Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-24 · Heft 47 (24.11.1905) · p. Seite 557

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 557 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228684--62184-3276047
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

„kl-ugen" Polizeispitzel verbreiteten die Nachricht, daß aus jüdischen Häusern .auf Militär und Polizei, die ruhig dem schrecklichen Treiben zusähen, geschossen wurde, was matürkich falsch war. Möglich ist es, daß manche beim Ueberfalle und bei Mordanschlägen mit den Waffen antworteten, was selbstverständlich vollkommen berechtigt war. Die-Zahl der Toten ist sehr groß; die der Verwundeten, Beschädigten, Beraubten und Geplünderten noch viel größer! Bis jetzt sind aus dem neuen jüdischen Friedhose 275 Leichen, Männer, Frauen und -Kinder im zartesten Alter, beerdigt worden. Wir lesen in der gestrigen „Jujnoje Obosrenije" („Südliche Rundschau") die Liste der um ihres Glaubens willen gemordeten Märtyrer und die Lektüre hat uns bittere Tränen entlockt! Wir wären vollkommen niedergeschmettert und bis heute zw nichts fähig; wir waren fieberhaft erregt und fanden keinen Platz und keine Ruhe. Ja, das gepriesene, aufgeklärte 20. Jahrhundert ist in Wirklichkeit eine Mythe! In der Tat aber sehen wir keinen Unterschied zwischen dem Mittelnlter -und der Jetztzeit! Dieselben Torquemados, die Arbues' sind an ihrem Werke tätig! Die Raffe der Hamans stirbt leider nicht aus. Sie heißen Suworin; Scharapow, Komarow, Kruschewan, Berg, Gringmut und dergleichen mehr, Helden auf dem Gebiete der sogenannten russischen Publizistik. Nachdem ich meiner Entrüstung und dem tiefen Schmerze, der mich jetzt noch ersaßt, freien Lauf ließ, gestatten Sie mir, in kurzen Worten Ihnen ein Bild der hiesigen „Schreckenstage" zu entwerfen. Am Dienstag den 18. d. M. traf das Telegramm mit dem kaiserlichen Manifest vom 17./30. Oktober ein, welches zuerst Jubel hervorrief; dieser Jubel hat sich aber in den nächsten drei Tagen in Trauer und Verzweiflung umgewandelt! Die wilde Rotte, der Plebs, der Pöbel, der Abschaum der menschlichen Gesellschaft .in einer so großen Haseustadt wie Odessa, sammelte sich bewaffnet zusammen, und da ging der Hexentanz los. Von niemand süufgehalten, wurde diese bunte Gesellschaft immer .größer und dreister. Wie gesagt, das Militär, die berüchtigten Kosaken einbegriffen, sowie sämtliche Polizeiorgane blieben ganz untätig bei diesen schrecklichen Szenen. Häuser, Buden, Villen wurden erbrochen und geplündert. Da die Räuberbande sah, daß die Behörden keine Miene machten, ihr das Handwerk zu legen, so verübte sie unzählige Morde, entehrte Frauen und Mädchen, und wie man sagt, sollen die wilden Bestien sogar unschuldige, zarte Kinder aus den Fenstern hinuntergeschleudert haben! — Ja, merkwürdig ist es, daß der hiesige Polizeimeister, der Oberstleutnant der Gendarmerie, Golowin, am Vorabend des Empfangs des Manifestes, also am Montag den 17,,'30, Oktober seine Entlassung einreichte! Wie es scheint, wollte der brave Mann an diesem Hexentreiben keinen Anteil nehmen. Wir können aber nicht umhin, das Benehmen und die Haltung des von der Behörde uns auf ged rän g te n Rabbinatsverwesers Kre p s bei dieser traurigen Gelegenheit gebührend zu .kennzeichnen! Derselbe wurde im November 1903 von den Vertretern, der hiesigen Gemeinde mit großem Eklat blakbouliert- Er erhielt nämlich von 550 Wählern 212 weiße und 338 schwarze Stimmen. Und trotzdem wollte der Stadthauptmann Neidhardt bis mmum keinen Preis, trotz mehrmaligem Ersuchen, den mit großer Majorität gewählten Elisawetgrader Rabbiner Temkin bestätigen. Wie die gestrige „Jujnoje Obosrenije" berichtet, hatte der „brave" Kreps im Anblicke der herzzerreißendsten Szenen die Dreistigkeit, bei den