Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · p. Seite 551

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 551 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228683--62173-3276035
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und raubte alles, was er nur finden konnte. Sie trugen die Matten und Teppiche weg, wühlten die Erde nach Schätzen auf, aber sie fanden den Ort nicht, wo Abdias seine Goldbarren aufgehäuft hatte. Seine ursprüngliche Verzweiflung wich, als er diese Entdeckung machte und sein bis dahin um» düstertes Gemüt verklärte ihn vollends, als ihn seine Deborah, die bis dahin unfruchtbar war, mit einem Mädchen beschenkte. Mit rührender Sorgfalt und Zärtlichkeit -pflegte er die von aller Welt verlassene Wöchnerin, und siehe, seine Frau, deren Herz bis dahin erkaltet war, empfand aufs neue Liebe zu ihm. Doch sollte das neue Eheglück nicht lange währen. Infolge der Aufregungen und Ermattungen starb Deborah. In ergreifender Weise schildert der Verfasser, den Augenblick, wo Abdias dessen inne wird, daß sein abgöttisch von ihm geliebtes Weib von ihm genommen wurde und das seiner Mutter beraubte hilflose Kind nunmehr ganz und gar auf die Pflege des Vaters angewiesen sei. „Wie er saß, flössen aus seinen Augen Tränen wie geschmolzenes Erz. Es stand Deborah vor ihm, wie er sie zuerst in Balbek gesehen hatte, da er zufällig an ihrem Hause vorüberging und das Gold des Abends nicht nur um die Zinnen ihres Hauses, sondern auch um die aller übrigen floß. Von einem weißen Mauerstücke flog ein Paradiesvogel auf und tauchte sein gelbes Gefieder in die gelbe Glut. Wie er sie dann abgeholt hatte, wie sie von den Ihrigen über die Terrasse hinabbegleitet und gesegnet worden war und wie er sie dann von allen Angehörigen weggenommen und auf sein Kamel gesetzt hatte. Jetzt wird sie bei ihrem verstorbenen Vater sein und ihm erzählen, wie es bei Abdias gewesen ist . . . Abdias suchte in der Dunkelheit nach der Wange seines Weibes, kniete nieder und küßte sie, er meinte, wenn er nur genauer hinschaute, wie es sich regte und die Brust sich im Atmen hebe. Aber es atmete nichts und das Starren der toten Glieder dauerte fort. Auch das Kind regte sich nicht, als sei es gleichfalls gestorben. Er ging zu demselben hin, um danach zu sehen, aber es lag im tiefen Schlafe und sehr viele kleine Tröpflein standen auf der Stirne desselben. Er hatte es nämlich aus Uebervorsicht zu stark mit Tüchern bedeckt, daher nahm er etwas davon weg, um die Hülle leichter zu machen/' Von jetzt an lebte Abdias nur seinem Töchterchen Ditha, das sich von Jahr zu Jahr immer mehr geistig und körperlich in schönster Weise entwickelte. Er reiste nun nicht mehr fort, wie er es sonst getan hatte, um Handel zu treiben und zu erwerben, sondern blieb immer zu Hause. Er dankte oft Gott, daß er einen solchen Strom sanften Fühlens in das Herz eines Menschen zu legen vermöge. Wenn es Nacht war, faß er zuweilen wieder, wie er es früher auch getan hatte, auf dem hochgetürmten Schutt feines Hauses, dort wo die zerrissene Aloe stand und betrachtete die Gestirne, die tief funkelnden des Südens, die hier täglich zahllos und feurig herniedersehen. Nun erwachten die Märchenträume früherer Zeiten wieder in seiner Seele, und nachdem es ihm gelungen war, seine in allen Schluchten und Klüften verborgenen Geldschätze wie.der ans Tageslicht zu holen, verließ er mit seinem Kinde jenes Land, wo er so viele Kümmernisse, Bitternisse und entsetzliche Schicksalsschläge durchzumachen hatte, für immer und suchte ein neues Land auf, wo ihm heitere Sterne winkten. Das Ziel seiner Wanderung war ein einsames Tal in Oesterreich, von dem der Verfasser sagt: „Zur Zeit, als sich das zutrug, war das Tal ganz und gar unbewohnt. Jetzt steht ein nacktes, weißes Haus auf seinem Weidegrund und einige Hütten ringsumher, sonst ist es noch fast