Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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des israelitischen Stammes ausgerüstet. Dieser Knabe war Abdias, der eigentliche Held der -Geschichte, die Adalbert Stifter uns zum Besten gibt. Auf diese , seine zwei Güter häufte der reichste Jude in der alten Römerstadt alles, wovon er meinte, daß es nützlich sein könnte, und wenn er draußen in der weiten Welt war und, von Wohnort zu Wohnort gestoßen, heimkam, fühlte er sich im Kreise von Frau und Kind unendlich glücklich. Sein höchster Ehrgeiz war es, den Knaben Abdias eines Tages nach der Gelehrtenstadt Kahira zu bringen, damit er weise würde wie die alten Propheten und Lehrer Israels gewesen; doch konnte er feinen Plan nicht verwirklichen. Dem Alten blieb nichts anderes übrig, als auch seinen Sohn die ausgetretenen Gleise gehen zu lassen. Als Abdias zum Jüngling herangewachsen war, gab ihm sein Vater ein Kamel und eine Goldmünze mit der Weisung, in die weite Welt zu gehen und sich selbst seinen Lebensunterhalt zu erwerben. „Wenn Du nicht zu weit entfernt bist," so sagte er ihm, „so kannst Du mich und Deine Mutter in Zeiten besuchen, und wenn Du soviel hast, wovon ein Mensch leben kann, so komme zurück; ich gebe Dir dazu, daß ein zweiter und mehrere andere auch zu leben vermögen. Du kannst ein Weib bringen und wir suchen Euch in unserer Höhle noch einen Raum zu machen, darinnen zu wohnen und zu genießen, was Gott Euch sendet." Nachdem er ihn gesegnet und die Mutter Esther voll Verzweiflung darüber, daß ihr Kind sie nun verlassen sollte, in bittere Klage ausgebrochen war, setzte sich Abdias aufs Kamel und ritt dann gehorsam von dannen. Die Schule des Lebens, besonders aber des Leidens, die die Juden Afrikas und auch anderer Länder so gründlich durchkosten mußten, reifte den Jüngling zum Mann. Infolge der kaufmännischen Begabung, die er von seinem Vater erbte, seines zähen Fleißes und seiner rastlosen Energie erwarb er große Schätze, die er in Klüften, die er wiederfand, versteckte, lieber die Stätten war er gewandelt, wo die alte Handelskönigin Karthago gestanden, den Nil hatte er gesehen, über den Euphrat und Tigris war er gegangen, aus dem Ganges hatte er getrunken, hatte gedarbt und gehungert, gearbeitet und zusammengerasst und gehütet. Er hatte seine Eltern nicht ein einziges Mal besucht, weil er immer so weit von ihnen entfernt gewesen war — aber nach 15 Jahren erschien er wieder zum erstenmal in der verschollenen Römerstadt. Seine Ankunft schildert Adalbert Stifter mit den Worten: „Er kam in der Nacht, er kam zu Fuße, weil man ihm sein Kamel geraubt hatte. Er war in ganz zerrissene Kleider gehüllt und trug Stücke eines Pferdeaases in der Hand, um davon den Schakalen zuzuwerfen, daß er sie von seinem Leibe halte. — Auf diese Weise gelangte er zu dem römischen Triumphbogen und zu den zwei alten Palmstämmen, die noch immer da standen und in der Nacht schwarze Linien in den Himmel zogen. Er pochte an die aus Rohr geflochtene Tür, die dreifach vor dem Mauerloch war, das den Eingang bildete; er rief und sagte seinen Namen und den seines Vaters — und er mußte lange warten, bis ihn jemand hörte und den alten Juden weckte. Es standen alle in dem Hause aus, als sie hörten, wer gekommen sei, und Aron, als er durch die Tür zuerst mit ihm geredet hatte, öffnete dieselbe und ließ ihn ein. Abdias bat den Vater, daß er ihn in den.Keller führe, und als er dort die Rohrtür hinter sich verschlossen hatte, zählte er ihm goldene Münzen aller Länder auf, die er sich erworben hatte, eine große Summe, die man kaum erwarten konnte. Aron sah ihm schweigend zu, bis er fertig war, dann schob er die Goldstücke auf den Stein zusammen und tat sie handvollweise in den ledernen Sack, in dem sie Abdias gebracht hatte und legte den Sack seitwärts in ein Fach, das zwischen Marmorfliesen war. Dann erst.brach die Rinde entzwei, oder als hätte er mit der Vaterfreude warten müssen, bis erst das Geschäft, aus war, stürzte er gegen den Sohn, umarmte ihn, drückte ihn an sich, heulte, segnete, murmelte, betastete ihn und benetzte sein Angesicht mit Tränen." Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß auch die Mutter, die inzwischen. gealtert und ihre Schönheit, verloren hatte, ihren Sohn, der endlich nach Hause gekommen war, an ihr Herz preßte, ihn zu sich auf die Kissen zog, ihren Mund auf seine Wangen, seine Stirne, seinen Scheitel, seine Augen und seine Ohren drückte. Durch drei Tage wurden Freudenfeste gefeiert. Hierauf nahm Abdias aufs neue Abschied von»den Eltern, dann reiste er nach Balbeck, um die schönäugige Deborah zu holen, die er dort gesehen, die er sich gemerkt hatte, und die mit all den Ihrigen zu seinem Stamm gehörte. Er reiste als Bettler und kam nach zwei Monaten dort an, zurück ging er aber als bewaffneter Türke mitten in einer großen Karawane, denn das Gut, das er mit sich führte, konnte er nicht in Klüften verstecken, und konnte es, wenn es verloren ging, nicht wieder erwerben. In der Wohnung des alten Aron, d. h. in dem Gewölbe unter dem Schutte, wurden Zimmer eingerichtet, Vorhänge gezogen und Polster und Teppiche für Deborah gelegt. Der Vater teilte, wie er es versprochen, mit dem Sohne die Habe, und dieser ging nun in alle Länder hinaus, um Handel zu treiben. Nach dem Tode seiner Eltern war er nun allein in dem Gewölbe, das unter dem hochgetürmten Schutte neben dem Triumphbogen und den zwei verdorrten Palmstämmen war. Das Glück und der Reichtum häuften sich in seinem Hause, das Weib seines Herzens, das er sich gewählt, überschüttete er mit den Gütern der Welt und brachte ihr aus den Ländern die verschiedensten Dinge nach Hause. Als er jedoch einmal in Odessa an den Pocken erkrankte, die ihn verunstalteten und häßlich machten, verabscheute ihn Deborah, als er heimkam, und wandte sich von ihm ab, denn sie liebte nur die Schönheit des Körpers und nicht die geistige des Herzens. Abdias hatte das nicht gewußt, denn als er sie in Bälde! erblickte, sah er auch nichts als-ihre große Schönheit. Sie blieb ihm ein gehorsames Weib, aber ihre Traurigkeit wich nicht von ihr. In einsamen Stunden hielt er zuweilen sein bereits grauwerdendes Haupt in beiden Händen und eigentümliche Gedanken erfüllten seine Seele. Mächtige Sehnsucht erwachte in ihm nach dem kalten, feuchten Weltteil Europa, und er wünschte sich, das zu wissen, was dort die Weisen wissen und so zu leben, wie dort die Edlen leben. Aber es waren nur flatternde Gedanken; saß er aber wieder einmal hoch auf dem Kamel, mitten in einem Troß, befehlend und herrschend, wich seine Melancholie von ihm, und er war wieder der alte, voll Mut und Tatkraft. Dann funkelten in Lust die Narbenlippen seines Angesichts, die so entsetzlich häßlich waren und daneben glänzten in Schönheit seine Augen, ja sie wurden in solchen Zeiten noch schöner, wenn sich die Größe und Kühnheit der Karawanenzüge entfaltete und er wie ein König behandelt wurde, denn was man ihm zu Hause entzog, genoß er dort in reicher Fülle: Hochachtung, Ansehen, Oberherrschaft. Wiederholt bestand er unterwegs Gefahren, die er durch seinen Mut und seine Tapferkeit abwehrte, so daß er seinen Feinden Respekt einflößte und man ihm scheu aus dem Wege ging. Auf der Höhe seines irdischen Glückes schleuderte das Schicksal seine Blitze gegen ihn. Als er wieder einmal nach langer Wanderschaft seine heimischen Penaten aufsuchte, überfiel der Abgesandte des Bey Melek-Ben-Ama, der den Reichtum des Abdias gewittert, die elenden Hütten des zerstörten Dorfes sowie das Besitztum des reichsten Juden und zerstörte