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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-24 · Heft 47 (24.11.1905) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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558 —- zuweisen, damit, wie er sich ausdrückte, keine Mißverständnisse Vorkommen! "• . v v Die „Kiewer Zeitung" erzählt folgendeinteressante Tatsache: Ein Gehilfe des Staatsanwalts kam in der Uniform eines Artillerieoffiziers der Reserve aus der Proresnastraße zu einem dort stehenden General, und bat, ihm 5—6 Soldaten zum Schutze eines Magazins zu geben, das die Räuberbande im Begriffe sei, zu stürmen. Er erhielt aber von demselben folgende Antwort: „Für den Schutz der Juden („Jidy") habe ich keinen einzigen Soldaten!" - Während der Schreckenstage in Moskau befand sich daselbst der berüchtigte Antisemit Kruschewan, der bekanntlich eine so traurige Rolle im Kischinewer Pogrom, unter dem Schutze von Plehwe, im Jahre 1903 spielte. Verirrung. Von Dr. I. Ziegler-Karlsbad. oritz Friedländer in Wien hat ein neues Buch veröffentlicht : „Die religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu" ^Berlin 1905, Georg Reimer). Friedländer schreibt wissenschaftliche Merke, deren Vorworte außerordentlich gern .gelesen werden, sonst bei gelehrten Schriften eine Seltenheit. Er ist Tendenzschriftsteller und legt die Summe seiner Tendenzen in den Vorworten nieder. Abgesehen von meiner Verehrung für diesen hochbegabten und Willensstärken Mann, war es also schon das Tendenzinteresse, das mich trieb, so rasch als nur möglich das Vorwort dieses Buches 311 lesen. Ich gestehe, meine Verblüffung und Entrüstung, mein Schmerz und Weh über die Verirrung Friedländers kannte im ersten Augenblick keine Grenzen. Jedoch meine impulsive Natur ist schon lange etwas sanfter geworden, die Pflichten des studierten Menschen, vor allem sich selbst zu meistern, machten sich geltend, dem Zorne folgte leise, langsam eine tiefe Wehmut, und ich begann gleichsam mir selbst Rechenschaft zu geben über den Weg, der Friedländer zu diesem traurigen Ende geführt haben mochte. Denn ich fürchte es aussprechen zu müssen: noch ein solches Vorwort- und Friedländer ist nicht länger ein Mehrer' des Judentums. Doch der Leser wird erstaunt meine Lamentationen lesen und fragen, was ich eigentlich wolle. Er soll es wissen. Vielleicht, obwohl meine Hoffnung sehr schwach ist, vielleicht gelingt es mir, auch Friedländer eines Bessern zu belehren, vielleicht gelingt es dem Jünger, den Meister zu bekehren, I. Bekanntlich haben die Juden der griechischen Diaspora, d. h. jene Juden, die seit Alexander dem Großen sich nach und nach in Alexandrien, Aegypten und den griechischen Inseln, später auch in Rom, massenhaft angesiedelt hatten, eine sehr eifrige Propaganda für das Judentum unter den Heiden betrieben. Aus diesem Bestreben heraus entstand ein großer Teil der sogenannten hellenistischen Literatur, die mit der Uebersetzung des Pentateuchs anhub und mit dem Neuen Testament ihren Abschluß fand. Diese hellenistische Literatur war der Urheber jener Gedanken, die das Urchristentum geschaffen haben. Sie hat nämlich die Sittenlehre des Judentums als das Wesen desselben besonders hervorgehoben, dagegen das Ze'remonialgesetz zurückgestellt, bis schließlich der hellenistische Jude Paulus, der eigentliche Begründer des Christentums, das jüdische Ritualgesetz vollständig fallen ließ und dadurch die Infiltration der Römer und Griechen in das so vom Gesetze befreite Judentum herbeigeführt hat. Das palästinensische Judentum aber wollte diesen Schritt nicht mittun. Waren doch diese Bräuche nicht allein religiöse, sondern zugleich nationale Bande, und die palästinensischen