Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 563 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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1 Wie, um seinen ihn quälenden Gedanken ein Ventil verschaffend, ließ sich Berko bald darauf' mit' gedänrpfter Stimme vernehmen: : „Es wäre besser, die Augen für immer zu schließen und nicht zu schauen! Gott hat uns einen, einen Sohn beschert! Rachel, ich mache Dir keine Vorwürfe, aber schau, was mit uns vorgeht! Wie er herabgekommen . . . Woher kamen ihm diese wilden Gedanken? Er hat sich und uns dem Gespött der Leute Preisgegeben." „Berko, er wird zurückkommen", sagte die alte Rachel zaghaft. „Wie damals! Denkst Du? Es schien mir, er fei schon zu Verstand gekommen, er werde schon bei uns im Geschäft bleiben. — Nun, er heiratete! Und was weiter? Er ließ die Eltern, die Frau im Stiche und ging davon! Wohin? Um sich zu schlagen! Wer hat^s ihn geheißen? Ist er dort notwendig? Mögen sich die Edelleute oder Bauern schlagen, was kümmert das uns? Es ist eine Schmach für die ganze Gemeinde! Silberwasser hat vier Söhne, drei Eidame, und alle arbeiten zusammen. Einer von ihnen ist ein Gelehrter! Ja, das nenne ich ein Ansehen genießen! Wenn unser Berko gelehrt wäre! Dann wäre es nicht schade zu arbeiten^ — Aber so — alles möge schon zu Grunde gehen! . Josielowicz sprang von seinem Sitze auf, begann mit großen. Schritten die Stube zu durchmessen und an dem Seidengürtel auf seinem langschößigen Atlasrock zu zerren. „Es sind jetzt schwere Zeiten für die Herberge, nicht das, was früher!" ließ sich Rachel vernehmen, die die Gedanken ihres Mannes ablenken wollte. „Schwere Zeiten, aber nicht für alle! Schau, wie es bei Nathan zugeht. Dort sitzen alle Herren vom „Fiskus". Zwei Winkelschreiber haben dort ihre Kanzlei aufgefchlagen. Vis Mitternacht sind dort eine Menge Leute! Könnte es nicht auch so bei uns sein? Eine Herberge auf dem Ringplatze, in der ganzen Gegend bekannt . . . noch Reb Eli — sein Name sei gesegnet — hat sie gegründet. Rachel, siehst Du, Nathan hat gute Söhne. Ja, gute Söhne! Sie sind dem Vater behilflich, und wie helfen sie ihm aus. Nathan hat Lieferungen für die Armee, alle Oesterreicher gehen bei ihm ein undaus. Nun, er möge es haben, ich bin nicht neidisch! Wenn man wenigstens diese Demütigung — diese Schande von mir nähme. Daß man ihn dort meinetwegen totschlüge! Daß es einmal schon ein Ende nimmt." „Berko! Das ist doch unser Kind — fluche nicht!" „Rachel, Du gibst Dich noch Illusionen, hin," ermahnte der alte Josielowicz düster. „Er ist kein Jude mehr! Unsere Religionsgesetze sind für ihn nicht mehr vorhanden! Er hat sich mit dem Adel eingelassen! Er ist schon ein Zlpikores! Er schämt sich wahrscheinlich schon des Vaters, der Mutier, der Frau und der zehn Gebote! Rachel, ich habe keinen Söhn mehr! ..." Berko ließ sich kraftlos auf die Bank fallen und begrub fein Haupt in die Handflächen. Unter dem Eindrücke der Worte ihres Mannes atmete Rachel schwer und rackelte nervös über dem Schanktische. „Lokalem alejodem!" ertönte plötzlich eine lustige Stimme auf der Schwelle. „Alejchem scholem!