Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 559 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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559 Abev zur Liebe läßt sich eben niemand zwingen. Da und dort gewann Friedländer einen Anhänger, Schule konnte er nicht machen: der zweite Messias, der aus dem Tempel des Judentums sämtliche Gesetze hinausfegen sollte, wollte nicht erstehen^ Im Gegenteil, die überwältigende Majorität der jüdischen Gelehrten stellte. sich praktisch und wissenschaftlich gegen ihn.; Dadurch wurde Friedländer, seiner Natur nach intolerant und fanatisch wie der schlimmste Pharisäer, nur noch mehr Zelot. In jedem neuen Buche überhäufte er die geistigen und religiösen Führer des Judentums mit Schmähungen, beinahe mit Verbalinjurien, diese blinden Führer, die Israel von seinem wahren Ziele fernhielten. Und in ebensolchem Maße wuchs sein Haß gegen die jüdischen Gesetzeslehrer im Zeitalter Jesu, seine stürmische Bewunderung der damaligen Gesetzesfeinde und ihres, nach seiner Meinung, gewaltigsten Vertreters. In seinem letzten Buche steht er in dieser seiner Schwärmerei hart vor dem Abfall. Wohl verwahrt er sich noch immer energisch gegen diese Insinuation (S. XU, des Vorworts), aber er bricht in die Worte aus: „Allerdings, wenn man unter der Taufe das Symbol der inneren Umwandlung und der Wiedergeburt versteht, dann predige ich diese Taufe aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele . .. „Die Taufe, die ich predige, sie ist die echt jüdische, zur Buße und Sinnesänderung ausfordernde Taufe des Johannes, des wiederkehrenden Elia, dessen Aufgabe es ist, die Menschen für den bevorstehenden großen Tag des Herrn vorzubereiten, die einander entfremdeten Herzen zu versöhnen und für die Aufnahme.. der himmlischen Saat empfänglich zu. machen. Sie ist die Pfadbereiterin des von dem Propheten zum Heile der gesamten Menschheit prophezeiten . und von den griechischen Juden geistig geschauten, ewig wiederkehrenden, die Menschen immer höher zu sich emporlauternden Messias, in dessen Bereiche es keinen Juden, noch keinen Griechen, keinen Knecht, noch Freien gibt, nicht Mann noch Weib, denn sie allzumal sind eins in dem Messias, und darum Abrahams Same und nach der Verheißung Erben (ibidem S. XII, XIII)". Wer so spricht, ist wahrlich nicht weit vom Abfall. Daß solche Redeführung jeden, der die Bedeutung Friedländers freudig anerkannt, noch mehr den, der seinen, idealen Standpunkt teilt, schmerzlichst berühren muß, wird der Leser wohl begreifen. . Ich will zu unserer und vielleicht auch zur Rettung Friedländers im nachfolgenden versuchen, seinen Standpunkt sowohl bezüglich der Gesetzeslehrer im Zeitalter Jesu, als auch in bezug auf das heutige Judentum objektiv zu beleuchten. II. 'Wir sagten es schon, daß es Friedländers großes Verdienst fei, mit unwiderlegbarer Beweiskraft nachgewiesen zu haben, daß das Christentum nicht ein Produkt des palästinensischen Judentums genannt werden dürfe, sondern die Frucht des Diasporajudentums, des jüdischen Hellenismus. Dieser Wahrheit verschließen sich heute nicht einmal die protestantischen Theologen; sie sind ehrlich genug, die wissenschaftliche Entdeckung Friedländers^ anzuerkennen. Sein Fehler ist nur, daß er schon Jesus den Antinomismus der Diasporajuden in die Schuhe schiebt und ihm die große Tat der Befreiung vom. Gesetze zuschreibt. Das ist aber grundfalsch: Daß es Antinomisten im engeren Zeitalter Jesu auch unter den palästinensischen Juden gab, das heißt: jüdische Epikuräer und jüdische Gnostiker, ist zweifellos. Die Gottlosen des ersten und zweiten Jahrhunderts nach Christi, die im Talmud mit dem unerklärbaren Worte Minim bezeichnet werden, sind durchwegs jüdische Häretiker: Nachzügler der Epikuräer und Vorläufer der Gnostiker. Daß