Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 562 (sequence 10)
- Language
- German
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Goldsch nti b t in Leipzig ihr achtzigstes und am 25. November Frau Liüä Morgenstern in Berlinihr fünfundsiebzigstes Lebensjahr, Heide in harmonischer Frische von Körper und Geist,- in milder Abgeklärtheit des Alters gepaart mit fast jugendlicher Elastizität. Zu jener Gattung weiblicher Wesen gehörend, geistig und seelisch gleich hochstehend, zu denen der geistvolle englische Schriftsteller Thomas Carlyle seine Gattin zählte, von der er in seinen Memoiren schreibt: „Eine Frau von ganz hervorragend guten Eigenschafteneine . Vereinigung von Sanftmut und Güte, ein Gemisch von Geist und Witz und förmlich idealer Herzensgröße", haben beide ihr Leben, ihr Wirken in den Dienst echter, wahrer Humanität gestellt und besonders zum Wohle und zum Segen ihres Geschlechtes seit fast einem halben Jahrhundert wahrhaft Großartiges geleistet. Lebens- und Werdegang der sich in langjähriger herzlicher Freundschaft nahestehenden Gesinnungsgenossinnen sind genugsam bekannt, ihre gemeinnützigen Werke, die von ihnen ins Leben gerufenen Schöpfungen, die herrlich blühen, wachsen und gedeihen, reden eine so beredte Sprache, daß wir hier darauf nähereinzugehen um so weniger nötig haben, als die wundervolle biographische Skizze, die . Auguste Schmidt gesegneten Andenkens der treuen Kollegin Frau Dr. Goldschmidt anläßlich ihres siebzigsten Geburtstages an dieser Stelle widmete, noch unvergessen in aller Leser Erinnerung fortlebt, und auch Frau. Morgensterns ist anläßlich ihres siebzigsten Geburtstages und ihrer goldenen Hochzeit ehrend und liebend in diesem Blatte gedacht worden. In einem Alter, in dem sonst selbst sehr tatkräftige Menschen von ihrer Lebensarbeit ausruhen, sehen wir beide Jubilarinnen in unentwegt selbstloser Hingebung an dem Ausbau ihrer Schöpfungen wirken, und vielleicht, ja gewiß sogar, ist die segensvolle Liebestätigkeit, die sie im Schmucke des Greisenalters mit gleich freudigem Herzen wie einst auf der Höhe des Lebens ausüben, ihnen zum unversiegbaren Jungbrunnen, zu einer unerschöpflichen Quelle von Lebenskraft und Schaffenslust gewordeit. Bei dem Internationalen Franenkongreß in Berlin 1904 richteten sich nicht nur die Blicke aller Anwesenden auf diese beiden greisen Veteraninnen der deutschen Frauenbewegung, in beiden Weltteilen vernahm man mit Staunen von ihrer regen Wirksamkeit. In unseren Tagen, wo gerade auf dem Gebiete der Frauenbewegung, und nicht zum wenigsten unter der jüngeren deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens, die Uebertreibung die üppigsten Blüten zeitigt, ist es insbesonders am Platze, darauf hinzuweisen, daß diese beiden verdienstvollen Frauen, die sich im öffentlichen Leben in so hervorragender Weise betätigt haben, stets ihrer Pflichten gegen ihr Haus und ihre Familie eingedenk geblieben sind. Immer und allen voran habeil sie sich iu erster Reihe in allen Lagen des Lebens ihren Angehörigen glänzeird bewährt und sind auch hierin ihrem Geschlechte vorbildlich geworden. Möge der Lebensabend beider hochbegabter Frauen, die zu den anregendsten, lebhaftesten und kultiviertesten Geistern unserer Zeit zählen, ein heller, lichter und freundlicher sein! Beider Name ist nicht nur mit der Entwicklungsgeschichte der deutschen, der gesamten Frauenbewegung, sondern auch mit der .der Wohlfahrtsbestrebungen der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts auf das engste verknüpft, und ihre Schöpfungen werden ihnen dereinst ein dauerndes Andenken sichern. , %aaitiLecf>?y Mrko IoKelotvir^ Historische Novelle von Wäclaw Gonsiorowski. Deutsch von S. H orowitz. IPin stiller Maiabend senkte sich langsam auf die planlos zerstreuten Gebäude des kleinen galizischen Städtchens Kock nieder, mit sich eine belebende Brise führend, das Himmelsgewölbe mit Sternen schmückend und die blumigen Getreidefluren in Schlaf lullend. ' Kock aber — obwohl nach einem langen, empfindlichen Winter— schien sich weder mit dem Gesänge der Lerchen, noch mit dem Fluge der Störche, noch mit der Hoffnung einer neuen Ernte zu freuen. Es hatte sich seiner, wie übrigens auch den änderen Städtchen des damaligen Galiziens, eine todesähnliche Schlaffheit bemächtigt und es in eine düstere Monotonie der Alltagssorgen, in eine apathische Unterwürfigkeit dem Landrate gegenüber, in ein Leben ohne morgen eingesponnen. Von der Ostgrenze drang manchmal irgend ein vollerer, hellerer Ton auch da hinein, verhallte aber gleich unter österreichischen Drohungen. — Manchmal auch verließein Jüngling verstohlen sein Heim, um in die weite Welt zu gehen und verscholl ohne jede weitere Kunde. Hier und da erwähnte man - noch die alten Zeiten. Die zitternde Stimme des Greises beim Kamine klang bramartisierend, erweckte die rasenbedeckten Grabhügel und brach sich öfter, vom Trommelwirbel aus der Hauptwache vor der Magistratur übertönt, der die Einwohner Kocks daran erinnerte, daß das Tilsiter Traktat Galizien nicht zu gute kommt. In der geräumigen Stube der Lnbliner Herberge herrschte tiefes Schweigen. Die ausgestellten Tische und Bänke warenleer. Im Hintergründe, hinter einem mächtigen Schanktische, klapperte die alte Rachel mit dem Geschirr und seufzte schwer, unruhig nach der Eingangstür blickend. In einer Stnbenecke auf einer umgestürzten Tonne saß Verko Josielowiez, seinen langen, grauen Bart glättend und mit dem Haupte traurig wackelnd. Plötzlich öffnete sich die in den Alkoven führende Tür geräuschvoll. Ein sechsjähriger Junge stürzte in die Stube, aus einem Blechgefäße den Takt eines Militärmärsches schlagend. Der alte Berko runzelte die Stirne und schleuderte einen zornigen Blick in der Richtung des Alkovens. . „Sarah! Nimm den Jungen von hier weg!" Ein junges Weib erschien in der Türe und sie rief dem Buben zu: „Komm her. Ich Hab'Dir gesagt, Großpapa hat dies nicht gerne ..." „Ich will nicht! Ich werde nicht gehen" steifte sich der Knabe und begann wieder aus seinem Blechgefäß den Takt zu schlagen. „Schön erziehst Du ihn!" bemerkte Berko spöttisch. „Er will Dir schon jetzt nicht gehorchen!" V „Wie, ein Kind!" nahm sich Rachel hinter dem Schanktische seiner an. „Ein Kind!" wiederholte Berko bitter. „Du solltest dieses Wort nicht über die Lippen bringen! Erinnere mich , nicht daran! ... Deine Verblendung, Deine Halsstarrigkeit, schau, wohin uns die gebracht haben! —. Nicht dies habe ich auf meine alten Tage erwartet. Rachel seufzte demütig. Sarah führte den Jungen mit Gewalt aus der Gaststube.