Juden wollten alles eher ausgeben, als ihre nationale Religion. So kam es zu schweren Kämpfen zwischen den Griechlingen und den Nationaljuden in Palästina, in denen die Nationalen Sieger blieben. Mit Stumpf und Stiel, oft recht grausam, wurde alles Griechische hinweggeräumt und die Fahne des nationalen Judentums gehißt. Wie zum Trotze wurde jetzt das Gesetz als Wahrzeichen des echten Judentums ostentativ in den Vordergrund gestellt, seine Erweiterung und Vertiefung mit Feuereifer in Schulen und Synagogen betrieben. Nun behauptet die christliche Theologie vielfach auch heute noch, daß Jesus» wie ein äeus ex machina dem Haupte der Gefetzespharisäer entsprungen sei, um die Befreiung vom Gesetz und die Unterwerfung des Menschen nur unter das Joch der erhabensten religiösen Sittlichkeit zu Predigen. Mit göttlicher Intuition habe Jesus alle Jahrhunderte von Esra bis zu seiner Zeit, sonach 4V2 Jahrhunderte, voll Gesetzesentwicklung und Gesetzeshäufung. in die Versenkung gestürzt und aus den Prophetismus zurückgegriffen als wahrer und direkter einziger Nachfolger der großen Propheten und ihrer Lehren. — Es ist das bleibende Verdienst Friedlän ders, mit unwiderlegbarer Beweiskraft nachgewiesen zu haben, daß das Urchristentum keineswegs wie ein solcher äeus ex maellma erstanden, sondern daß es ein Produkt der gesetzesfeindlichen, anomistischen, hellenistischen Literatur sei, die nicht anders wie Jesus selbst, die religiöse Sittlichkeit als alleinig wahre Religion gelehrt hat. — Aber wie, frägt man. Jesus ist doch ein palästinensischer Jude gewesen, wie kam er zu den hellenistischen Ideen? Friedlünder hilft sich aus dieser Verlegenheit mit der Behauptung, daß diese hellenistischen Ideale in Palästina in den weitesten Kreisen Eingang und Anklang gefunden 'hätten, daß ihnen besonders das Landvolk huldigte und die Gesetze haßte, so daß Jesus eigentlich der Generalredner der ländlichen jüdischen Bevölkerung, so eine Art Agrarsozialist gewesen ist. Nach seinem Märtyrertode hätte dann Paulus die Gesetzesfeindschaft Jesu in die Welt getragen und damit das Christentum gegründet. — Dies die Anschauung Friedländers; Wie sich aber die meisten Gelehrten mit dem Stoffe identifizieren, dessen Erforschung sie sich liebevoll weihen, so ist auch Friedländer, der seit Jahrzehnten unermüdlich für diese seine Hypothese zur Entstehung des Christentums tatsächlich gerungen hat, ausdem wissenschaftlichen ein'praktischer Feind des jüdischen Religionsgesetzes geworden. Er gewann die Ansicht, daß das Judentum zum eigenen und zum Schaden der Menschheit aus der schiefen Ebene der Gesetzeshäufung geblieben sei. Er schwärmte sich völlig hinein in die begeisterte Ueberzeugung, daß das Judentum auch heute noch eine große religiöse Mission habe. Es soll sich vollständig entnationalisieren, soll den Nomos, das Gesetz, endgültig und radikal begraben, das religiöse Sittengesetz allein künden, um dem jüdischen Monotheismus zum letzten, entscheidenden Siege zu verhelfen. Ein Ideal, dem man, ob man es teile oder nicht, weder Großzügigkeit noch Erhabenheit absprechen kann. — Um nun die jüdischen Gelehrtenkreise, die Rabbiner für sich zu gewinnen, suchte Friedländer in seinen wissenschaftlichen Werken, sehr zu ihrem Schaden, die palästinensische Gesetzesreligion und ihre Hauptförderer, die Pharisäer, so schwarz zu malen, als er nur konnte, andererseits die hellenistische Literatur in alle Himmel zu heben. Kein christlicher Theologe hat die pharisäischen Gelehrten so herabgesetzt, und kein christlicher Theologe geriet in solche Verzückung über den Antinomismus der hellenistischen Literatur, als unser Friedländer.

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