“ entgegnete Berko, langsam sein Haupt emporrichtend und die gekrümmte Gestalt eines Männleins anblickend. „Du bist es, Schapse?" „Wer sonst! Habe ich mich während dieser Woche so verändert?" „Was hört man?" „He, he! Man hört sehr laut und sehr Nichtgutes! . . Krieg! Solch ein Krieg, wie e§ vielleicht noch keinen gegeben hat! . . ." ,' . ": „Das weiß man ja. Es wird wohl schon eine Woche sein, daß beim Landrate 'ob der Kapitulation Warschaus großer > Jubel herrschte. Es schadet nichts. Es wird keine Grenze geben, vielleicht wird sich das Geschäft bessern." „He, he! Es mag sein. Warschau hat sich den Oesterreichern ergeben! Ich weiß nicht! In Zelechow aber ist aus dem Landrate ein Präfekt geworden und die polnischen Truppen rücken vor." „In Zelechow?" „Nun, ich komme doch von dort! Meine Feinde sollen keine solche Ruhe haben! Vor lauter Schreck kann man krank werden. Jede paar hundert Schritte wird man angehalten. Und wohin? Wozu? Womit? Wieviel Polen? Wieviel Oesterreicher? Und jeder droht, jeder will gleich aufhängen, totschlagen! füsilieren!" „Das wird bald ein Ende nehmen," bemerkte Josielowicz gleichgültig. Daß Euere Worte nur am schnellsten in Erfüllung gehen! Aber ich habe an Euch ein Anliegen. Verzeiht, ärgert Euch nicht — es ist ja nicht meine Schulde Ich bin nur ein armer „Faktor" — Makler." „Was ist's?" „Ich . . . ich habe für den Husarenoberst französischen Tabak gebracht. Wißt Ihr, für von Gringer. Sie sollen morgen früh aus Kock abmarschieren." „Sollen sie gehen!" „Ich halte sie auch nicht. . . Cs sind solche Gewaltmenschen. Nur, seht ihr, Reb . . . Der Oberst hieß, Euch sagen, daß er mit all seinen Offizieren in Euer Einkehrhaus kommen wird." Josielowicz erbleichte. „Was will er von mir?" „He, he! Was kann er wollen? Er wird essen, trinken — und dann wird er Euch vielleicht eine Afsignate geben, für welche Ihr keinen Dreier kriegt —?" Berko spie zornig aus. Schapse fuhr, sich krünnnend und mit den Augen blinzelnd, ironisch fort: „Wozu sich ärgern? Von Gringer ist solch ein Stänkerer und Ihr, Berko, müßt mit ihm in Frieden leben! Er ist Oberst und Euer Söhn ist doch auch ein Oberst! Ein General vielleicht ... Den Husaren gebührt ein Abschiedsschmaus. Würde es sich schicken, daß Nathan oder Silberwasser solche Persönlichen bewirten! Reb Abram selbst hat mir heute gesagt, daß dieses Glück nur Euch zukommt!" „Und Du bist gekommen. Dich lustig zu machen?" „Ich! Wie würde ich es wagen, solch eines angesehenen Kaufmanns zu spotten?" Schapse blickte nach der offenen Türe. „Schaut! Sie kommen schon. Der Oberst und die Offiziere!" Josielowicz ging den österreichischen Husaren entgegen. Die Gaststube füllte sich mit Säbelgerassel, Sporengeklirr und dem Trubel einer lärmenden Unterhaltung. Oberst von Gringer winkte den devot stehenden Berko herbei. „Höre, alter Tagedieb!" sagte er barsch. „Laß Wein auftragen. Du wirst uns ein tüchtiges Nachtmahl vorsetzen. Daß niemanden etwas abgeht, denn sonst wird es Dir schlecht ergehen." „Herr Oberst! Ich werde mir Mühe geben, obwohl es mit meinem Keller schlecht bestellt ist. Man verkauft nichts —" „Mache, was Du willst! Nimm woher immer! Sonst werden wir selbst alles durchsuchen!" Berko preßte die Zähne zusammen und schleppte sich nach der Gesindestube, um Befehle zu erteilen. Die Tische wurden