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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-24 · Heft 47 (24.11.1905) · p. Seite 556

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 556 (sequence 4)
Language
German
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Lö6 große Beträge. Das' Haus - Rothschild gab 250 000. Frank, das Bankhaus Stern -40000 -Frank. Gin - Anonymus 50000 Frank usw. — - ' ' Von großer Bedeutung ist vielleicht die. folgende Mitteilung nach einem Gespräch mit einem dem Hvchadel angehörenden ruf sischen'K o n s er v a ti ven. Es scheint, daß man in' diesen Kreisen stark besorgt ist, die jüdischen Hetzen könnten eine Agrarierbewegung nach sich ziehen. Wie es heißt, war der in diesen Tagen erschienene Aufruf des heiligen Synods ursprünglich energischer judenfreundlich, dann hat ihn aber die Kamarilla, unterstützt von der Moskauer Geistlichkeit, moderiert. Auch die nachfolgende Mitteilung dürfte für die ganze Angelegenheit von Interesse sein: „Infolge der fortgesetzten Judenmassakres wurde einigen einflußreichen!Führern der russischen Juden nahe gelegt, sich mit maßgebenden Persönlichkeiten in Verbindung zu fetzen, um den Graus am leiten ein Ende zu bereiten und eine Fürsprache zur zufriedenstellendenILösung der Judenfrage zu erlangen. Hierauf haben die Führer der russischen Juden die folgende Erklärung, abgegeben: „Die von der russischen Negierung planmäßig organisierten undjmit Wissen der russischen Regierung ausgeführten Judenmassakres mit all ihren - menschenentwürdigenden Begleiterscheinungen können weder die russischen Inden selbst noch ihre christlichen Gönner verhindern, solange Rußland kein Kulturstaat geworden ist. Zur Lösung der sogenannten Judenfrage können die russischen Juden ebenfalls keine Fürsprache bei verschiedenen Würdenträgern gebrauchen. Die Frage ist zu wichtig und man kann sie nicht so erledigen, wie praktische Leute die vorteilhaften Lieferungen und Konzessionen durch die Instanzen „durchsetzen". Wir wünschen auch diesen Beistand nicht. Wir bilden in Rußland ein ganzes Volk und wir werden es verstehen, dahin zu bringen, daß man unser Recht achtet. Ein offener Bund mit progressiven Elementen der russischen Gesellschaft, energischer.Kampf gegen die Reaktionäre — das ist unsere jüdische Politik." In der großen englischen Protestversammlung wegen der russischen Greueltaten brachte Israel Zangwill den folgenden Brief Lord Chamberlai ns zur Verlesung: „Ich versichere Sie meiner aufrichtigen und anhaltenden Sympathie mit dem jüdischen Volke, das augenscheinlich so grausam verfolgt wird, und meiner Bereitwilligkeit, jeden Plan zu unterstützen, der eine praktische Erleichterung ihrer augenblicklichen Leiden gibt. Als ich das erstemal den verstorbenen Dr. Herzl vor einigen Jahren sah — während ich noch Kolonialsekretär war — machte derselbe einen bedeutenden Eindruck auf mich, nicht nur durch seinen intensiven Enthusiasmus, sondern auch durch seine praktische Beurteilung der Schwierigkeiten, welche sich ihm zur Erreichung seiner Zwecke in den Weg stellten. Seine Idee war damals, an das Nationalgefühl der Juden zu appellieren und eine große Niederlassung aus einem hinreichenden Territorium unter britischer Flagge zu organisieren mit Hilfe des Geldes, das den großen jüdischen Organisationen zur Verfügung stand, und unter einem System von Munizipälverwaltung, welche der jüdischen Eigenart freies Spiel lassen 'würde, ohne wirklich ein Imperium zu sein. Das sollte die jüdischen Flüchtlinge vor eine Tyrannei und Verfolgungen befreien. Eine britische Kolonie sollte ihnen eine Heimstätte werden. — Diese Idee des Dr. Herzt war mir überaus sympathisch, da es der erste Versuch zu sein schien, ein Problem zu lösen, deffeä Existenz in seiner gegenwärtigen Form eine Schande und Gefahr für die europäische Zivilisation, ist. Es tat mir sehr