in den Spitälern liegenden unglücklichen Opfern des schrecklichen Pogroms, und bei den Handwerkern, wie Schneider, Schuster und dergleichen mehr, Unterschriften zu sammeln, daß die Lokalbehörden Maßregeln getroffen und die Unglücklichen unter ihren Schutz genommen hätten. Was sagen Sie zu dieser schönen Tat des jüdischen Tschinownik? Viel höher steht jener einfache, brave, schlichte Schames der Kischinewer Synagoge (im April 1903) Moses Kigel s. A., der,- in Tefilliu und Talith gehüllt, das seiner Obhut übergebene Bethaus mit seinem Körper deckte! Allerdings, der unglückliche Mann fiel unter den Mordwaffen der entmenschten Tiere als wahrer Märtyrer für seinen Glauben. Und Herr Kreps, den man fast aus allen hiesigen Synagogen bereits hinausgejagt, hat nichts besseres zu tun in einem solchen traurigen Augenblick, wo man seine unglücklichen Glaubensbrüder mordet, raubt und plündert und an den Bettelstab bringt, als Dankadressen für die Behörde zu sammeln. Das ist ein jüdischer Seelsorger, der Oberrabbiner, der jüdischen Kolonien in Südrußland! Meine Feder ist viel zu schwach, um Ihnen die Entrüstung der ganzen hiesigen Gemeinde .und der besseren christlichen Bevölkerung über diesen Vorfall zu schildern. — Der Schaden ist enorm groß; rasche Hilfe ist notwendig; wer schnell gibt, der gibt doppelt. Es hat sich hier ein jüdisches Unterstützungskomitee gebildet, und wir sind überzeugt, daß unsere europäischen und amerikanischen Brüder ihr möglichstes tun werden, um das schreckliche Elend ihrer schwergeprüften Glaubensgenossen zu lindern. Wir behalten uns vor, nach Erhalt der weiteren nötigen statistischen Daten über die „Odesfaer Schreckenstage" Ihnen einen ausführlichen Bericht zu schicken. Bis dahin geben wir Ihnen in unserem heutigen Briefe einige Episoden aus anderen Städten, die für die Geschichte der Juden dem späteren Historiker nicht unnütz sein werden. So finden wir in den heutigen Zeitungen folgende Mitteilungen aus Kiew: Zwei Wochen vor dem schrecklichen, mit blutigen Opfern reichen Pogrom, der fast in ganz Rußland, namentlich im jüdischen Ansiedlungsrahon stattfand, kam zu einem reichen jüdischen Mann (dessen Name der Redaktion be§. „Kiewskoje Slowo“ („Kiewer Wort") bekannt ist) der Polizeikommifsür und benachrichtigte denselben,! daß in Kiew ein Pogrom stattfinden werde, zugleich teilte er demselben mit, daß keine Maßregeln zum Schutze der.Person und des Vermögens getroffen seien. Wir geben diese schreckliche Mitteilung, ohne irgend ein Kommentar hinzuzufügen! In Kiew erschoß ein Soldat den Gymnasiasten Serg ei E f im o witsch Buslow (Christ), 18 Jahre alt, in dem Moment, wo der unglückliche Junge das Leben und Vermögen der Bürger schützen wollte. Am 20., 2. November wurde auf dem Moskau er jüdischen Friedhofe die Frau Bertha Schalit, die dort während der Demonstration ermordet wurde, beerdigt. Die verewigte Schalit war der Journalistik nicht fremd. Sie war Mitarbeiterin der „Börsenzeitung" und. der „Nowosti“ und kam nach Moskau, um literarische Arbeit zu suchen, fand aber dort den Tod im blühenden Alter von 19 Jahren. Wiewohl die unglücklichen, schwergeprüften Eltern das Leichenbegängnis so einfach, als möglich machen wollten, fand sich doch ein zahlreiches Publikum ein, welches viele Kränze brachte, unter denen sich welche vom „Bunde der Gleichberechtigung der Frauen" mit der Inschrift „Dem leuchtenden Opfer dunkler Tage, der Kämpferin für Freiheit" usw. befanden. Aus Kiew berichtet man auch noch folgendes: Der Polizeirevieraufseher des Bezirks der Puschkinstraße kam am 19./1. November in das Haus Nr. 8 und wendete sich an den Hausmeister mit dem Anträge, der Räuberbande, wenn sie erscheinen; würde, genau die Wohnungen der Juden an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.