Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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laßt; Wir erleben dabei wieder ein Stück, des Mittelalters, .'welches wir für ewig entschwunden glaubten. Möge, die liberale Partei in Rußland die Oberhand gewinnen und die Morgenröte der Freiheit und Menschlichkeit endlich über das unglückliche Land aufgehen. Mit dem ausgesprochenen tiefen Beileid und einer Kollekte für die Opfer der russischen Massakers wurde die Versammlung geschlossen, nachdem man noch eine Resolution gegen das Verhalten der .russischen Regierung angenommen hatte. .w . Von Sah und Mm. Eine Forschungsreise nach Palästina und Aegypten unternimmtdieser Tage mit Unterstützung der hiesigen Akademie der Wissenschaften Dr. Max Blankenhorn. Den Zweck der Reise bilden hauptsächlich stratigraphische Untersuchungen. Die Dauer ist auf mehrere Monate berechnet. —Der Reichstagsabgeordnete ehemaligePastorKr öse l l, gegen den kürzlich das Landgericht Sta rgard i. P. einen Haftbefehl erlies;, weil er als Angeklagter in einer Beleidigungssache nicht zum Termin erschien, hat jetzt der Behörde mitgeteilt, daß er bis auf weiteres in Malmö, Danemark-Hotel, Aufenthalt genommen habe. — In Könitz wurden bei der Stadtderordnetenwahl in der 1. Klasse drei Juden, die Kaufleute Flater und Lewin wieder- und der Kaufmann Louis Tuchler neu gewählt. — In Posen hat sich ein Verein unter dem Namen Jüdischer Diskutierklub gebildet, der die Hebung des jüdischen Selbstbewusstseins durch Beschäftigung mit jüdischer Geschichte und Literatur und allen jüdischen Fragen erstrebt. — In Landsberg O.-S. hat der Vorstand der Synagogengemeinde auf Ersuchen der jüdischen Frauen den Antrag gestellt, den Frauen das aktive und passive Wahlrecht zu verleihen. — Der in Berlin verstorbene Rentier Martin Littauer, ein geborener Breslauer, vermachte seiner Vaterstadt gemeinsam mit seinem Bruder Eduard in wechselseitigem Testament vierhunderttausend Mark behufs Schaffung billiger Wohnungen für verarmte Bürger aller Konfessionen. — In Beuthen O.-S. kann der Polizeisekretär Herr Simon Fuchs am 1. Dezember dieses Jahres auf eine fimfundzwanzigjährige Amtstätigtest zurückblicken. — In Wittenberg wurde vor einigen Tagen seit 465 Jahren das erste jüdische Paar getraut. Interessant ist dabei, daß von 1449 bis 1867 in Wittenberg kein Jude gewohnt hat. Sie wurden nämlich 1440 „auf ewige Zeiten" aus Wittenberg verbannt; erst 1867 konnten sie, nachdem das Freizügigkeitsgesetz in Kraft getreten war, wieder dorthin zurückkehren. — Der Sohn von Jules Verne tritt ' dem Gerüchte, sein Vater sei ein polnischer Jude namens Olchowiec gewesen, der im Jahre 1861 in Rom zum Katholizismus übertrat und sich später in Frankreich naturalisieren ließ, mit der Veröffentlichung des Geburtsscheines des weltbekannten Schriftstellers entgegen. Er hat sich ihn in Nantes ausstellen lassen, wo der Advokat Pierre Verne am 8. Februar 1828 mit zwei Zeugen, dem Untersuchungsrickster Trontzon und dem Hauseigentümer Alexandre Verne vor dem Maire erschien und ein Kind männlichen. Geschlechtes anmeldete, das seine Gattin Sophie Henriette Motte ihm an jenem Tage um. die Mittagsstunde geboren hatte. Das Kind wurde mit den Namen Jules Gabriel in das Standesregister eingetragen. — Eine Sammlung in der russischen Kirche hat in Wien nach dem Sonntagsgottesdienste zugunsten der russischen Juden stattgefunden. Der Botschafter Fürst Uruffow spendete 1000 Kronen. Das Gesamtergebnis der Sammlung betrug I486 Kronen. — In Bukarest wurde die Einführung des israelitischen Religionsunterrichtes in den evangelischen Schulanstalten, nachdem die vom Direktor Dr. Lenz vorgenommene Rundfrage ein günstiges Ergebnis gehabt hate, endgültig beschlossen. Unter den zur Teilnahme am Unterrichte angemeldeten Kindern kann aus mindestens 106 zahlende gerechnetwerden. — In Minsk sind die christlichen Arbeiter dem jüdischen i Selbstschutz beigetreten und beugten so einer Wiederholung der, Massakers vor. — Durch die gesamte antisemitische Presse Europas wunderte eine telegraphische Meldung aus Petersburg, wonach in Kiew im Saale der städtischen Duma am 18. Oktober ein jüdischer Rechtsanwalt Rainer eine Brandrede hielt und das Bild des Zaren aus dern Rahmen ansschnitt. Nun wird jetzt, wie wir im „Hasman" lesen, durch Zeugen sestgestellt, daß derjenige, welcher, das Zarenbild zerschnitten hat, ein gewisser Wosko Gregoriew, einer der Hauptanführer bei den Jndenmassakres in Kiew, war. ‘ — In Kursk hat eine eingehende Untersuchung .