Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 544 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228636-3228683--62166-3276028- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
544 geübt und das schöne Land auf die abschüssige Bahn gebracht. Die meist aus Zöllen bestehenden Einnahmen der Commonwealth -sind seit der Gründung derselben im Jahre 1901 von 12 105 878 Pfund Sterling aus 11 460 315 zurückgegangen. Hand in Hand mit dem Rückgang der Einnahmen geht ein relativer Rückgang der Bevölkerungsziffer. Zwar haben die sechs zu der Commonwealth vereinigten Staaten Ausstraliens in den letzten vier Jahren noch eine Vevölkerungszunahme von 223 000 Seelen 14,80 pro Mille auszuweisen. Allein abgesehen davon, daß selbst manche Länder im üb erfüllten Europa eine ffolche Bevölkernngszunahlue aufweisen können, wird Australien aller Voraussicht nach selbst diese Ziffer nicht lange behaupten können, da die Geburten im Lande seit einigen Jahren konsequent Zurückgehen. Ein weiteres Zeichen des Rückgangs Australiens ist die wachsende Auswanderung. Die eigentliche Vevölkerungszunahme für die letzten vier Jahre betrug nämlich nur 218 536. Es müßte also von dem erwähnten Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle in der Gesamthöhe von 223 000 Seelen, 4446 Personen ausgewandert sein. -Da auch trotz allen Absperrungen alljährlich einige tausend Emigranten ins Land dringen, so müßte die Emigration aus Australien noch weit größer sein, und zwar so groß, daß durch sie die Gesamteinwanderung zuzüglich 4446 Personen aus dem Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle wieder eliminiert werden. Man. sieht, auch Schutzzoll und Absperrungssystem bieten keine absolute Garantie gegen die Not im Lande, welche den sorgfältig geschützten Bürgern den Wänderstab in die Hand drückt. Welche Aussichten das größtenteils mit günstigen klimatischen Verhältnissen gesegnete und freiheitlich regierte Australien beim Wegfall aller hermetischen Abschließungen hätte, beweist das Beispiel Sibiriens. Dieses unglückliche, in Eis erstarrende, unter der russischen Knute schwer seufzende Land hatte schon im Jahre 1897 5:i/4 Millionen Einwohner und dürste gegenwärtig etwa 7 Millionen Menschen beherbergen, während das reiche Australien noch nicht einmal 4 Millionen Einwohner aufweist. Noch schlimmer wie im gesamten Australien sieht es in den einzelnen Ländern der Commonwealth aus. So hat Queensland auf einer Fläche, die zwölfmal so groß ist wie ganz Großbritannien, kaum 72 Millionen Menschen. Es ist also kein Wunder, daß das Land allmählich seine Absperrungspolitik aufgibt und nach tüchtigen Auswanderern Umschau zu halten beginnt. Selbstredend konnten den Vertretern Australiens die jüdischen Auswanderer nicht entgehen und sie sind bemüht, von dem großen aus Osteuropa über den Ozean nach Amerika sich wälzenden Emigrationsstrom ein kleines Büchlein nach Ausstralien abzulenken/ Wir haben schon berichtet, daß die Vertreter von Queensland in verschiedenen Unterredungen sich einer jüdischen Emigration nach diesem Lande sehr günstig gezeigt haben. Jetzt erklärt sich auch Westausstralien zur Aufnahme von jüdischen Emigranten gern bereit. In einer Unterredung, .die' ein . Vertreter der Londoner „Jewish Chronicle" mit Mr. Walther Jamer, Generalagent für Westaustralien, gehabt hatte, sagte letzterer: „Das Land ist wirklich, wert, daß die Inden mit ihm einen Versuch machen sollten. Jeder Einwanderer bekommt da 160 Acres erstklassigen Landes umsonst und kann weitere 840 Acres mit 10 Shilling pro Acre, zählbar in 20 Jahren, erwerben. Der Bildungsnachweis werde nur gegen Farbige angewandt, nicht aber gegen weiße Männer. In der Zeit vom 1. Januar bis 31. Juli. sind 430 Personen eingewandert, von denen kaum 10% englisch sprechen konnten. Zuerst müßten jüdische Ackerbauer einwandern/ worauf ihnen Handwerker und Kaufleute nach-, folgen könnten. .Das Nominierungssystem, wonach jeder Bürger in Australien eine Anzahl Personen namhaft machen. ka.M,. von denen er wünscht, daß sie auf Staatskosten, einwandern können, würde den ersten Emigranten die Möglichkeit - gehen,, ihre Angehörigen und Freunde Nachfolgen zu lassen." -. - ' / ..... Aus der Lerlmer Gemeinde. Berlin, 12. November. 