Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 560 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228684--62187-3276050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
560 der Antinonlist, die Messiassehnsucht der griechischen -und römischen Welt in genialer Weife benutzt und Jesum zum antinomistischenMessias gemacht hätte. Also: das CHristen-. -tum ist von Anfang bis zu Ende ein Produkt des Diasporajudentums, und Jesus war kein Gesetzesfeind. . Friedlander behauptet weiter, daß die Diasporajuden in ihren -Schriften die wirklichen, echten Fortseher des universalistischen Prophetentums seien, hingegen jene nationale Gesetzesrichtung, die mit Esra ansetzt, das aufgepfropfte Reis sei an dem Erkenntnisbaume Israels. Die Pharisäer hätten den Prophetismus gemordet, den Universalismus geknebelt und den engen Gesetzesnationalismus auf den Thron gehoben; sie haben in kulturfeindlicher Weise gegen das herrliche Griechentum gewühlt, dem sich anzupassen und durch dasselbe zur lichten Höhe der Universalreligion sich zu erheben das palästinensische Judentum im Begriffe war. Friedländer sagt: „Der unverfälschte Mosaismus pflanzte sich also mit Nichten fort auf den: von dem Pharisäismus ihm vorgezeichneten Wege: Von Moses aus Josua, von Josua auf die Alten, von diesen aus die Propheten .und von den Propheten auf „die Männer der großen Versammlung", will sagen, auf die Schöpfer der pharisäischen Traditionslehre; sondern er ging von den Propheten auf die Weisheitslehrer und von diesen unmittelbar nnd mit völliger Umgehung des von dem Weltjudentum sich abzweigenden, von den „Männern der großen Versammlung" in ein enges, nationales Bett geleiteten Israel, auf die führenden-^Geister des "Judentums der griechischen Diaspora über, von wo er in die Weltreligion ausmündete (Vorwort Seite VII)." — Es ist beinahe unglaublich, daß ein Gelehrter, ein Denker von dem Range Friedländers, geschichtliche Tatsachen so auf den Kopf stellen könnte. Die Propheten antinational, ihr Messias universalistisch! Es hieße selbst für jeden Laien Eulen nach Athen tragen, wollte ich es mit Zitaten aus sämtlichen Propheten erhärten, daß gerade diese Männer die größten Nationalisten waren. Jeremia, der zweite Jesaia, nicht national! Und ist es nicht höchst interessant, daß gerade diese zwei nationalsten Messiaskünder mit mächtigem Nachdrucke die Sabbatweihe predigen, also Gesetzeslehrer sind? (Jerem. Kap. 17, Jes. Kap. 56). Schließt nicht das große Mefsiaskapitel des ersten Jesaia (Kap. .11) mit der Erfüllung der nationalen Hoffnungen? Gewiß, der Messias bedeutet auch: „und voll wird die Erde sein von Gotteserkenntnis" (Jes. 11,9)", schließt in sich die Herrschaft .Gottes über die ganze Welt, aber dieses Ideal unterdrückte nicht einen Augenblick die nationalen Träume sämtlicher Propheten, ebensowenig, wie die Erwartung ^der mittelalterlichen Juden auf Rückkehr nach Palästina den Sieg der Gottesidee über die ganze Menschheit jemals zurückgedrängt hat. Es ist das eben die Größe des Judentums und die Quelle seiner unzerstörbaren Macht, daß es Nationalismus und Universälismus zu einer unzertrennbaren Einheit in sich zu verschmelzen verstanden hat. .— Sicher, Jesaia hat die Kap. 1 nnd 58 geschrieben, alle Propheten, ohne Ausnahme, stellen , die Gesetze hinter die Sittenlehre. Denn seit Olims Zeiten hält die Menge an "Sitte und Brauch fester als an Wesen, und Idealen, ob sie Christen oder Juden sind. Darum ist es seit jener'» Tagen, da die Juden der Welt die Predigt geschenkt Habens Pflicht allerPropheten und Rabbiner und Pfarrer und Pastoren, das Volk vor allem an das Wesen, an das religiöse Sittengesetz zu mahnen. Oder nicht? Friedländer zeige mir einen einzigen pharisäischen Gelehrten, ob vor oder nach, öder zur Zhit Jesu, von dem wir nicht kostbare Sittenlehren überkommen hätten. Vor/den vorhillelitischen, palästinensischen