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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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geschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Die Trauerfeier fand in der zu diesem Zwecke würdig geschmückten Synagoge statt, die der Verewigte mit begründen geholfen, in der er so oft seine schöne Stimme zum Lobe Gottes als Vorbeter erschallen ließ. Nun ist sein Mund für immer verstummt und uns fehlt der treue Führer und Berater. Doch was er geschaffen, wird nicht untergehen und das Andenken des hochherzigen Mannes wird in unserer Mitte fortleben und immer in Ehren gehalten werden! , ■ 1. Stargar-, 12. November. Der Neichstagsabgeordnete Krösell, der bekanntlich sein Pfarramt quittieren mußte, weil ihm eine Disziplinaruntersuchung drohte, ist jetzt sittlich entrüstet über die gesinnungsverwandten Konservativen, weil sie ihm stets den Spiegel Vorhalten. Nun drohte er mit pikanten Enthüllungen aus dem Privatleben unserer konservativen Größen. Er macht bereits zarte Andeutungen' und verspricht, nächstens deutlicher zu werden. Das Schlimmste aber ist, daß er den Herren vorwirft, sie dehnten ihren Judenhaß auf die Jüdinnen nicht aus, namentlich wenn sie jung und hübsch sind. — Die Sache kann also interessant werden. Inzwischen hat Herr Krösell vom Gerichte, das ihm trotz seines Antisemitismus kein Schimpfprivilegium einräumen will, viel zu leiden. Wegen Beleidigung des Bürgermeisters erhielt er 50 Mark Geldstrafe. Der zweite Prozeß war noch fataler. Er kam Herrn Krösell, „Pfarrer a. D.", noch teurer zu stehen. Er hatte sich nämlich — „in der Eile" — in einer amtlichen Eingabe als „Pfarrer a. D." bezeichnet, trotzdem er am 9. Oktober 1903 sein Pfarramt niedergelegt . und auf alle Rechte des geistlichen Standes verzichtet hat. Nach einem Berichte des Konsistorialpräsidenten Dr. Richter ist Krösell zur Führung dieses Titels nicht berechtigt. Darüber kam es zu kleinen Meinungsverschiedenheiten. Herr Krösell will nämlich — „dies Kind, kein Engel ist so rein" — sein Amt nur niedergelegt haben, uni das geistliche Amt und die Würde nicht von den Schmähungen der „Judenzeitungen" verunglimpfen zu lassen. Die Anklagebehörde ist anderer Ansicht. Sie behauptet, daß er sein Amt niedergelegt habe, um einer Disziplinaruntersuchung zu entgehen, die er infolge des Ausgangs des Prozesses Krösell-Wittenberg, der vor dem Amtsgericht I in Berlin am 8. Oktober 1903 verhandelt wurde, zu befürchten hatte — eine Behauptung, die Herr Krösell begreiflicherweise nicht wahr haben wollte. Wegen der im angezogenen Prozeß ihm nachgewiesenen sittlichen Verfehlungen, meinte er, habe er es nicht nötig gehabt, sein Amt niederzulegen. Um sich rein zu waschen, hielt er es für angezeigt, seinen Gegner, den Amtsanwalt Bürgermeister Tr. Weiße, „energisch an seine Vergangenheit in Loitz" zu erinnern. Diese Erinnerung muß nun sehr drastisch ausgefallen sein, denn der Gerichtshof verhängte wegen dieser Beleidigungen, in denen eine Ungebühr vor Gericht erblickt wurde, sofort eine Ordnungsstrafe von 100 Mark oder 3 Tage Haft über ihn und warnte ihn gleichzeitig, sich weiterer Beleidigungen zu enthalten, da er sonst ohne weiteres in Haft abgeführt werden würde. Natürlich hat Krösell auch hiergegen Beschwerde erhoben; selbst dem Minister des Innern will er Bericht erstatten. Außerdem dürfte die ganze Angelegenheit den Reichstag beschäftigen. (Siehe auch von Nah und Fern!) n. Breslau, 9. November. Am 4. dieses Monats starb hier Herr Moritz Lyon, Direktor der Breslauer Wechslerbank. Lyon war Vorsitzender vieler gemeinnütziger Vereine, Mitglied der Handelskammer und auch stellvertretender Vorsitzender des Repräsentantenkollegiums der hiesigen jüdischen Gemeinde. Ungemein groß war daher auch die Beteiligung an der Beerdigung, die am Dienstag, den 7. dieses Monats auf dem Friedhofe an der Lohestraße stattfand. Rabbiner Dr. Guttmann hielt die Leichenrede. Er entwarf ein anschauliches Bild des Heimgegangenen und rühmte vor allem seine edlen Charaktereigenschaften. Dieser Mann, der sich um das Allgemeinwohl der Stadt so verdient gemacht habe, werde schwer zu vermissen sein. Eine große Anzahl von Menschen gab dem Heimgegangenen das Geleit zum Grabe, und während der scheidende Novembertag. am Horizont verschwand, wurden seine sterblichen Ueberreste zur letzten Ruhe gebettet. — Am 8. d. M. fand in der Lessingloge ein vom Frauenverein der Loge veranstaltetes Wohltätigkeitskonzert statt, das einen glänzenden Verlauf nahm. Viele einheimische und auswärtige Künstler und Künstlerinnen traten auf und ernteten lebhaften Beifall. Der Betrag wird zu wohltätigen Zwecken verwandt werden. M. Breslau, 14. November. Der Verein israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen hält seine diesjährige Generalversammlung in Breslau am 22. d. M. im Sitzungssäle der Repräsentanten der Synagogengemeinde ab. Außer dem geschäftlichen Teil enthält die Tagesordnung m a. .folgende wichtige Punkte: 1. Die Notwendigkeit der methodischen Umgestaltung des hebräischen Unterrichts (Hamburger-Brieg). '2. Ueber das Gebet (Bähr-Waldenburg). 