aber diese Leute eine Partei gebildet hätten, daß sie gar auf dem stachen Lande die Mehrheit der jüdischen Bevölkerungaus ihrer Seite hatten, daszubeweisen ist Friedländer nicht gelungen. Ein Beispiel aus unseren Tagen wird das beleuchten. Innerhalb des Judentums haben wir heute Freisinnige, Orthodoxe, aber auch Atheisten. Die ersten beiden sind Parteien, sie haben konstituierte Gemeinden hinter sich; sind auch die jüdischen Atheisten eine Partei? Ich weiß, Friedländer wird darauf antworten, auf das Wort käme es ihm gar nicht an, sondern nur auf die Tatsache, und die sei unleugbar. Das ist nicht richtig. Es ist für die wissenschaftliche Erkenntnis etwas ganz anderes, mit einer organisierten Partei oder mit zerstreuten Einzelansichten zu tun haben. Es ist aber auch gar nicht wahr, daß die Zahl der palästinensischen Antinomisten eine so überwältigend große gewesen wäre. Wenn ja, dann Hütten es wahrlich die Apostel gar nicht notwendig gehabt, der Heimat den Rücken zu kehren, entgegen dem Verlangen Jesu, zu Hause zu bleiben, die Diasporajuden aufzusuchen; dann hätte auch das Christentum nicht erst im. dritten Jahrhundert begonnen in Palästina, und da erst an den zwei Bischofssitzen, sich sestzusetzen. Weil die Diasporajuden in Jerusalem ihre eigenen Synagogen hatten, daraus ist auf die Riesenzahl, der Antinomisten in Palästina nicht zu schließen. Maulmacher waren sie, Renommisten, gerade so wie die meisten unserer jungen Atheisten, die mit ihrer Zudringlichkeit manchen Lehrer bitterlich quälen,, aber der Zahl nach waren sie sicherlich herzlich wenig. Ebenso irrig und übertrieben ist Friedländers Meinung über den Antinomismus des Landvolkes. Wenn es auch unzufrieden war mit der Strenge des Gesetzes, vor allem mit dem Verzehnten der Ernte, von Unzufriedenheit zur Gesetzesfeindschaft ist ein weiter Schritt. — Und selbst Jesus war alles andere eher als Antinomist. Weil er sich wenig oder gar nicht mit der Halacha abgab, mit dem Gesetz, nicht so wie die Schriftgelehrten predigte, sondern als Agedist, dafür zeugen ja seine Gleichnisse, mit der Sittenlehre sich befaßte, deshalb ihn zum Gesetzesfeinde zu stempeln, ist unbegründet. Alles, was wir von ihm lesen, spricht dafür, daß er' ein treuer Gesetzesjude war. Auch ein Feind der Pharisäer war er nicht, und ebenso wenig haben diese ihn in den Tod getrieben. Herbere Worte über die gefärbten Pharisäer fällen die Pharisäer selbst, als wir sie von Jesu hören. Als Paulus von seiner ersten Heidenbekehrung nach Jerusalem kam und, von der Menge seiner Abtrünnigkeit wegen beinahe gelyncht, vor das Synhedrion geschleppt wurde, rief er den anwesenden Pharisäern zu: „Männer und Brüder, ich bin ein Pharisäer und ein Pharisäersohn, wegen der Zukunftshoffnung und der Auferstehung der Toten bin ich beschuldigt (Acta 27, 6)." Wenn Jesus von den Pharisäern verurteilt worden wäre, hätte Paulus wahrhaftig nicht die Pharisäer um Rettung und Beistand gebeten. Zur Zeit Jesu und noch lange nach seinem Tode waren die Pharisäer überhaupt nicht Herren der Gerichtsbarkeit, sondern die Herodianer und die Römlinge, beide die erbittertesten Feinde der Pharisäer. Und die haben Jesum als Messias hinrichten lassen. „Und sie befestigten über seinem Kopfe eine Inschrift seiner Schuld: dies ist Jesus, der König der Inden!"" So zu lesen in Mt. 27/37, Mc. 15/26 und Sc. 23/28. Gegen diese Einstimmigkeit ist für den mit den Sitten der römischen Gerichtsbarkeit halbwegs Vertrauten nichts zu wollen und an ihr nichts zu mäkeln und zu deuteln. Jesus, der gesetzestreue edle Pharisäer, ist von den Herodianern und den Römlingen ch(s gefährlicher Messias hingerichtet worden. Und niemals wäre Jesus, der politische Messias, der religiöse Chrsstös des Heidentums.geworden, wenn/nicht Paulus, der Diasporajude,