Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228683--62175-3276037
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

69. Jahrgang, No. 46, * Berlin, 17. November 19ür>. Vellage zur „Allgemeinen Leitung dezS Judentums" lkorrklponLrnzrn und Oschrichten. Deutschland. 8. Berlin, 12. November. Die entsetzlichen Greueltaten, denen tausende russischer Juden zum Opfer gefallen sind, haben, wie nicht anders zu erwarten, die Gemüter unserer Glaubensgenossen in der ganzen Welt aufs tiefste erschüttert. Allüberall rüstet man sich zu einem umfassenden Hilfswerk, und so war es nur selbstverständlich, daß auch in unserer Gemeinde der Wunsch rege wurde, jedem Gelegenheit zu geben, sich dem allgemeinen Hilfswerke anzuschließen. Wie in unserm Repräsentantenbericht bereits hervorgehoben ist, hat hier Herr Aron Hirsch an den Gemeindevorstand den Antrag gerichtet, an einem der nächsten Sonntage Trauergottesdienste in allen Gemeindeshnagogen zu veranstalten. Gelegentlich dieser Trauergottesdienste, die gleichzeitig eine Seelenfeier für die dahingemordeten Märtyrer ihres Glaubens bilden sollen, sollen diejenigen Gebete gesprochen werden, welche sonst bei der Totenfeier an den hohen Feiertagen zitiert werden. Die Rabbiner sollen entsprechende Ansprachen an die Gemeindemitglieder richten und alle aufforderu, in die zu diesem Zwecke in den V.orräumeu der Synagoge aufgestellten Büchsen ein Scherflein zur Linderung der entsetzlichen Not. zu spenden; zur Aufnahme größerer Zeichnungen sollen besondere Listen ausgelegt werden. Es wäre zu wünschen, daß dieser dankenswerten Anregung vom Gemeindevorstand stattgegeben wird und das Hierdurch gegebene Beispiel der Berliner Gemeinde vorbildlich sein möge für alle deutschen und europäischen Gemeinden. Berlin, 11. November. Für die notleidenden russischen Juden hat die Alliance Jsraelite Universelle am 7. dieses Monats 100 000 Frs. an das Komitee in Petersburg, am 8. dieses Monats 60 000 Frcs. an das Komitee in Odessa telegraphisch überwiesen. Ihre Sammlung für die Opfer der schmählichen Verfolgungen erbrachte in Paris allein 800 000 Frs. Das Bankhaus Meyer Cohn nimmt Beiträge für die Sammlung der Alliance entgegen. — Am 8. dieses Monats fand eine außerordentliche Sitzung des Zentral- Komitees der Alliance statt, in welcher der Geheime Kommerzienrat Ludwig Max Goldberger in Berlin zum Mitglied des Zentral- Komitees kooptiert wurde. F. Berlin, 13. November. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund wird wieder einen Fortbildungskursus für Kantoren veranstalten, der die drei Monate Januar, Februar, März 1906 umfassen und, wie die früheren, von den beiden Herren Friedmanu, Hauptkantor an der jüdischen Gemeinde zu Berlin, und William Wolf, Chordirektor an der Synagoge Lindeustraße, daselbst geleitet werden wird. Der Kursus selbst ist kostenlos, nur dafür hat der Teilnehmer zu sorgen, daß ihm für seine Studien ein Klavier zur Verfügung steht. Die Leiter des Kursus betrachten im allgemeinen seminaristische Vorbildung als Vorbedingung zur Aufnahme, werden aber bei besonderer musikalischer Begabung des Gemeldeten eventuell hiervon absehen. Diese Fortbildungskurse, hervorgegangen aus dem Bestreben, die oft recht mangelhaften ruusikalisch-liturgischen Kenntnisse der heutigen jungen Kantoren zu berichtigen und zu vervollständigen, sind in hohem Grade geeignet, diesen Zweck zu erfüllen. Während im Unterricht des Herrn Frieduiann die Liturgien des ganzen Jahres mit all ihren Spezialfällen gründlich durchgearbeitet werden, erstreckt sich derjenige des Herrn Wolf auf alles hierhergehvrige Allgemein-musikalische: aus Harmonielehre, Grundzüge der Formenlehre, Tonbi.ldung im Gesang, vom Blatt-Singen, Vortragslehre, Grundlagen des Klavierspiels. Ein volles Ergebnis ist allerdings nur dadurch zu erreichen, daß die Teilnehmer ihre ganze Zeit diesen mannigfachen Studien widmen;, sie müssen sich daher eiurichteu, jene drei Monat ohne Erlverbstätigkeit leben zu können. Das dürfte aber selbst Mittellosen erreichbar sein. Angestellte Kantoren werden von ihren Gemeinden einen vierteljährlichen Urlaub und Subsistenzmittel erhalten können, um das so erwünschte Ziel einer Erweiterung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten zu erreichen, in andern Fällen werden Protektionen oder Institutionen und Stiftungen sich bereit finden lassen, einen strebsamen, jungen Kantor oder Kandidaten des Kantorats zu unterstützen. — Alles Nähere über den Kursus ist vom Bureau des Deutsch-israelitischen Gemeindebundes. Berlin W., Steglitzerstraße 85 zu erfragen. 