Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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bis kurz vor seinem Tode mit ungeschwächter Kraft segensreich wirkte. 1888 nach dem Tode des Oberrabbiners Ä. Stern s. A. wurde er zum Rabbinatsverweser ernannt, 1889 betraute man Herrn Dr. Nathan mit dem Amt eines stellvertretenden Rabbiners, noch im letzten Sommer vertrat der Greis die sämtlichen Funktionen des Oberrabbiners. Anläßlich seines 80. Geburtstages wurde von ehemaligen Schülern eine Dr. S. P. Nathan-Stiftung gegründet, die nach der Bestimmung des Verblichenen für Ausgestaltung der Schule dienen soll. Erst vor einigen Wochen wurde der unermüdliche Greis durch sein Alter gezwungen, sein Amt in der Schule niederzulegen, den Unterricht der Jugend in seinem Hause setzte er jedoch fort. Die feierliche Bestattung, die am Donnerstag vom Sterbehause aus stattfand, gestaltete sich zu einer der bedeutendsten Trauerkundgebungen, die je in der Hamburger Gemeinde gesehen wurden. Nur ein geringer Teil der Leidtragenden konnte der Trauerfeier im Hause beiwohnen. Der Sarg war im Studierzimmer aufgebahrt. Die Trauerrede hielt Oberrabbiner Hirsch. Im Namen der Familie sprach hierauf Herr Sal. Goldschmidt herzliche Worte des Nachrufes. Nurr wurde der Sarg auf den Leichenwagen gehoben, zuerst folgten die Schüler der Talmud Tora-Realschule, die Rabbiner, das Lehrerkollegium usw. dicht hinter dem Leichenwagen, hieran schlossen sich weit mehr denn 1500 Leidtragende. Der imposante Leichenkondukt bewegte sich über die Kohlhöfen am Schulhause der Talmud-Thora- Realschule — der langjährigen Wirkungsstätte des Verblichenen — vorüber nach dem Friedhof in Langenfelde. In der Friedhofskapelle wurde noch eine große Anzahl von Gedenkreden gehalten. Für das Lehrerkollegium sprach Direktor Dr. Goldschmidt, für den Synagogenverband Herr Herm. Gumpertz. für den Verein „Ohel Jizchak" Herr E. Colmann, für die ehemaligen Schüler Rabbiner Dr. I. Norden- Myslowitz und für die ,Chewra Kadischa" Rabbiner Dr. Bamberger. Hierauf wurde der Sarg von früheren Schülern zur Gruft getragen, um an der Seite seiner vor 15 Jahren verstorbenen Gattin beigesetzt zu werden. a. Köln, 5. November. Einen schweren und schmerzlichen Verlust hat unsere Synagogengemeinde erlitten: Albert Simon, Seniorchef des Bankhauses Albert Simon & Co., ist in der Nacht des vergangenen Donnerstags im Alter von 60 Jahren zur ewigen Ruhe eingcgangen. Träger eines Namens, der seit mehr als einem Menschenalter nach jeder Seite hin in Ehren genannt wird, hat der Verblichene die Traditionen seines Hauses heilig gehalten, und als Geschäftsmann, wie als Jude in hervorragender Weise sich zu betätigen verstanden. Der Vorstand der Kölner Shnagogengemeinde, die Kuratorien des jüdischen Asyls und Lehrerseminars, der Ausschuß des Hilfsvereins der deutschen Juden verlieren an ihm ein treues, emsiges, opferbereites Mitglied, das mit vollem Herzen zum Judentums stand und feine Tatkraft, wie seine reichen Mittel allezeit gern in den Dienst der guten Sache stellte. — Die am Sonntag Vormittag vollzogene Beerdigung, bei der sich viele hunderte aus nah und fern zu einem imposanten Leichenzug vereinigten, gab Zeugnis von dem Ansehen und der Stellung, die sich der Verblichene m Leben errungen hat. Auf dem Friedhof in Deutz gab Rabbiner Dr. Rosenthal den Empfindungen der Familie, der Freunde, der genannten Körperschaften und unserer ganzen Gemeinde angesichts des herben Verlustes bewegten und zu Herzen gehenden. Ausdruck, und dann wölbte sich der Hügel über einen ganzen Mann und echten Juden. o Gießen, 10. November. Der erste Vorsteher unserer Gemeinde, der allgemein hochgeschätzte Kommerzienrat Heichelheim, feierte in der vorigen Woche sein 25jähriges Amtsjubiläum. Die Feier wurde ein geleitet durch einen Festgottesdienst am Vormittag in der geschmückten und erleuchteten Synagoge. Nach Beendigung des Gottesdienstes begaben sich der Vorstand und die Beamten der Gemeinde, welche sich zu einem Komitee vereinigt hatten, in die Wohnung des Jubilars, wo Provinzialrabbiner Dr. Sander als Vorsitzender des Komitees unter herzlicher Ansprache als bleibende Erinnerung an diesen Tag eine äußerst kunstvoll ausgestattete Adresse überreichte. Provinzialdirektor Breidert, Handelskammerpräsident Koch und viele andere gratulierten persönlich in überaus herzlicher Weise. Eine gröbere öffentliche Feier fand abends