Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
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beklagt, bedauert, aber verstehen -und achten den erbitterten Dampf '>mn^ch.iema1ionaldreligröse Existenz muß jeder vernünftig und billig7denkende Mensch. Must ja möglich, daß, wenn die jüdische Nationalität sich nicht^erhalten hätte, wenn sie ruhig Und' ergeben im ' Christentum aufgegangen wäre, die Weltgeschichte eine lange Reihe recht trauriger Blätter weniger besäße, aber befehlen läßt sich eben eine Nationalität nicht. Das erinnert mich an den frommen Wunsch so manches modernen Juden, daß es eigentlich am besten wäre, wenn alle Juden der Welt an einem bestimmten Tage zum Christentum übertreten wollten. Das wäre ja ganz schön, wenn nur fataler Weise von den 12 Millionen Juden nicht wenigstens 11 mit Händen und Füßen dagegen sich wehrten. Schließlich befindet sich.Friedländer auch mit seinem vielberufenen Antinomismus der hellenistischen Literatur auf dem Holzwege. Antinomisten waren vor den Makkabäerkämpsen die jüdischen Epikuräer, im Zeitalter Jesu die Gnostiker, beide vielleicht zahlreiche, aber doch abfallende, welke Blätter am Baume des Judentums. Die Hellenisten, die Propaganda machten für die jüdische Religion unter Griechen und Römern, die jüdisch-griechischen Schriftsteller, waren zum überwiegenden Teile gesetzestreue Juden. Wer sich davon überzeugen will, der blättere in der von Kautzsch herausgegebenen Sammlung der übersetzten jüdischen Apokryphen und Pseudepigraphen, jede Seite gibt ihm treffende Aufklärung. Daß sie nicht die Beschneidung und das Verbot des Schweinefleischessens, sondern Gotteserkenntnis und Nächstenliebe hervorheben, spricht doch noch nicht dafür, daß sie gegen die Beschneidung waren und Schweinesieisch zu essen erlaubten. Ein argumentum a 8i1entio ist hier am allerwenigsten. stichhaltig. Dabei will ich absehen z. B. von dem Bericht des Josephus, den. Friedländer so' gern zitiert und den auch heidnische Schriftsteller bestätigen, daß an zahlreichen Orten sehr viele Heiden die jüdischen Zeremonialgesetze hielten (eontra ^.pionem II § 10, 39, 40). Ich glaube somit nachgewiesen zu haben, daß, ebenso uvie Friedländers Stellung zur Tätigkeit Jesu als Antinomisten falsch ist, er sich auch mit seinen Ansichten über die Gesetzes¬ und Nationalitätsfeindschaft der Propheten, über die religiöse Engherzigkeit der Pharisäer und den Universalismus der hellenistischen Literatur durchaus auf einem Irrwege befindet, in einem schweren Jrrtume, in den er sich nie verbissen hätte, wäre nicht die Entnationalisierung und Gesetzesbefreiung des heutigen Judentums sein Steckenpferd geworden. III. Und nun möchte ich noch dies Steckenpsero Friedländers, seinen Entnationalisierungs- und Gesetzesbesreiungsgedanken, etwas eingehender prüfen. Das Judentum soll sich endgiltig entnationalisiereu, damit sich die Welt zu seinem einzigen Gotte bekenne. Da aber außer dem lieben Herrgott nahezu alles im Judentume nationalreligiös ist, müßte daher alles, aber auch alles, restlos verschwinden. Gut. Wie soll das bewerkstelligt werden? Aus Synoden^ und Versammlungen? Friedländer wird zugeben, soweit kennt er ja unsere Religionsgeschichte aus dem XIX. Jahrhundert, daß.solches Beginnen töricht und zwecklos wäre, einfach, weil dieWenschen, sagen wir, nicht reif sind für einen Glauben ohne irgendwelche traditionellen Sitten und Bräuche, dann, weil dielmeisten Juden mit einer ganz sonderbaren zähew Liebe'an vielen dieser Ritualien hängen.. Ich meine, eine solche Umwälzung wäre nur dann