Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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r. Nürnberg, 17. November. Zur Hoftafel, anläßlich der Denkmalsenthüllung der Anwesenheit des Kaiserpaares, war der Rabbiner der jüdischen Gemeinde, Herr Dr. Ziemlich, geladen. Der Prinzregent beauftragte, als er sich in der Halle des Hauptbahnhofes zut Begrüßung des Kaisers einfand, Vor dem Hinausschreiten zum Perron den Regierungspräsidenten Freiherrn v. Welser, den Ehrenbürger unserer Stadt, Kommerzienrat Ludwig v. Gerngros, der sich in der Halle befand, herbeizurufen. Der Prinzregent unterhielt sich aufs leutseligste mit Herrn v. Gerugros und drückte den Wunsch aus, Frau v. Gerngros zu begrüßen. Dieselbe war jedoch nicht anwesend.— Die Sammlungen für die russischen Juden nehmen hier einen sehr guten Verlauf. Eine von christlicher Seite einberufene und von allen Konfessionen besuchte Versammlung, in der auch protestantische und katholische Geistliche sprachen, beschloß, gleichfalls eine Sammlung für die russischen Juden zu veranstalten. ' — Außerordentlich stark war heute auf dem israelitischen Friedhof die Beteiligung bei der Beerdigung des Sekundärarztes der chirurgischen Abteilung des städtischen Krankenhauses, Herrn Dr. Fränkel. Aus der von Rabbiner Dr. Ziemlich gehaltenen ergreifenden Grabrede entnehmen wir, daß der so jäh Verstorbene, in Berlin geboren, erst im 32. Lebensjahre stand. Oberarzt Hofrat Dr. Göschel hob das reiche Wissen, den liebenswürdigen freundlichen Charakter des Dahingeschiedenen hervor und legte namens des Krankenhauses einen Kranz nieder. Das gleiche geschah von Herrn Assistenzarzt Dr. Thieuger namens der Assistenzärzte des Krankenhauses, von Herrn Hofrat Dr. Beckh im Aufträge des Aerztlichen Bezirksvereins, von Herrn Dr. Goldschmidt namens des Aerztlichen Vereins. Ein Aktiver der Verbindung Salia-Würzburg und Herr Rechtsanwalt Dr. Cahn im Aufträge des Philisterverbandes dieser Verbindung legten ebenfalls Kränze nieder. Der Vorsitzende des Magistratskollegiums widmete in der letzten Sitzung dem Dahingeschiedenen einen warmen Nachruf, indem er seine Pflichttreue und seinen Fleiß rühmte. Seit sieben Jahren habe Dr. Fränkel in musterhafter Weise dem städtischen Krankenhause seine Dienste gewidmet; zuerst als Operationsassistent, dann als Sekundärarzt, habe sich Herr Dr. Fränkel hohe Verdienste um das Krankenhaus erworben. Dem der Wissenschaft zu früh Entrissenen werde die Stadt ein ehrendes Gedächtnis bewahren. e. Augsburg, 12. November. Am 6. d. M. feierte unser Rabbiner Dr.'Heinrich'.Groß, wie schon gemeldet, sein 70. Geburtstagsfest. Hakte sich schon gelegentlich seines 25jährigen Dienstjubiläums, welches vor sechs Jahren von der ganzen Gemeinde in feierlichster Weise begangen worden ist, die allgemeine Verehrung kundgegeben, so erbrachte die dieswöchentliche Geburtstagsfeier den erneuten Beweis für die allgemeine Hochschätzung, welche dem verdienstvollen Gelehrten.nicht etwa nur im engeren Kreise seiner Gemeinde, sondern auch in weiten Kreisen sowohl der Gelehrtenwelt als auch namentlich der Regierungs¬ und städtischen Behörden gezollt wird. Bereits am Vorabend überbrachten die Herren Rabbiner Dr. Werner-München und Dr. Cohn- Jchenhausen die Glückwünsche der bayerischen Rabbiner-Konferenz. Am Festtage selbst ehrte zunächst die Verwaltung der hiesigen Kultusgemeinde ihren Führer in schöner Weise; Aufmerksamkeiten mannigfacher Art von Seiten der ganzen Gemeinde erfreuten'den Gefeierten während des ganzen Tages. Sein Gelehrtenruf brachte dem Herrn Rabbiners briefliche und telegraphische Gratulationen aus nah und fern. Eine der letzteren war ganz besonders originell, sie^lautet: „Das Leben vieler Tosafisten haben sie herrlich beschrieben; dafür seien Ihrem Leben viel herrliche Tosafot beschieden. Professor Berliner." Ein Glückwunschtelegramm sandte der Herr Regierungspräsident Exzellenz Ritter von Larmann; dasselbe feierte in beredten Worten den „ehrwürdigen Rabbiner", den „guten Bürger" und den „hervorragenden Gelehrten und Schriftsteller". Die Lehrerkollegien sämtlicher hiesigen Mittelschulen ließen teils durch ihren Rektor, teils durch eine Depution unter sinnigen Blumengeschenken ihre Glückwünsche aussprechen. Desgleichen gratulierten ihrem unvergleichlich humanen Vorgesetzten -sämtliche Beamte der-Kultusgemeinde sowie seine zahlreichen früheren und jetzigen Schüler. Das Fest verlief in der Tat so feierlich'-wie