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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · p. Seite 549

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 549 (sequence 9)
Language
German
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549 Vollends in unserer Zeit, wo die Orgel, um die es sich hier handelt, in fast allen größeren Gemeinden Deutschlands, beim Gottes-- dienfte im Gebrauch ist und in-150 Synagogen an - Sabbathen und Festtagen gespielt wird, kann der Gedanke gar nicht mehr auskomnien, daß die Orgel als ein dem Judentums fremdes, nur der christlichen Gottesderehrung eigentümliches Instrument anznsehen sei. Wir sind daher der Ansicht, daß die Kölner israelitische Gemeinde bei der Einführung der Orgel in ihrer Hauptsynagoge sich nicht bloß geistig, sondern auch /materiell in vollkommener Uebereiustimmung mit der Gvttesperehrung unserer Vorfahren befindet und wir hoffen 'zuversichtlich, daß sich diese Einrichtung als ein Segen für die religiöse Erweckung und Erbauung der Gemeinde bewähren wird. Gegen diese Erklärung wird wohl kaum jemand einen berechtigten Einwand erheben können. Es fragt sich nun, ob unsere Gemeindebehörden die bisher viel zu weit getriebene Connivenz gegenüber einer intoleranten und herrschsüchtigen Minderheit aufgeben und mit der nötigen Energie darängehen, den Wunsch der Majorität der Gemeinde durch Aufstellung einer Orgel in der neuen Synagoge nun endlich zu erfüllen. Dbdiss. Zur Erinnerung an Adalbert Stifter. Von Dr. A. Hahn. ein Großer der Weltliteratur, kein Unsterblicher, der uns ganz neue Bahnen führt, keiu sogenannter „ragender Gipfel der Welt", war der vor hundert Jahren geborene Adalbert Stifter; aber zu den sinnigsten, gemütvollsten nnd Unheinllichkeiten seines Gemüts mit ein Paar abergläubischen Gedanken ab, bis das letzte Mauerstück aus seinem Gesicht, und der letzte Ton der Schakale, die darin hausten, ans seinem Ohr entschwunden war. Dennoch lebten außer den Schakalen, der ganzen übrigen Welt unbekannt, auch noch andere Bewohner in den Ruinen. Es waren düstere, „schwarze Juden", die wie Schatten uilter den Trümmern umher-, ein- und ausgingen und drinnen mit dem Schakal wohnten, den sie manchmal fütterten.. Es wußte niemand von ihnen außer den anderen Glaubensbrüdern, die draußen wohnten. Sie handelten mit Gold und Silber und mit anderen Dingen von dem Lande Aegypten herüber. Wurde einmal einer von ihnen, was manchmal vorkam, von einem Kabhlen erschlagen nnd beraubt, so heulte der ganze Stamm, der in dem wüsten, weiten Laude zerstreut war — und dann war es vorüber und vergessen. Durch einen römischen Triumphbogen hindurch, an zwei Stämmen verdorrter Palmen vorbei, gelangte man zu einem Mauerklumpen, dessen Zweck nicht mehr zu erkennen war; dort hauste der alte Aron. Oben gingen Trünuner einer Wasserleitung darüber, unten lagen Stücke, die man gar nicht mehr erkannte'; man mußte sie übersteigen, um zu dem Loche in der Mauer zu gelangen, durch welches man in die Wohnung Arons hinein konnte. Innerhalb des Loches führten Stufen zu einer weitläufigen Wohnung hinab, wie man sie unter dem Mauerklumpen und dem Schutte von außen nicht vermutet hätte. Es war eine Stube, von mehreren jener kleinen Gemächer i umgeben, wie sie die Römer geliebt hatten; auf dem Boden i aber war kein Estrich, oder Getäfel oder Pflaster oder Mosaik, sondern die nackte Erde. An den Wänden waren keine Gemälde oder Verzierungen, sondern die römischen Backsteine sahen heraus. Neberall waren Pakete, Ballen nnd Kramereien genialsten Poeten aller Zeiten muß er mit Fug und Recht gezählt werden. Ein reineres, edleres Empfinden und Denken, wie in seinen köstlichen Erzählungen,- ist wohl sonst