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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · p. Seite 543

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 543 (sequence 3)
Language
German
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543 26000 ermordeten und 100 000 verwundeten Opfern der russischen Politik. Der materielle Schaden ist ein ungeheurer, der heute auch noch nicht annähernd abgeschätzt werden kann. Folgende Gemeinden sind durch Exzesse heimgesucht worden: Ananjew, Akermän, Bachmut, Briansk, Balta, Cherson, Gadiatsch, Genitschesk, Golta, Jaroslaw, Jekaterinoslaw, Jelisawetgrad, Juzowka, Kamienec, Kasan, Kiew, Kischinew, Klintzh, Koseletz, Krolewietz, Kursk, Mardarowka, Mariupol, Minsk, Nieschin, Nikopol, Nowozybko, Obuchowo, Odessa, Olwiopol, Orel, Razdielnaja, Rostow, Romny, Saratow, Smolensk, Simferopol, Solotnoscha, Surasch, Tiraspol, Tomsk, Theodosia, Uman, Wilna, Winnitza, Wiazma, Wilieki-Luki. Die Tatsache, daß diese Gemeinden heimgesucht worden sind, ist durch die russische Presse bekannt geworden. Das hiesige Komitee hat außerdem Telegramme erhalten von seinen Vertrauensmännern, denen zufolge auch in den Gemeinden Strascheni, Ungeny, Guntscheschth und Kalarasch in Bessarabien Judenausschreitungen stattgesunden haben. Kalarasch ist vollständig .eingeäschert. Leider ist auch dies Verzeichnis noch nicht vollständig. Daß unter diesen Umständen eine Massenflucht der Juden, namentlich aus Südrußland, stattfindet, ist sehr begreiflich. . Von einer Intervention der Mächte hat man bisher nichts gehört. Goluchowski und Roosevelt haben eine solche ausdrücklich abgelehnt. Er ist der Ansicht, daß zurzeit von der Regierung der Vereinigten Staaten kein Schritt unternommen werden könne, der von irgendwelchem Nutzen für die Juden in Rußland sein würde. Infolge eines Besuches von Oskar S. Strauß im Weißen Hause wurde jedoch von der Präsidentschaft eine Erklärung publiziert, welche besagt, daß der Präsident die größte Sympathie für die unglücklichen Opfer der russischen Judenverfolgung empfinde, daß jedoch die amerikanische Regierung nichts zunr Schutze der russischen Juden tun könne. Daß die Presse aller gebildeten Völker — mit Ausnahme selbstverständlich der antisemitischen und agrarischen — sich über diese Greuel mit tiefstem Abscheu ausspricht, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Die „Times" sagt: „Die Schlächtereien in Odessa übertreffen die vor Jahren von den Türken an den Armeniern begangenen Greuel". „Daily Telegraph" bemerkt: „Die Bluttaten in den russischen Städten stellen die Bartholomäusnacht und die Pariser Schreckensherrschaft in den Schatten." Das offizielle Eingeständnis der Regierung findet sich in einem Kommunique vom 9. d. M., in dem es heißt: „Die tragischen und beklagenswerten Ereignisse der letzten Woche in verschiedenen Orten des Reiches könnten als eine spontane Reaktion der konservativen Elemente der Bevölkerung gegen die vielleicht übertriebenen Kundgebungen der radikalen Elemente betrachtet werden. Andererseits könne unmöglich in Abrede gestellt werden, daß in manchen Fällen diese Reaktion durch Agenten der lokalen Verwaltungen begünstigt worden sei. Die jetzige Negierung sei weit entfernt, diese Tatsache zu ignorieren oder verhehlen zu wollen; wenn sie dies täte, so würde sie in der alten Richtung weitergehen, anstatt auf dem Wege des Fortschritts. Unter den Agenten in der Lokälverwaltung gebe es Feinde des neuen Systems, welche