Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 554 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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554 daß in seinem Ressort Listen geführt werden, die die Richter und Anwälte nach Christen und Juden trennen, die fein säuberlich nach den Konfessionen die Menschen beurteilen, nicht etwa nach der Tüchtigkeit. Ehe man einen beliebten, fähigen, lange ortsansässigen jüdischen Anwalt zum Notar machte, eher rief man einen Christen eigens her und warf ihm das Notariat in den Schoß. 'Wollte man einzelne Fälle dieser Art auszählen, so könnte man ganze Bände füllen. Das erübrigt sich aber wohl, die Tatsachen sind ja genügend allgemein bekannt. Sie wurden es der breiteren Oessentlichkeit an jenem Tage, da Herr Schönstedt den schon erwähnten AffesforenparagrapheN verteidigte, der dem Justizminister das Recht geben sollte, sich die Gerichtsassessoren nach Belieben — nach seinem Ermessen, sägt man juristisch — auszusuchen, daß soziale und gesellschaftliche Rücksichten bei der Ernennung zum Gerichtsassessor ausschlaggebend sein sollten. Der Zweck der Sache ist klar. Zunächst wären die Juden davon getroffen worden, vielleicht auch noch andere, etwa die Söhne sozialdemokratischer oder freisinniger Abgeordneter; einer schrankenlosen Willkür wäre damit die Tür geöffnet worden, einem traurigen Regime, dessen böse Folgen nicht lange aus sich warten hätten lassen. Sicherlich nicht. Und nicht etwa von antisemitischer Seite ging dieser Vorschlag aus, nicht die Liebermann von Sonnenberg und Bruns hatten den Antrag gestellt und unterzeichnet, nein, der Herr Justizminister bemühte sich eigenhändig. An Herrn Schönstedt hat es damals wahrlich nicht gelegen, daß der Antrag durchfiel. Diese eine beweiskräftige Erinnerung an das Wirken des Ministers Schönstedt mag genügen; sie läßt deutlich die Richtschnur erkennen, die sich der Minister genommen. Sein Wirken in Positiver Hinsicht wird bald vergessen sein, seine negativen Erfolge werden sortleben in der Geschichte preußischer Justizminister. Wie es heißt, soll der Präsident des Breslauer Oberlandsgerichts, B eseler, zum Justizminister ernannt werden, ein Mann, dem Wohlwollen, humane und gerechte Gesinnung allgemein nachgerühmt werden. Die Justitia trägt eine Binde vor den Augen, sie will nicht sehen, ob einer arm oder reich, ob hoch und niedrig, der bei ihr Recht sucht; blind will sie Recht sprechen. So sagte man früher, sagt man auch heute wohl noch. Vielleicht hat die Binde aber doch noch einen andern Grund — vielleicht möchte die Justitia nur nicht sehen, wie ihre Geschäfte hie und da geleitet werden. Nun, wir vertrauen dem Geiste altbewährter preußischer Justiz, trotz dieses Interregnums, und hatten auch weiter fest an dem alten Grundsatz unseres Staatswesens : Justitia fundamentum regnorum! Bit Woche. Berlin, 23. November, er Ausgang der Reichstagsstichwahl in Eisenach-Dermbach, wo der Antffemit gesiegt hat, ist so recht ein Zeugnis dafür, daß man, namentlich in nationalliberalew Kreisen, die volle Bedeutung des Antisemitismus noch nicht erfaßt hat. Kein Zweifel, daß auch viele Freisinnige für Schack gestimmt haben. Es gibt eben weite Kreise des liberalen Bürgertums, die unter keinen Umständen für die Sozialdemokraten ins Feuer zu' bringen sind. Eschwege-Schmätkalden hat es noch in der Nachwahl bewiesen. Schack ist übrigens nicht der erste Antisemit, der auf „freisinnigen^ Krücken in die deutsche Volksvertretung gelangen wird. Von politischer Bedeutung ist die Wahl Schacks selbstverständlich durchaus nicht. Aber sie ist für uns selbst ein Symptom. Die „Weimarer Zeitung" sagte vor der Wahl: „Man dürfte sich um so leichter dazu verstehen können, als der von den Antisemiten