nur denkbar. Möge der hochverehrte und hochverdiente Gelehrte noch viele Jahre in reinster Freude erleben! Karlsruhe, 17. November. Den in den hiesigen Tagesblättern erlassenen Aufruf zugunsten der Familien der ermordeten und beraubten russischen Juden haben als Hilfskomitee über 60 hervorragende Persönlichkeiten aller Bekenntnisse und politischen Richtungen (mit Ausnahme, der Sozialdemokratiedie ein besonderes Vorgehen plant) unterzeichnet, darunter der Präsident der Generalintendanz der großherzoglichen Zivilliste, die Präsidenten des evangelischen. Oberkirchenrats, des katholischen Oberstiftungsrats und des Oberrats der Israeliten, die ersten Geistlichen der Protestanten, Katholiken, Altkatholiken und Israeliten, der Rektor der technischen Hochschule und die Direktoren der sonstigen höheren Schulen, hohe richterliche und Verwaltungsbeamte, die hier wohnenden Mitglieder der ersten und der zweiten Kammer des Landtags, Vertreter der Kunst, der Journalistik, der Rechtsanwälte und Aerzte, des Handels, der Industrie, des Gewerbes und andere mehr. Diese allseitige Teilnahme ist eine tröstliche Erscheinung in schwerer Zeit und eine Kundgebung, die nicht nur der badischen Hauptstadt, sondern dem ganzen badischen Volke zur Ehre gereicht. Gesterretch-Angarn. □ Wien, 15. November. Einem alten Brauche gemäß wurde die Deputation der israelitischen Kultusgemeinde in Preß bürg,'die die Martinsgans in die Hofburg lieferte, vom Kaiser in Audienz empfangen. .Die Deputation bestand, aus den Herren Dr. Leopold Stein, Lazar Gestettner und Ignatz Herzfeld. — Der Universitätsprofessor Hofrat Leopold Oser ist zum Vorsitzenden des'Landessanitätsrates gewählt worden. — Der Kaiser hat dem Großgrundbesitzer He rsch Weißglaß in Zastawna den Titel eines kaiserlichen Rates und dem Malzfabrikanten Ignatz Brieß in Olmütz das Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. — Vor einigen Tagen besuchte der Kaiser die neu errichteten Wohlfahrtseinrichtu.ngen im 20. Bezirke. Im Heim für obdachlose Familien wurde der Kaiser vom Gemeinderat Donat Zifferer begrüßt, mit dem sich der Monarch lange und äußerst huldvoll unterhielt. Im Männerheinr beehrte der Kaiser den Prokuristen des Hauses Rothschild, Herrn Emil Horner, mit einer längeren Ansprache. Im Laufe der Unterredung sagte der Kaiser, daß er sich sehr freue, von den großen Hnmanitätsakten zu vernehmen, die das Haus Rothschild veranlasse, insbesondere, daß aus dem Nachlasse des Baron Nathaniel so viel Gutes gestiftet worden sei, auch interessierte sich der Kaiser dafür, ob bereits etwas in der großen Millionenstiftung unternomn,en worden sei. — Dem Prager Gymnasiallehrer Dr. Josef Pik wurde der Titel eines außerordentlichen Universitätsprofessors verliehen. — Die „Neue Freie Presse" veröffentlicht eine Reihe von Kundgebungen hervorragender Männer anläßlich der russischen Judenmassakers. Domprälaten und evangelische Superindenten sprachen sich mit gleicher Entrüstung aus. Der päpstliche Nuntius in Wien äußerte sich folgendermaßen: „Es ist wohl selbstverständlich, daß ich diese entsetzlichen Greueltaten verdammen muß. Ich tue es als Mensch und als Priester und bedauere es tief, daß der Fanatismus solche unmenschliche Formen anzunehmen vermag. Zu dem Abscheu vor dieser Grausamkeit muß sich heute das tiefste Mitleid mitten Opfern gesellen und Erbarmen muß sich regen in allen fühlenden Seelen." Pelsien. n. Brüssel, 15. November. Der Entrüstungssturm, der-über die. Metzeleien in Rußland alle human denkenden, zivilisierten Menschen in ihrem Innersten erbeben läßt, findet auch in Belgien sein Echo. Die liberale Presse brandmarkt das Vorgehen in Rußland und Protest - versa mmlungen gegen diese Greueltateu finden wiederholt statt. Eine solche Versammlung wurde am 10. dieses Monats hier abgehalten; dieselbe war sehr zahlreich besucht. Im Bureau anwesend waren die Abgeordneten Lorand, Vandervelde und der als Gast anwesende italienische Abgeordnete Enrico Rossi. . Die Redner feierten die russische Erhebung und schilderten in ergreifenden Worten die Metzeleien in Rußland, wo unschuldige Männer, Frauen und Kinder erbarmungslos hingeschlachtet werden. Die ’ Menschheit müsse ihren Protest erheben gegen - diese Schandtaten, welche die russische Negierung nicht nur duldet, sondern sogar fördert. Eine traurige Ironie wäre es, wenn eine Regierung Friedenskonferenzen einberusen will und ihre eigene Untertanen sich untereinander zerfleischen