. Während noch vor drei Jahren rn Mschinewdre Juden sich vor den gegen sie andrräyAend.eN'.Baudw>^M;- Kellern-. v und Bodenkammern verkrochen, wo sie von ihren Mördern, einzeln abgeschlachtet wurden, während in Shitomir ein emziger Christ, der -unvergeßliche Student Blinoff, sich offen dem jüdischen Selbstschutz anschloß, kämpften in Kiew und Odessa, in Bachmut, Rostow und zahlreichen anderen Orten, Hunderte von Studenten und Arbeitern Schulter an Schulter mit der jüdischen Verteidigung. Letztere war seit Shitomir so erstarkt, daß in zahlreichen Fällen das Militär wie in einer offenen Feldschtacht gegen sie mit Schnellfeuergeschützen Vorgehen mußte. In vielen Orten konnte der Krawall von den Juden im Keime erstickt werden, und wo dieses, wie in. Kiew, in Odessausw. nicht mehr möglich war, haben wenigstens Hunderte von Räubern ihre Raublust mit dem Leben bezahlen, müssen. Wir sind überzeugt, daß die Herbstkrawalle von 1965 die letzten Judenkrawalle in Rußland sein werden, daß das Tschinowniktum, dieser einzige und große Feind der russischen Juden, in einigen Jahren tot und begraben 'seirr^. jedenfalls aber niemals mehr den Versuch wagen wird, „die russische Revolution in Strömen von jüdischem Blut zu ertränken." Nach diesen ausführlichen Vorbemerkungen wollen wir . eine systematische Darstellung der einzelnen Vorgänge bringen, '.die uns von einem genauen Sachkenner zugeht., . ' JudenkrawälleFanden in nachstehenden Gouvernements in folgender Anzahl statt: In Bessarabien 6, Charkow 1, Cherson 11, Jaroslaw 1, Jekatermoslaw 7, Kasan 1, Kiew 7, Kurland 1, Kursk i, Minsk 1, Mohilew-3, Orel 2, Podolien 7, Poltawa 5, Pskow 1, Riasan 1, Saratow 1, Smolensk 2, Taurien 7, Tschernlgow l 3, Tomsk 3, Twerl, Wilna 2, Witebsk 3, Wladimir 2, Wolynien 1 und Woronesch 1. 1--6. Gouvernement Bessarabien. Die Krawalle in diesein Gouvernement fanden zwischen 1. und 8. November statt. In Attuki, Acker-- man, Ismail, Ungeni nahmen sie keine großen Dimensionen an./ Dagegen wurde Kalaraschi vollständig eingeäschert. Furchtbar hat der Pöbel in Kischinew gewütet, wo der Krawall am 1. und 2. November vor sich ging. Noch liegen nähere Nachrichten nicht vor. Allein schon diese genügen, um zu zeigen, welchen Umfang der Krawall diesmal angenommen hatte. Die Banden gingen mordend und plündernd von Haus zu Haus. Nachdem der Selbstschuh.niederkartätscht war, verkrochen sich die entwaffneten Juden aus Böden und in Kellern. Die Zahl der Getöteten, 25 Inden und gegen 13 Christen, und der Verwundeten, 50 Juden und gegen 46 Hooligans, ist nicht so groß wie im Jahre 1903. Dagegen nahm die Zerstörung des jüdischen Eigentums einen w.eit größeren Umfang als beim letzten Krawall an. 7. Gouvernement Charkow. In Charkow war der Krawall von kurzer Dauer, da die Eisenbahnarbriter dem Gouverneur erklärt hatten, falls er den Mob nicht zügelt, bewaffnet in die Stadt dringen zu »vollen. 8—18. Gouvernement Cherson. Die Krawalle in diesem Gouvernement spielten sich zwischen dem 31. Oktober und 4. November ab. Ueber die Vorgänge in Ananjew, Mardarowka, Owidipol ündTiraspol liegen nähere Nachrichten nicht vor. Das Städtchen Holta war der Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Krawallen, indem der Pöbel, . nachdem er mit Holta fertig war, einerseits nach Olwiopol, andererseits nach dem im Gouvernement Podolien gelegenen'Städtchen Bogopol überging. Ganz Holta ist niedergebrannt, ebenso Olwiopol, In Elisabethgrad begann der Krawall am 31. Oktober mit einer patriotischen Manifestation. Nachdem der Pöbel sich durch einen feierlichen Gottesdienst gestärkt hatte, ging er, von Kosaken geführt, von Haus zu Haus und von Läden zu Laden, jeden Juden, der ihnen in den Weg kam. niederschlagend und alles vor sich her demolierend. 209 -jüdische Häufen und sämtliche jüdische Läden sind .demoliert.