möglich, wenn ein gewaltiger Heros, ein Messias, erstünde, der mit alles verzehrender Gewalt Juden und Heiden und Christen mit sich fortriffe. Ein solcher Messias tritt aber nur als letzte köstliche Frucht einer gewaltigen Strömung und Gärung auf, die eine ganze Welt in Aufruhr bringt und in Fieberschauer versetzt, um der gequälten Menschheit die Erlösung, das Heil zu bringen. Ein solcher Messias kommt nicht, wenn ein Einzelner es wünscht, sondern wenn es die Not des Menschengeschlechts erheischt, wenn „erfüllet^sein werden die Zeiten", wenn zwei Welten mit Schwerterklirren an einander Prallen, und der Bote des Herrn Großes der Welt zu künden haben wird. Weiß Friedländer nicht, daß Jesus ohne Paulus niemals der wahre Messias geworden wäre? Die Juden in Palästina brauchten -eben keinen religiösen Messias. In der Diaspora, wo es hieß, dem untergehenden Griechentume den letzter: Todesstoß zu geben und an seine Stelle ein neues zu setzen, da wurde Jesus der Messias. Wie lehrreich, zu seherr, wie die Propheten dem von ihnen erträumten Messias ein Doppelgesicht geben, eines, das nationale, Israel, das andere, das religiöse, den Völkern zugewandt. Weil wir seit Moses Zeiten eines religiösen Messias nicht mehr bedürfen. Israel braucht Propheten, Sittenprediger, Mahner, Reformatoren, und die besaß es von Amos bis auf unsere Zeit in. Hülle und Fülle. Auch dem Christentum wird nie mehr ein Messias erstehen — Reformatoren gleich Luther, noch zahlreiche und bessere —, weil ein Messias nicht kommt, um Kleinigkeiten in der Welt zu ordnen, sondern um die Menschheit in neue Sphären zu heben. Er wird kommen, um durch eilt Drittes, Großes, uns allen noch Unbekanntes, die Menschenkinder zu einen. Dies Endziel der Menschheit erwarten, an dhr Erfüllung redlich nach seiner Begabung im Rahmen seines Volkstums arbeiten, ist das Lebensziel aller Gemeinwesen, als auch des Judentums. Daß es in dieser Arbeit trotz der nationalen Enge, oder gar infolge derselben, weiter hält als das Christentum in seiner Totalität, dafür legt Zeugnis ab die Geschichte, dafür sprechen lauter als alle Kanzeln die Ereignisse in Rußland, wo unter dem herzbeklemmenden Schweigen des christlichen Europa tausende und abertausende Juden von entmenschten 'Christen in Stücke gerissen wurden. Zu solchen schmachvollen Taten hat das nationale Judentum seine Bekenner unfähig gemacht, mächtiger das jüdische Volk beeinsiusseud, als es jemals einem entnationalisierten Judentume gelungen wäre. Herr Friedländer täusche sich nicht. Ich bin deshalb meinen Prinzipien und Idealen nicht untreu geworden. Aber unser dickleibiges Gesetzbuch leichter machen, die Bürde des Gesetzes abnehmen, die Fesseln lösen, das ist noch lange nicht jene radikale Entnationalisierung, wie sie Friedländer vorschreibt. Auch die wird dereinst kommen, aber ich möchte als treuer, ehrlicher Bewunderer dem Meister zurufen: „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, erwecket nicht die Liebe, bis sie selber Vertan gen trägt!" „Dem Weisen genügt die Andeutung!" Lwri Geburtstagskinder. Eine Spätherbstbetrachtttng von Regina Neisser. ie man in der Familie von hochverehrten Menschen spricht, nicht sowohl um Neues über sie zu erfahren, sondern um der Liebe und Bewunderung, die .man für sie empfindet, Ausdruck zu geben, sich ihres Besitzes zu freuen, so g'edentt die gesamte gebildete Welt in diesen Spätherbsttagen zweier ausgezeichneter Frauen, die das Judentum mit stolzer Genugtuung zu seinen besten, und edelsten Töchtern zählen darf. Am 23. November vollendet Frau Dr. Henriette