bei keinem anderen Dichter in solchem Maße zu finden wie bei ihm. Eine Fülle von Glanz und Schönheit strömt uns aus diesen Stimmungsbildern entgegen, die ins Gebranse des Lebens nachhallen wie Töne einer sphärenhaften Musik. In seinen Geschichten weht der reine Hauch echter Dichtkunst. Sv lange man die Sprache der Natur und des Herzens versteht, wird man auch seine Novellen verstehen und lieben, denn was ihn besonders auszeichnete, war der reine Sinn für alles Gute, Währe und Schöne, das Verständnis für die tiefsten und zartesten Regungen der Seele, sowie ein erbarmnngsvolles Gemüt, das für die Leiden der Berfolgten nnd Unterdrückten einen tiefergreifenden Ausdruck zu finden wußte. Ein Juwel der Poesie ist auch der kleine Roman „Abdias" von Adalbert Stifter, der für die Leser dieser geehrten Zeitschrift nm so in ehr Interesse haben dürfte, als darin das Schicksal des Inden Abdias mit wunderbar ergreifenden Farben geschildert wird und der Verfasser es meisterhaft versteht, nicht allein packende, psychologische Charakterbilder von ergreifender Naturwahrheit zu entwerfen, sondern uns auch in das Gefühls- und Gemütleben jener Parias der Menschheit in den rohen und barbarischen Zeiten, wo entfesselte Leidenschaften schrankenlos walteten, einen tiefen Einblick gewährt. Tief in den Wüsten innerhalb des Atlasses in Afrika stand eine alte, von der Geschichte verlorene Nvmerstadt; sie war nach und nach zusammengesallen und hatte seit Jahrhunderten keinen Namen mehr. Der Europäer zeichnete sie bis auf die neueste Zeit nicht auf feine Karte, weil er von ihr nichts ahnte, nnd der Berberwenn er auf seinem schnellen Rosse vorüberjagte nnd das hängende Gemäuer stehen sah, dachte entweder gar nicht an dasselbe und an dessen Zweck, oder er fertigte die ausgebreitet, aus denen man ersah, mit welchen mannigfaltigen Dingen Aron.Handel trieb. Vorzüglich aber waren es Kleider und zerrissene Lappen, die herabhingen und alle Farben und alle Alter hatten und den Staub fast alter Länder von Afrika in sich trugen. Zum Sitzen und Lehnen waren Hansen alter Stoffe; der Tisch nnd die anderen Geräte waren Steine, die man aus der allen Stadt zusammengetragen hatte. Hinter einem herabhängenden Busch von gelben und grauen Kaftanen war ein Loch in der Mauer, welches viel kleiner war als das, welches die Stelle der Tür vertrat und aus dem : Finsternis heraussah, wie aus einer Grube im Schutte. Man meinte nicht, daß man da hineingehen könnte. Wenn man sich aber gleichwohl bückte und hindurchkroch und den großen Gang zurückgelegt hatte, der da folgte, kam man wieder in ein Zimmer, nm das mehrere andere waren. Ans dem Fußboden lag ein Teppich aus Persien nnd in den anderen Zimmern waren ähnliche oder gleiche. An den Wänden und an den Sitzen waren Polster, darüber Vorhänge nnd daneben Tische von feinem Steine und Schalen und ein Bad. Hier saß Esther, Arons Weib; in diesem versteckten Heiligtum wohnte das Köstlichste, was der afrikanische Handelsjude besaß, seine Frau. Ihr Körper ruhte auf einem Seidengewebe von Damaskus und ihre Wangen und ihre Schultern wurden geschmeichelt von dem weichsten und glühendsten aller Zeuge, vom gewebten Märchen des Kaschmir, wie sie auch die Sultana in Stambnl hat. Um sie her waren ein paar Zofen, die schöne Tücher um die kluge, schöne Stirne hatten und Perlen auf dem Busen trugen. Hierher trug der Hausherr alles 31t- .sammen, was schön und gut und dem armen Sterblichen schmeichelnd nnd wohltätig erscheint. Außer diesem Kleinod in Gestalt seines Weibes besaß Aron ein Juwel, nämlich einen Knaben mit schwarzen rollenden Augenkngeln und mit der ganzen morgenländischen Schönheit

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