über die. Letzten Unruhen zur Ermittlung der an den Plünderungen jüdischer Häuser und Geschäfte beteiligten Personen geführt. — In Odessa hat der neue Stadthauptmann beim Empfange des Oberrabbiners gesagt, ep mache keinen Unterschied zwischen den Nationalitäten. Die Juden könnten sich also beruhigen. Er garantiere für Aufrechterhaltung der Ordnung. — In Li bau wurde einWolizeibeamter namens Kluge, der nach durchzechter Nacht durch Geldspenden zu, einer Judenhetze aufreizte, von der Volksmenge vor ein improvisiertes Gericht gestellt und erschossen. — In Kisch in ew traf die Nachricht ein, daß der bekannte antisemitische Führer Kruschewan bei .'einem der letzten Zusammenstöße in. Petersburg erschlagen worden sein soll. Andererseits wird aber berichtet, daß dieser Mensch jetzt in Warschau angekommen sein soll. — Während der letzten unruhigen Tage haben sich8000Juden aus Petersburg nach Wiborg gerettet, wo sie von den Finnländern in liebenswürdigster, gastfreier Weise ausgenommen wurden. — Petersburger Zeitungen veröffentlichen folgendes Dokument: „Durch die Mandschurei — sowohl nach Charbin, als auch nach allen übrigen Orten — sind, so nur ihre Papiere in Ordnung sind, alte russischen Untertanen mit Ausnahme der Juden durchzulassen. Was die Juden und die Ausländer anbelangh so bleiben die früheren Verordnungen bestehen, sie müssen jedesmal eine besondere Erlaubnis haben, um nach Charbin zu fahren. General Nadarow." — Der' Erzbischof von Canterbury sendete namens der gesamten anglikanischen Hierarchie ein Telegramm an den Heiligen Synod in St. Petersburg, worin die^ gegen die jüdische Bevölkerung verübten Verbrechen auf das tiefste beklagt werden. — Herr James Speyer in Newyork hat dem Kuratorium der Columbia-Universität in der Stadt Newyork 50 000 Dollar mit der Bestimmung gestiftet, diese Summe resp. deren Zinsen für die an der Berliner Universität zu gründende Theodor Noosevelt-Profeffur für amerikanische Geschichte und staatliche Institutionen zu verwenden. Die Anregung zur Errichtung einer solchen Pro- ' fessur ist von dem deutschen Kaiser ausgegangen. — Die Gründung eines internationalen israelitischen Schutzbundes mit dem Sitze in Newyork wird vielfach vorgeschlagen. Der Bund soll zugleich der Massenansiedlung jüdischen Proletariats in den amerikanischen Großstädten und der Zentralisation der Einwanderung entgegenarbeiten. — Wie der „Times" aus Newyork gekabelt wird, fanden in zahl- ' reichen Städten der Union Meetings zum Zwecke der Veranstaltung von Geldsammlungen statt. In Philadelphia sind während einer halben Stunde 20 000 Dollars (80 000 Mark) aufgebracht. ^Mr., Carnegie hat dem Newyorker Komitee 10 000 Dollar zugehen lassen. Das. vorgestern in London veröffentlichte Ergebnis beläuft sich bereits ans ca. 80 000 Lftr., wovon 20 000 Lstr. von Jakob H. Schiff in Newyork als erste Rate der dortigen Sammlung gesandt, das übrige in England, vorwiegend hier, beigesteuert wurde. Das Hans- Rothschild spendete 10 000, Sir Ernest Cassel 6000, Barnato Brothers 3000, Sir Samuel Montagu und R. Raphael, u. Sohn je 2000, Claude Montefiore und sieben fernere Wohltäter je 1000 'Lstr- Hervorgehoben sei, daß die Eigentümer des Daily Telegraph mit 500 Lstr. (10 000 Mark) figurieren. — Wie dem „Jewifh Chronicle" aus Nairobi, Britisch Ostafrika, geschrieben wird, wurde daselbst am Jom Kipur im Logenhaus ein Gottesdienst äbgehalten, der von den Herren Block und Rosenblum geleitet wurde und welchem 14 Personen beiwohnten. Am Abend des Jom Kipur wurde beschlossen, eine Gemeinde zu gründen. In Ostafrika gibt es gegenwärtig 30 jüdische Familien, welche zum größten Teil Landwirtschaft und Viehzucht betreiben. — lieber die Juden in China werden wir wohl demnächst authentische Nachrichten : hören. Wie nämlich der in Shanghai erscheinende „Israels Massenger" zu melden weiß, wird dort am 1. Oktober Mr. Oliver Baiubridge erwartet, nachdem er Kaifengsu besucht, die dortigen Juden eingehend studiert und ihre Altertümer besichtigt hat. Die Reise ging von Shanghai über Hankow nach Kaifengsu, wo Mr. Oliver Bainbridge, von einem tüchtigen Dolmetscher begleitet,, am 19. September eintraf. Die Expedition, welche im ganzen kaum bier'Wochen gedauert hatte, ist vollkommen gelungen, und gedenkt Mr. Oliver Bainbridge die Ergebnisse seiner Untersuchungen zu einer Reihe von Vorträgen zu benutzen. *******