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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · p. Seite 547

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 547 (sequence 7)
Language
German
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■ ' , .. . ’ —— 547 im Hause Oranienburgerstraße 60—63 bis zum 1. April 1907 und mit dem Vorrecht auf ein noch ferneres Jahr zu verlängern. Der Gemeindevorstand -beabsichtigt, die Gemeindebibliothek später eventuell in dem vor kurzem angekauften Hause Oranienburgerstraße 28 unterzubringen. Durch eine außerordentlich hochherzige Schenkung ist jedoch die Gemeindebibliothek genötigt, schon in nächster Zeit größere Räume zur Verfügung zu haben. Prof. Kalischer erfreute alsdann die Versammlung durch die Mitteilung, daß Herr Sanitätsrat S. Neumann seine große Bibliothek, an der er ein langes Leben mit feinem Verständnis, mit umfassender Kenntnis und Liebe gesammelt, der jüdischen Gemeinde zum Geschenk überwiesen habe. Es find in dieser Bibliothek Schätze zusammengebracht, die es tatsächlich nirgends gibt. Sie ist in vieler Beziehung ein Unikum. Den Hauptstoff bildet die Sammlung . von 8anb§f)ut, dem bekannten und sehr gelehrten Inspektor des jüdischen Friedhofes in der Großen Hamburgerstraße. Der gesamte Charakter der Bibliothek läßt sich dahin präzisieren, daß sie vorzugsweise die Geschichte .und Kulturgeschichte der Juden und insbesondere der Juden Berlins berücksichtigt, ein Zweig, der gerade in der hiesigen Gemeindebibliothek mit besonderer Sorgfalt gepflegt wird. Die Anzahl der Bände kann ungefähr auf 800—1000 geschätzt werden, abgesehen von dem außerordentlich reichhaltigen Handschriftenmaterial. Sie enthält eine große Zahl Hebraica und Judaica und erstreckt sich aus nicht weniger als 31 Gebiete, darunter Philosemitica, Antisemitica, Predigten, ausländische Werke usw. Es find ferner in ihr vertreten eine Unzahl von Zeitungsausschnitten, die sich auf die Geschichte der Juden Berlins beziehen, die stenographischen Berichte der Stadtverordnetenversammlung vom Jahre 1859 ab, die ein deutliches Bild über die Beteiligung der Juden am öffentlichen Leben darbieten, die stenographischen Berichte des Abgeordneten- und Herrenhauses, eine große Zahl von Zeitungen, zum Teil vollständig wie die „Allgemeine Zeitung des Judentums", bereits eingegangene Zeitschriften, das gesamte Material, welches sich auf die neuere antisemitische Bewegung bezieht usw. Die Bibliothek ist sorgsam katalogisiert und von ganz unschätzbarem Werte. Professor Kalischer fügt noch hinzu, daß der hochherzige Stifter an die Schenkung keine Bedingung geknüpft und nur gewünscht habe, daß die Sammlung würdig ausgestellt werde, seinen Namen führen solle und in demselben Geiste, in dem er sie bisher verwaltet, fortgeführt und ergänzt werde. Juftizrat Simon lenkt die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die bekannte Anregung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, in dem von ihr zu errichtenden Gebäude, das sich in der Nähe, der Neuen Synagoge befinden solle, die Gemeindebibliothek unterzubringen, die alsdann eine wertvolle Ergänzung der umfangreichen Bibliothek der Lehranstalt bilden würde, und spricht sein Bedauern aus,, daß der Gemeindevorstand bisher zu dieser Anregung noch keine Stellung genommen babe. Die weitere Besprechung dieser Angelegenheit wird alsdann in die geheime Sitzung verlegt. Es wird immerhin noch einige Zeit vergehen müssen, ehe die Gemeinde in den Besitz dieser wertvollen Schenkung gelangt, da bei dem hohen Wert der Sammlung die Einholung der landesherrlichen Genehmigung erforderlich ist. Zum Schluß der Sitzung folgen noch zwei Rechnungsabschlüsse. Dir heilige Schritt. '^n der deutschen Judenheit ist erfreulicherweise seit einiger Zeit ein eifriges Bestreben bemerkbar, die Kenntnis des Judentums in unserer Mitte zu fördern und zu befestigen. Wenn auch nicht immer auf einen befriedigenden Erfolg hingewiesen werden kann, so darf dies uns nicht entmutigen; auch