leid, alsich hörte, daß der Bericht des Komitees, welches hinausgesandt war, um das von der britischen Regierung angebotene Land, zu prüfen, ungünstig ausfiel. Noch mehr bedauerte ich, daß der Baseler Zionistenkongreß nach Herzls Tode ein solches Projekt ganz und gar beiseite gelegt hatte. Jetzt sehe ich, daß Sie und Ihre Freunde entschlossen sind, den Versuch auf der von Dr. Herzl vorgeschlagenen Basis zu erneuern. Und obgleich die oingetretene Verzögerung die^Schwierigkeikeu vermehrt, ^so bin Ich doch der Ansicht, daß die jüngst erfolgten^ Greueltaten die Notwendigkeit vergrößern,, möglichst rasch .Mittel ,zur Aenderung des augenblicklichen Zustandes zu finden, und daß die Verantwortlichkeit der christlichen Nationen in dieser Beziehung gewachsen ist. Ich würde mich deshalb freuen, meine Hilfe und meinen ganzen Einfluß jedem Plan zu gewähren, welcher von einer verantwortlichen Organisation der. britischen Negierung unterbreitet wird und' welche' auf den Ideen des Dr. Herzl basiert. Ich stelle Ihnen anheim, dieses Schreiben der Oeffentlichkeit zu-; gänglich zu machen. ' Ihr sehr ergebener . . . Cha mberlain. i, ■. Snek aus Kuhlsnd. Odessa, 27./9. November. Unter dem tiefschmerzlichen Eindrücke der letzten gräßlichen Ereignisse, die in allen Städten und Ortschaften, wo. unsere unglücklichen Glaubensgenossen wohnen,' stattfanden, gehe ich daran, darüber zu berichten. Die Feder sträubt sich, alle jene Gräueltaten zu schildern, die unser unglückliches, schwer geprüftes Land seit Monaten durchgemacht hat, und Gott weiß es, wann das normale Leben endlich in seine Rechte wieder treten wird! Wenn mail Augenzeuge jener Barbarei und aller Grausamkeit gewesen ist, so erstarrt das Herz, und manfragt sich, ob wir wirklich im 20. Jahrhundert in einem europäischen Lande leben, welches sich alles angeeignet hat, was die moderne Technik und die Wissenschaft hervorgebracht haben! Nein: nicht das gebildete 20. Jahrhundert ist es, in dem wir leben, sondern das Mittelalter in seiner gräßlichsten Gestalt ist es, das sich uns darbietet. Eine Inquisition in vollem Sinne des Wortes war es, die hier herrschte, und wahrlich Schiller hatte vollkommen recht, wenn er den Ausspruch tat: „Das Schrecklichste der Schrecken, ist der Mensch in seinem Wahn!" Gleich wilden Tieren hausten die Bestien in menschlicher Gestalt! Das Blut starrt in unseren Adern, wenn wir an die Schreckenstage von Mittwoch bis Samstag, d. h. den 19./1., 20./2. und 21./3. November zurückdenken. Ich wollte Ihnen noch früher einen Bericht über diese drei Schreckenstage von Odessa schicken, aber wahrlich, ich war nicht imstande, meine Gedanken zusammenzufassen und dieselben wiederzugeben. Man müßte Nerven von Eisen haben, um dein: Anblick dieser Gräueltaten ruhig zu bleiben und die Möglichkeit zu haben, die Feder zu führen. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, was in diesen Schreckenstagen hier geschehen ist. Die Bosheit und Niederträchtigkeit' der Menschen hatte keine Grenzen. Die raffiniertesten Verbrechen wurden ausgeführt, ohne daß die Polizei- oder Militärorgane eingegriffen hätten, um diesem mörderischen Treiben Halt zu machen! Alles geschah wie auf Kommando; das ganze war vorzüglich organisiert. Eine Stadt mit einer halbem Million Einwohner, wovon mehr als 170 000 Juden^ die dritte Stadt im Reiche, mit dem Sitze eines Oberkommandierenden, mit einer starken Garnison, einem Stadthauptmann, einem Erzbischof und dergleichen mehr. Alle diese hohen Herrschaften blieben ruhig, kalt und rührten nicht den kleinsten Finger ihrer Hand, um diesem fürchterlichen Morden, Rauben und Plündern inmitten des hellen, lichten Tages, während dreimal 24 Stunden, Einhalt zu tuul f Was Wunder, wenn sich der zahlreichen jüdischen Be^ völkerung eine unbeschreibliche Verzweiflu:rg bemächtigte?'Die-

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