Weisen sind uns nur einige'wenige Sätze erhalten-geblieben. Ist es nicht charakteristisch für diese von Friedlänber so hart gelästerten pharisäischen Tradenten, daß diese Gesetzestüftler nur die Sittenlehren der alten Paare aufbewahrt und den Nachkommen' erhalten haben? Sind etwa die Sammlungen der Aboth, die von diesen verknöcherten Pharisäern herrühren, weniger schön als die Bergpredigt? Weil die drei Evangelien von griechischen Juden in eine schöne literarische Form gegossen würden, find sie deshalb für den Forscher wertvoller als die im Talmud zerstreuten Perlen, denen nur die Meisterhand fehlt, .die sie zum herrlichsten Geschmeide machte? Es ist einfach ein Verbrechen, so zu schreiben, als ob die Pharisäer von der Sittenlehre überhaupt nichts wissen wollten. Das dürfen höchstens unwissende oder übelwollende protestantische Theologen .sagen, aber nicht ein Mann wie Friedländer, der bewandert ist in den Schriften der alten jüdischen Weisen. Und noch größer wird das Unrecht- Friedländers, noch gehässiger sein wegwerfendes Urteil über die Pharisäer,-wenn wir jenem Hellenismus, der in Palästina vor den Makkabäerkämpfen eingedrungen war, etwas fester auf den Zahn fühlen. Ich will da den blinden Anbeter des Hellenismus, ich will Friedländer selbst sprechen lassen: „Dieser freie Geist drohte ganz unterzugehen, als Antiochus Epiphanes den wahnsinnigen Einfall hatte, grausame Religionsverfolgungen über Judäa heraufzubeschwören, die gerade die entgegengesetzte als die angestrebte Wirkung erzielten. Religionsverfolgungen kannte bis dahin das Heidentum nicht, und sie trafen das jüdische Volk um so härter, machten den Schmerz um so brennender, als die Erreger Volksgenossen waren: eine feile, vom entarteten!pßnem§iim§ verseuchte und durchaus verdorbene Priesterschaft,die, um ihre Macht -zu befestigen, es nicht scheute, ihr Volk 31t verraten und zu verkaufen und es an den Rand des Abgrunds brachte; Gesetzesverächter, die für ihre Volksgenossen feilt Herz hatten, weshalb sie auch im Makkabüerbuche Volksfeinde genannt werden, die ihr Volkstum gern mit dem Griechentum vertauschten, wenn sie dabei ihre Rechnung fanden. Was Wunder, daß die gesetzestreu gebliebenen Juden alle Schuld an der im Volk grassierenden sittlichen Verlotterung und der Religionsverfolgung der fremden Kultur in die Schuhe schoben, sie mit Jngrimnr haßten und sie, als sie zur Macht gelangten, ebenso blutig verfolgten, als sie selbst um ihrer religiösen lleberzeugung willen verfolgt wurden (Einleitung, S. 3)." So urteilt Friedländer selbst über das nach Palästina sich ergießende Griechentum, wenn er die Parteibrille verlegt hat und sich zur Objektivität emporschwingt. Friedländer bezweifelt, daß das palästinensische Judentum dem Griechentum erlegen wäre, wenn es nicht in die Fanfare zum Widerstande geblasen hätte. Darüber zu diskutieren ist müßig. Ein Volk sieht den Feind, hat es Lebenskraft, stemmt es sich gegen ihn mit aller Macht und allen Mitteln. Jeder, der noch ein klein wenig Sinn sich bewahrt hat für Völkerpsychologie und nationalen Daseinswillen, wird respektvoll den Hut abziehen vor diesen Juden, die nicht im Studierzimmer den Finger auf die Nase legten und warteten, ob der Feind mächtig genug fein werde, sie nnterzukriegen, sondern ihr gesundes Volkstunt erhalten und rechtzeitig ummauern wollten vor der anschwellenden Flut griechischer Zuchtlosigkeit. Daß es hierfür kein besseres Mittel gab, als die religiösen Wälle und Zäune, beweist der glüuzende Erfolg.' Und diese um ihr Volkstum, ihre Geschichte, ihre Sitteureinheit und ihre Religiosität kämpfenden und ringenden pharisäischen Idealisten wagt Friedländer herabzusetzen, zu beschimpfen. Und warum? Weil sie ihm in den Kraut seiner ‘ Entnationalisierungstendenz nicht passen. Ich kann es verstehen, wenn man diesen Gang der jüdischen Religionsgeschichte