8. Berlin, 12. November. Die Julius Neumannscke-Schülerstiftung hat in den 20 Jahren ihres Bestehens 35 Schüler der hiesigen Gemeindeschülen, vor allem der hiesigen Knabenschule der jüdischen Gemeinde, durch Stipendien unterstützt. Sie erhielten die Stipendien zum Besuche der jüdischen Präparandenanstalt, der technischen Hochschule, der Kunstschule, des Kunstgewerbemuseums, der Kunstakademie und der Handwerkerschüte und haben sich nach Erledigung ihres Studiums meist mit gutem Erfolge dem geplanten Beruf als Techniker, Lehrer, Kunsthandwerker nsw. zugewandt. Die. Stipendien, die für den einzelnen Stipendiaten den Gesamtbetrag von 800 M. erreichen können, werden immer am Sterbetag des Herrn Julius Neumann, dein 26. Dezember, an frühere Schüler der hiesigen Gemeindeschulen bewilligt. Die Gesuche find bei dem Schriftführer Herrn Privatdozenten Dr. H. Neumann (Berlin W; Potsdamerstraße 121E) einzureichen. s. Berlin, 14. November. Frau Kommerzienrat Julie Gerson-Liebermann hat dem Verein für jüdische Krankenpflegerinnen zu Berlin einen Betrag von 15 000 Mark zu einer „Louis Gerson-Stiftnng" mit der Maßgabe überwiesen,".die Zinsen dieser Stiftung für solche Vereinsschwestcrn zu verwenden, welche bei. außerordentlichen Unglücksfällen, langwierigen Erkrankungen oder eingetretenem Siechtum auf besondere Beihilfen angewiesen sind. L2 Berlin, 12. November. Hier wurde vor kurzem der folgende Prozeß verhandelt und vertagt. Der Kläger Molde war seit fünf. Jahren bei der Firma L. Bernhard als Korrespondent für fremde Sprachen beschäftigt, wurde dann aber entlassen, weil er sich als Kandidat des Deutschnatloualen Handlungsgehilfenverbaudes zu den Beisitzerwahlen des Kausmannsgerichts hatte aufstellen lassen. Die Firmeninhaber erklärten ihm nämlich und bestätigten das auch vor Gericht, sie seien selbst Juden und würden daher unter keinen Umständen ein Mitglied des antisemitischen Gehilfenverbandes in ihrem Geschäfte dulden. Damit sind sie auch vollständig im Recht. Daß die „Tägl. Rundschau" sich darüber aufhält, ist uns sehr unbegreiflich. Aber mau möge die Sache doch einmal umkehren. Gibt es einen Antisemiten, der einen Juden in seinem Geschäft anstellt? Nein! Und wenn es ein solches Wundertier gäbe, würde der Antisemit dulden, daß sein Angestellter agitatorisch und als Kandidat in einem Verein gegen die Antisemiten austritt? Abermals nein! Er würde den Juden „rausschmeißen". „Was du nicht willst, daß man dir tu, lüg auch keinem andern zu." r. Cammiir. 6. November. Am 30. v. M. verschied hier im' 83. Lebensjahre nach kurzem Krankenlager der Vorsteher unserer Gemeinde, Herr Rentier Philipp Michaelis. Wir verlieren in dem Heinigegangenen, der beinahe 52 Jahre lang unsere kleine Gemeinde geleitet hat, unser Oberhaupt und unsere Stütze und^beklagen seinen Tod auf das Schmerzlichste. Mit ihm ist einer der edelsten Männer zu Grabe getragen. Ein echter Sohn unseres Volkes, dessen ganzes Leben von wahrer, aufrichtiger Frömmigkeit erfüllt war, ist er jederzeit bestrebt gewesen, die Fahne unseres Glaubens hoch zu halten und unsere Gemeinde zu einer würdigen Genossenschaft des Judentums zu gestalten. Es gibt wohl selten einen, Menschen, der, auf der Höhe des Lebens stehend, und einer der geachtetsten Familien angehörend, so wie er sein ganzes Leben lang von wahrhaft rührender Bescheidenheit und ohne einen Schimmer nur von Stolz und Selbstüberhebung gewesen ist. Freundlich und zuvorkommend gegen hoch und niedrig,' genoß er auch die Freundschaft unserer nichtjüdischeu Mitbürger., in hohem Maße, die es sich nicht nehmen ließen, durch die Vertreter der Stadt dem Dahin-.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.