aufgestellte Kandidat, der in der Hauptwahl 4049 Stimmen erhalten hat, zu der gemäßigten Richtung dieser Partei gehört, einer Richtung, der vom deutschen Standpunkte aus sicherlich eine gewisse Daseinsberechtigung nicht abgesprochen werden kann." Und die „Leipziger Neuesten Nachrichten" erwidern: „So muß schbn das Interesse an dem Fortbestand der eigenen Politischen Richtung, die von der geringen Zahl ihrer Mandate ohne die selbstlose Hilfe der Bündler, Antisemiten und Konservativen nicht weniger als 16 einbüßen würde, die Freisinnigen von Eisenach dazu treiben, einmütig sich um das Banner Schacks zu scharen und seinen Sieg durchzusetzen." Aber alle dieser Blätter vergessen, daß der Gegensatz der liberalen und der antisemitischen Weltanschauung ebenso wenig zu überbrücken ist, als der der bürgerlichen, und sozialdemokratischen Weltanschauung. Im übrigen soll nicht unerwähnt bleiben, daß die nationalliberale Parteileitung, die die Parole für den Antisemiten ausgegeben, dabei ausdrücklich erklärt hat, daß für. Schack eine „beispiellos unanständige und unehrliche (!!) Wahlagitation" betrieben sei. Der Zentralausschuß der freisinnigen Volkspartei überließ es den Gesinnungsgenossen, nach eigenem Ermessen ihre Stimme abzugeben, bemerkte jedoch hierzu, daß kein freisinniger Mann dem antisemitisch-bündlerischen Kandidaten seine Stimme geben kann. Und dennoch hat dieser Kandidat nunmehr den Sieg davongetragen. ' * Noch immer hat sich die fürchterliche Situation der Judey. in Rußland nur wenig geändert. Der Hilssverein der Deutschen Juden, dessen aufopfernde Tätigkeit in diesen schweren Tagen die höchste Anerkennung verdient, hat folgende Mitteilung über die letzten Judenverfolgungen in Rußland verbreitet: Auf Grund der bisherigen Nachrichten ist eine annähernd vollständige Liste der Orte zusammengestellt worden, die in den letzten Tagen von Judenhetzen heimgesucht wurden. Die bei einzelnen Punkten hinzugefügten Notizen sind zufällige bruchstückartige Daten, die meist Mitteilungen der offiziellen russischen Telegraphenagenturen und zum Teil direkten, dem Vereine zugegangenen telegraphischen Nachrichten entnommen sind. Fast überall waren die Massakres höchst grausamer Art, mit teilweisem oder völligem Ruin der betroffenen Gemeinden und meist auch mit schrecklichen Menschenopfern verbunden. Die Notizen geben unter diesen Umständen kein völliges Bild von der Ausdehnung und Größe des Unglücks, sondern, soweit Nachrichten schon vorhanden sind, eine Andeutung der Vorfälle. Die Orte sind: > . . 1. Akkermann (Gouv. Bessarabien), 2. Alexandrowsk (Gouv. Jekaterinoslaw, Millionenschaden durch Plünderungen und Brände), 3. Ananiew (Gouv. Cherson). 4. Bachmut (Gouv. Jekaterinoslaw, verschiedene Menschenopfer, die besten Läden vernichtet), 5. Balta (Gouv. Podolien, an 60 Läden verbrannt), 6. Birsula (große Brandstiftungen), 7. Briansk (.Gouv. Orel), 8. Cherson-(schreckliches Massacre, 500 Familien ganz ruiniert, brot- und obdachlos), 9. Gadiatich (Gouv. Poltawa, drei Tage hintereinander), 10. Ganeschth, 11. Genitschesk (Gouv. Taurien, viele Läden verbrannt), 12. Golta (Gouv. Cherson, niedergebrannt), 13. Jwanowo-Wosnessensk (Gouv. Wladimir, drei Tage hintereinander), 14. Jaroslawl, 15. Jekaterinoslaw (-70 Getötete, 160 Verwundete, große Brände an der Peripherie), 15, Jelissawetgrad (Gouv. Cherson, die ganze Gemeinde ruiniert, .Hunderte. von Familien ohne Obdach, Nahrung und Kleidung, zahlreiche .wahthabende Leute in Bettler verwandelt), 17. Jusowkä (Gouvernenient Jekaterinoslaw), 18.Kamenez-Podölsk,-19.Kalarasch (Gouv Bessarabien)- 20. Kasan, 21. Kiew (nach Odessa die fürchterlichste Hetze,'drei' Tage hintereinander, gegen 100 Getötete, gegen 406 Verwundete, die,reichsten