3. Bericht über den Kasseler Delegiertentag. erstattet vom Dozenten Dr. Braun. 4. Beschlußfassung über folgende Anträge: a) Schaffung einer Vereinsbibliothek von Werken pädagogischen, hauptsächlich religions-wissenschaftlichen Inhalts (Moops-Breslau); b) Zusatz zu § 1 der Statuten des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reich: „Vorträge und Erörterungen, die geeignet sind, das religiöse Gefühl zu verletzen, sind unzulässig" (Bähr-Waldenburg); e) Errichtung einer Auskunftsstelle (Bähr, Moops); d) Der Verein israelitischer Lehrer in Schlesien und Posen erklärt seinen Beitritt als Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums (Bähr, Moops). 5. Besprechung von Neuerscheinungen, die für den Religionsunterricht von Interesse sind. Zur Teilnahme der Generalversammlung sind Kollegen und Kolleginnen sowie die verehrlichen Gemeinde- und Schulvorstände freundlichst eingeladen. — Der Generalversammlung des Lehrervereins geht eine Sitzung des> Vorstandes und der Mitglieder der Unterstützungskasse voran. Dank den unausgesetzten Bemühungen des Vorsitzenden Professor Dr. Badt zeigt die Kasse ein allmähliches Wachstum. Seiner Fürsprache ist es zu danken, daß eine durch ihren Wohltätigkeitssinn bekannte Dame unserer Gemeinde — Frau Sch—r — in edler Hochherzigkeit auch unserer Kasse neben einer Reihe anderer Institute eine namhafte Summe als Vermächtnis zuwenden wird. Wer das stille Wirken der Kasse kennt, weiß wie viel Segensreiches sie im Laufe der Jahre an Lehrern, Lehrerwitwen und Waisen geschafft hat. Zurzeit zählt die . Kasse etwa vierzig ordentliche Mitglieder, worunter als außerordentliches Ehrenmitglied Herrn Professor Dr. Badt, dem aus Anlaß der vorjährigen Jubiläumsversammlung in Anerkennung seiner hohen Verdienste um die Förderung des Unternehmens die Ehrenmitgliedschaft übertragen worden ist. Bei verhältnismäßig sehr geringen Beitragsleistungen — so verlangt die Kasse bis zum Eintritt des 30. Lebensjahres nur 10 Mark, des 40. 15 Mark, des 50. Lebensjahres 20 Mark und ebensoviel an Eintrittsgeld, mindestens 15 Mark — konnte im Falle eingetretenen Todesfalls oder infolge Invalidität die Quote von 200 Mark verteilt werden. Die zur Verwendung kommende Summe wird nach der Zahl der Unterstützungsfälle so in Quoten gele t, daß ein eheloses Mitglied oder eine Witwe je eine, ein verheiratetes Mitglied 1^, eine jede Waise 1/i Quote erhält. Zurzeit sind 5 Emiritierte und 5 Witwen mit zusammen 13 Waisen Pensionäre der Kasse, die insgesamt 2650 Mark an Unterstützungen beziehen. An Kapitalvermögen weist die Kasse jetzt ein Vermögen von etwa 50 000 Mark auf. Unter den Gönnern und Freunden der Kasse verdient an dieser Stelle besonders der Vorstand unserer Synagogengemeinde erwähnt zu werden, der sein Wohlwollen für die segensvollen Bestrebungen des Unternehmens durch die Zuwendung der Jubiläumsgabe von 500 - Mark wie durch ein alljährliches Geschenk von 300 Mark bekundet hat. Neben diesem gebührt den Herren Hermann Neustadt und Simon Schehä von hier ganz besonderer Dank für den Eifer, mit dem sie bemüht waren, der Kasse Zuwendungen zu verschaffen. Möge ihnen, wie auch anderen edlen Gebern, das Bewußtsein der guten Tat ein Sporn zu weiterer Tätig-- keit im Interesse der Unterstützungskasse sein. M. Hamburg, 5. November. Herr Dr. S. P. Nathan, der stellvertretende Rabbiner und Oberlehrer an der Talmud-Thora- Realschule, ist nach kurzer Krankheit im 86. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war der Senior der Hamburger Lehrerschaft, denn seit 57 Jahren war er als Oberlehrer an der Schule tätig. In Hamburg geboren, genoß er seine talmudischen Studien bei dem derzeitigen Oberrabbiner Isaak Bernahs; um sich in den anderen Wissenschaften auszubilben, bezog er die Universitäten Berlin und Gießen. Nach Abschluß seiner akademischen Studien kehrte er als Oberlehrer in die hiesige Talmud-Thora-Realschule ein, in welcher er

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