3u dreistündiger Sitzung tagte die heutige, zahlreich besuchte Nepr äsen kanten Versammlung, um ihre stattliche aus 20 Punkten bestehende Tagesordnung zur Erledigung zu bringen. Vor Eintritt in die Tagesordnung regte Herr Willibald Löwenthnl an, zur Linderung der entsetzlichen Lage unserer russischen Glaubensbrüder beizutragen und an einem. Freitag abend in den Vorräumen sämtlicher Gemeindesynagogen Berlins Büchsen zu Geldsammlnngen aufzustellen. Herr Aron Hirsch hält diese Anregung für sehr dankensloert und verweist auf den Antrag, den er in Anbetracht der schauerlichen Vorgänge in Rußlandan den Gemeindeoorställd gerichtet hat (siehe die besondere Mitteilung weiter unten). Er hält es für nicht angängig, an einem Freitag abend die Sammlungen vorzunehmen, und hat deshalb vorgeschlagen, an einem der nächsten Sonntage besondere Trauergottesdienste abzuhalten. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Julius Jacobh, bedauert, daß. der Gemeindevorstand wegen des späten Eintreffens des Antrags Hirsch noch nicht in seiner letzten Sitzung dazu habe Stellung nehmenkönnen. Auf Antrag eines Mitgliedes tritt die Versammlung in eine sofortige Beratung dieser Anregungen ein und nimmt die Dringlichkeit des Antrages an. Herr Hirsch forinulierte seinen Antrag dahin, an einem der nächsten Sonntage Trauergottesdienste in sämtlichen Gemeindesynagogen Berlins für die. unglücklichen Opfer der russischen Judenverfolgungen mit anschließenden Büchsensammlungen zu veranstalten. Professor Vlaschte bittet, die Antwort des Gemeindevorstandes auf den Antrag Hirsch zunächst abzuwarten und dann erst sich für die Art und den Zeitpunkt der Sammlungen zu entscheiden. Auch Herr Weinberg empfiehlt, die Ausführung der Anregung dem Gemeindeoorstand zu überlassen. Er bittet auch, den Gemeindevorstand zu ersuchen, einen größeren Betrag zur Linderung der Not zur Verfügung zu stellen. Herr Louis Sachs regt an, den Antrag Hirsch in eine Resolution, die. ja denselben Zweck hätte, umzuwandeln und darin dem Gemeindevorstande zur Erwägung zu geben, Trauergottesdienste in der gewünschten Art abzuhalten. Herr Julius Jacobh gibt noch die unter allseitigem Beifall äufgenommene Erklärung ab, daß der Gemeindevorstand bereits im Prinzip beschlossen habe, einen ansehnlichen Beitrag zur Verfügung zu stellen, damit aber einige Zeit zu warten, um der privaten Beteiligung an den Sammlungen nicht vorzugreisen. Die Resolution wird dann einstimmig zum Beschluß erhoben. Die Versammlung tritt alsdann in die Beratung der Tagesordnung ein. Geschäftlich gibt der Vorsitzende das Eintreffen eines Dankschreibens des Verbandes der Deutschen Inden bekannt und teilt ferner mit, daß, nachdem die Gastpredigt des Herrn Rabbiners Dr. Berger aus Krotoschin zur Erledigung gelangt, ist, zu ferneren Gastpredigten die Herren Rabbiner Dr. Kaelter-Potsdani und Dr. Beermann- Jnsterburg eingeladen worden sind. Debattelos wird alsdann die Annahme der Zuwendungen der Schriftstellerin Ottilie Bach im Betrage von 1100 Mark und der Frau Jda Oberwarth im Betrage von 2000 Mark zum Zwecke der Grabeserhaltung angenommen. Eine längere Diskussion schloß sich darauf an den Antrag des Herrn Benas Levy, betreffend Maßregeln zur Verhütung vorzeitigen Verlassens der Synagogen. Der Referent, Professor Blaschke, weist auf die unverkennbare Störung hin, die in allen Synagogen Berlins durch das vorzeitige Verlassen des Gottesdienstes zur Beobachtung gelangt. Im Ausschuß III ist man der Meinung gewesen, daß sich sehr wohl Mittel und Wege finden lassen, um diese Störungen, auf ein Minimum heräbznsetzen, da eine vollständige Beseitigung dieses Ilebelstandes sich wohl niemals werde erzielen lassend Es wurde im Ausschüsse beschlossen, dem-Vorstände zur