in Steins Säalbau statt. Kommerzienrat Heichelheim erfreut sich hier seiner Wohltätigkeit und seines Bürgersinns wegen allgemeiner Wertschätzung. Erst im vorigen Jahre hat er für den Neubau der Universitätsbibliothek 40 000 Mark und für den des Theaters 50 000 Mark gespendet. Frankfurt a. 11. November. Der Bericht des Vereins zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina für das Jahr 1904 übergibt zunächst die Referate der Direktoren der Oeffentlichkeit, vor allem das des Herrn Dr. Grünhut, Direktors des Waisenhauses. Nach diesem hat die Anstalt im Berichtsjahre manche Veränderungen in ihrer innern Ausgestaltung erfahren. Es haben im Verlaufe fünf Zöglinge die Anstalt verlassen. Neu ausgenommen wurden .zwei. Sonach zählt die Anstalt 33 Zöglinge gegen 36 im Vorjahre. Dieser bedauernswerte Rückgang ist durch die ungünstigen Finanzverhältnisse des Vereins veranlaßt. Die Steigerung der Ausgaben wird namentlich durch den Umstand veranlaßt, daß Eßwaren von Tag zu Tag im Preise steigen. Um so berechtigter ist aber auch der Anspruch auf Unterstützung der Anstalt. Möchte er in reichem Maße beherzigt werden! Ueber die Lämelschule berichtet Herr Direktor Ephraim Cohn sehr ausführlich. Die fünf Zöglinge der Anstalt, welche im vorigen Jahr ins Lehrerseminar des Hilfsvereins der deutschen Juden eingetreten sind, versprechen nach absolviertem Studium tüchtige Lehrer zu werden, während vier andere frühere Schüler in der Anglo Palestine Bank und in Jaffa Anstellung gefunden haben. Das Lehrerseminar des Hilssvereins der Deutschen Juden im Anschluß an diese Schule zählt im neuen Schuljahr mit der Präparanden-Klasse 32 Schüler. Die Kindergärten, die ebenfalls ihre Entstehung Mitgliedern des Lehrkörpers der. Lämel-Schule verdanken und von diesen in selbstloser Weise geleitet werden, erfreuen sich fortgesetzt großer Popularität. Im Anschluß an diese Kindergärten sollen vom Hilssderein im Herbste Elementarklassen einer Mädchenschule eröffnet werden, um einem lang gefühlten Bedürfnis abzuhelsen. Während somit das Wirken der Lämel-Schule nach so vielen Gesichtspunkten hin in direkter und indirekter Weise an Ausdehnung zunimmt, stehen die finanziellen Verhältnisse nicht in entsprechendem Verhältnis. Nicht allein ist ein Defizit von 21 000 Mark, durch den Neubau entstanden, kaum vermindert worden, sondern selbst in den jährlichen Beiträgen ist ein merklicher Rückgang zu verzeichnen. Die ordentliche Generalversammlung des Vereins hat am 21. Mai 'stattgefunden. Die dem Amtsalter nach aus dem Verwaltungsrat ausscheidenden Herren Stadtrat Joseph Baer, Alfred Geiger und Manfred Goldschmidt in Frankfurt a. M., Grand Rabbin Zadok Kahn in Paris, George Marx in Königsberg i. Pr., Bez.-Rabb. Dr. Salvendi in Dürkheim a. d. H. und Sanitätsrat Dr. S. Neumann in Berlin wurden auf sechs Jahre wieder-, an Stelle des verstorbenen Rabbiners Dr. S. Cohn Herr Alfred Cohn in Hamburg auf 6 Jahre, an Stelle des verstorbenen Herrn Gustav Loewenberg Herr Alfred Loewenberg-Berlin auf drei Jahre neugewählt. Zu Revisoren wurden ernannt die Herren E. I. Michael und Victor Blümlein, zu Stellvertretern die Herren Eduard Rosenheim und Ludwig Schiff, sämtlich in Frankfurt a. M. Der Vorstand besteht gegenwärtig aus den Herren: Rabbiner Dr. Horovitz in Frankfurt a. M., Vorsitzender, Konsul Adolf Baer-Goldschmidt, Stellvertreter . des Vorsitzenden, Henry Seligmanu, Kassierer, Professor Dr. Jos. Werner, Schriftführer, Professor Dr. Äbr. Sulzbach, Stellvertreter des Schriftführers, Rabbiner Dr. Ungerleider in Berlin, Beisitzer, Julius Bodenstein in Berlin, Beisitzer. Gesterreich-Angarn. LI Wien, 13. November. Das Präsidium der österreichischisraelitischen Union trug am 9. d. M. dem Minister Grasen Goluchowski die Bitte vor, Oesterreich-Ungarn möge die übrigen Mächte zu einer gemeinsamen Vorstellung bei Rußland veranlassen, damit die russische Regierung mit mehr Ernst der bisherigen Passivität der russischen Lokalbehörden bei den blutigen Exzessen gegen die Juden entgegentrete. Goluchowski wies aber auf die Schwierigkeit einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines fremden Staates, und die voraussichtliche Erfolglosigkeit eines solchen Schrittes hin, der eher im Gegenteil eine für die russischen Juden gefährliche Wirkung haben könnte, und erklärte, Oesterreich-Ungarn müsse einen solchen Schritt bei den übrigen Mächten ablehnen. Für den Schutz