so öde, wie vorher." Als Abdias nämlich in sehr vielen Ländern Europas herümgewandert war, um eine Stelle zu finden, an der er sich niederlassen könnte und zufällig auch in das Tal kam, beschloß er sofort, dort zu bleiben. Was die meisten abgeschreckt hatte die Stelle zum Wohnort zu wählen, die Oede und Unfruchtbarkeit, das zog ihn vielmehr an, weil es eine Ähnlichkeit mit der Lieblichkeit der Wüste hatte. Er hatte sich auch von mehreren Fürsten und Herren Briefe verschafft, die ihm erlaubten, in ihren Ländern zu reisen und sich in denselben aufzuhalten. Auch einen Handelsfreund hatte er, den er bisher nicht von Angesicht, sondern nur durch Briefe gekannt hatte. Er suchte denselben auf und verabredete mit ihm den Plan, daß, wenn er sich einen Fleck Landes erwürbe, auf dem er seine künftige Wohnung gründen wollte, der Handelsherr dazu den Namen geben möchte, als hätte er selber das Land gekauft, als bebaute eres selber, als führe er eine Wohnung auf und als lasse er nur gegen Entgelt den Juden im Genuß aller dieser Dinge. So entstand denn mit den Jahren ein blankes, weißes Haus von mäßiger Größe, das aus dem Grün des Bodens schimmerte, und daneben wurde der Anfang eines Gartens gelegt. Auf die Frage wie und was das sei, kam immer die Antwort: ein fremder, absonderlich und seltsam aussehender Mann lasse das alles bauen und habe den Grund daneben gekauft. Aber auch in Europa und in seinem neuen Heim lächelte ihm nicht das erhoffte Glück, fand sich bei ihm die ersehnte Ruhe nicht ein, denn plötzlich wurde sein vergöttertes Töchterchen Ditha blind und obschon die hervorragendsten Aerzte alles aufboten, um der Kleinen das Augenlicht wieder zu verschaffen, so waren öoch lange alle ihre Bemühungen fruchtlos. Der trostlose Vater verfiel nun, anstatt seiner Tochter eine Erziehung zu geben, die so viel an Geist und Leben entwickelt hätte, als nur immer zu entwickeln war, auf den absonderlichen Gedanken, einen ungeheuren Reichtum auf Ditha zu laden, damit sie durch denselben einst, wenn er stürbe, Hände kaufen könne, die sie pflegen und Herzen, die sie lieben würden. Einen großen Reichtum wollte er aus sein Kind häufen, so daß es dereinst mit jedem Genüsse seine anderen Sinne umringen könne, wenn es schon den des einen entbehren mußte. Infolge dieses Entschlusses wurde er von einem krankhaften Geiz befallen. Er entließ alle seine Diener bis auf eine.Magd, eine Wärterin für Ditha und einen Wächter des Hauses. Er selbst versagte sich alles und jedes, ging in schlechten Kleidern nährte sich schlecht, fing an zu jagen und zu rennen, um Gewinn und Zinsen zu sammeln. Er gönnte sich keine Ruhe; das Geschäft, das er kannte und das ihm in Afrika Reichtümer eingetragen hatte, nahm er wieder auf. Doch wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. Je mehr Ditha heranwuchs uud zur blühenden Jungfrau heranreifte, desto mehr verlor sich ihre Blindheit und nach und nach konnte sie, wenn auch nur schwach, sehen und sich an dem Anblick der Dinge um sie her erfreuen, aber nicht allein die äußere Welt tat sich vor ihr auf, sondern auch ihre Seele begann sich zu heben. Ihre Wangen wurden rot und ihre Lippen blühten. Abdias hatte lauter weiße Haare, sein Gesicht war schwarz, von gekreuzten Narben durchzögen und in den Zügen war Verfall eingegraben. So ging er neben der Tochter, die jetzt schon schlank und sicher wandelte, denn sie waren jetzt fast immer im Freien, das sie so sehr liebte und er nicht minder. Aber nicht nur schön wurde das Angesicht des Mädchens, sondern es begann auch zu leben und sichtlich immer mehr des Schönsten zu zeigen, was der Mensch vermag: das Herz. In Europa wurde Abdias nicht mehr geschlagen, sein Eigentum wurde ihm nicht genommen, allein er hatte den afrikanischen Geist und die Natur zur Einsamkeit nach Europa gebracht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.