soll darin kein Vorwurf gegen die Männer der Arbeit gefunden werden. Man hat zweifellos mit der Ungunst der Zeit und mit verschiedenen anderen Hindernissen zu kämpfen. Aber auf dem Boden der Geschichte geht kein Sandkörnchen verloren. Die ernste Arbeit unserer Zeit wird, wenn sie unermüdlich und unverzagt fortgesetzt werden sollte, dereinst doch zu einem gedeihlichen Ende führen. Was wir jedoch vor allem anstreben müssen, das'ist die Verbreitung der Kenntnis des Judentums in allen Volksschichten. Es ist dies gewiß ein großer Fehler früherer Jahrhunderte gewesen, daß wir so wenig für die Schaffung einer jüdischen Volksliteratur getan haben,. daß man das Judentum nicht genug popularisiert hat. Die Laienwelt, die Frauen und die reifere Jugend, hätten mehr Gelegenheit haben jnüssen, sich mit der jüdischen Geschichte und mit jüdischem Schrifttum vertraut zu machen. Aber damit nicht genug, müssen wir zu unserem größten Leidwesen feststellen, daß selbst die Kenntnis der heiligen Schrift bei uns nicht genügend gepstegt wird. Ja, es ist eine oft wahrgenommene Tatsache, daß die jüdische Jugend in der Kenntnis der Bibel hinter der christlichen Jugend steht. Man darf dies nicht als einen Fehler des jüdischen Religionsunterrichts bezeichnen,' denn eine innige Vertrautheit mit diesem einzigen Buche läßt sich nur durch fleißige Hauslektüre erreichen. Das Interesse für unser Buch, wie wir Juden mit berechtigtem Stolz sagen dürfen, ist in den letzten Jahren im Steigen begriffen. Nicht nur sein religiöser und ethischer Inhalt findet immer mehr die verdiente Anerkennung, die Bibel wird auch vom rein künstlerischen Standpunkt bewundert. Es wäre natürlich sehr zu wünschen, daß die jüdische Welt imstande wäre, die heilige Schrift in der Ursprache zu lesen. Viele Schönheiten dieses Buches lassen sich in keiner Uebersetzung, auch in der besten nicht, getreu übertragen. Aber wir dürfen uns nicht verhehlen, daß eine so weitgehende Kenntnis der hebräischen Sprache seit Jahrhunderten in der Judenheit nicht zu finden war. Ja, selbst zur Zeit des jüdischen Reiches, als die heilige Schrift im Volk das große Ansehen, das ihr zukommt, erhielt, mußte man bereits zu Uebersetzungen greifen, um im Volk die Kenntnis der Bibel zu erhalten. Das Buch der Bücher ist das erste Buch der Welt, das in eine fremde Sprache übersetzt wurde, und kein Buch der Weltliteratur ist in so viele Sprachen übersetzt worden wie die Bibel. Die Wahrheit erheischt es zu sagen, daß eine oberflächliche Erlernung der hebräischen Sprache, wie man sie im günstigsten Fall in den Religionsschulen erreichen kann, nicht, genügt, um die Bibel in allen Teilen mit Verständnis zu lesen. Man muß daher zu dem Auskunftsmittel einer guten Uebersetzung greifen, um durch diese die heilige Schrift zu einem wahren Volksbuch zu machen, das in keiner jüdischen Familie fehlen dürfte. Diese Forderung ist gewiß keine unbescheidene, wenn man bedenkt, daß alle Kulturvölker Bibelgesellschaften haben, die sich die Verbreitung derheiligen Schrift im Volke zur Aufgabe gemacht haben. Freilich können wir Juden nicht einfach die uns von nichtjüdischer Seite gebotene Gabe annehmen. Die heilige Schrift muß in den jüdischen Familieu so gelesen und verstanden werden, wie sie das Judentum stets verstanden hat, nämlich nicht als Vorhalle für das Neue Testament, sondern als ewiges unvergängliches Buch, in dem sich der schaffende Geist Israels in einem Zeitalter des glorreichen Schaffens offenbart hat. Die Bibel soll im Volke gelesen und verstanden werden. Das erfordert, daß sie ihm verständlich gemacht werde. Der Leser, der deshalb kein Theologe, .kein Altertumsforscher und kein Philologe zu sein braucht, muß in die Lektüre der heiligen Schrift eingeführt werden, damit er sich in der eigenartigen Welt zurecht findet, in die er beim Lesen der Bibel tritt. Wenn eine solche Arbeit vorhanden ist oder geschaffen wird, so ist es nicht Sache des Einzelnen, für die Verbreitung

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