mit allen Mitteln der Verwirklichung der Reformen entgegenarbeiteten." Was ist nun angesichts dieser fürchterlichen Katastrophe unsere Aufgabe, die heilige Pflicht der Gesamtjudenheit? Zunächst muß der Appell an die Mildtätigkeit zur Linderung der augenblicklichen Not von großem Erfolg begleitet sein. Es gilt hier, entsetzliches unverschuldetes Elend zu lindern und durch rohe Gewalt um Hab und Gut Gebrachte vor dem Aeußersten zu bewahren. Auch das kleinste Scherflein ist willkommen — viele Wenig machen ein Viel. Aber alle bisher aufgebrachten Mittel müssen gegenüber der Tag für Tag wachsenden Not als unzureichend angesehen werden! Angesichts der jeder menschlichen Gesittung hohnsprechenden Greuel ergeht daher an alle Glaubensgenossen die dringende Bitte um. sofortige Hilfe. Wir müssen helfen! Wir dürfen nicht zurückstehen, wenn es gilt Unglückliche, Witwen und Waisen zu beschützen und ihnen mit allen Kräften hilfreich beizustehen. Aber ist damit unsere Pflicht getan? O nein! Geld kann kein Leben schützen und frommes Mitleid wird ruchlos, wenn es aus Angst sich feige versteckt. Nur eines ist notwendig, das solidarische Zusammenwirken, der Empörungsschrei des ganzen Judentums, welche sich der tiefen Verhöhnung und Schändung ihrer selbst erwehrt. Darum ergeht an alle noch nicht vor Trägheit und Stumpfheit herzlos gewordenen Juden der. Ruf, sich an einem umfassenden Rettungswerke zu beteiligen, das sofort von den maßgebenden Faktoren aller Länder in Angriff genommen werden muß, um überhaupt auch nur die geringste Wirkung zu erzielen. Denn wir fürchten sehr, daß wir noch viele wilde Volksausbrüche bald hier, bald dort erleben, viele Meutereien, Schießereien, Brandstiftungen, Judenhetzen, Plünderungen erleben werden, trotz der scheinbar augenblicklich herrschenden Ruhe, ehe das gänzlich zerrüttete Reich wieder ein normales Aussehen gewinnt. * Die Senatskommission zur Beratung des von der französischen Deputiertenkammer bekanntlich angenommenen Gesetzes über die Trennung der Kirche vom Staate hat mit zwölf gegen zwei Stimmen beschlossen, dem Senat die Enbloc- Annahme des Gesetzes vorzuschlagen. Der Senat wird höchstwahrscheinlich sich dem Antrag seiner Kommission anschließen und das Gesetz wird wohl am 1. Januar in Kraft treten. Unsere Leser wissen, in welchem hohen Grade dieses Gesetz die kleineren und jüdischen Gemeinden in Frankreich affiziert, da mehrere von ihnen nicht mehr in der Lage sein werden, ohne Hilfe des Staates ihre Rabbiner zu unterhalten. Man muß nämlich bedenken, daß infolge der Immigration aus dem Osten Europas viele jüdischen Gemeinden in Frankreich große Armenlasten zu tragen haben. So gibt es in Bordeaux 2000 Juden, von denen aber nur 100 Familien steuerfähig sind, während 500 Personen unterstützt werden müssen. Auch Nancy, ist ein Mittelpunkt der jüdischen Immigration geworden. Ein Drittel der dortigen Juden ist nicht fähig,' auch nur einen Centime Steuern zu zahlen. Die Juden denken nun einen großen Verein zu bilden, um die armen Gemeinden zu unterstützen. Sehr prekär wird sich auch die Lage der jüdischen Gemeinden in Algier gestalten, falls das Gesetz auch auf diese Kolonie Anwendung finden sollte, was freilich einstweilen noch fraglich ist. Außer den neun Rabbinern muß in Algier eine sehr große Anzahl Armer unterstützt werden, da die algerischen Juden zum größten Teil sehr arm sind. Alle diese Ausgaben konnten bisher durch die Erträge der Fleischsteüer, welche bis dahin von den Inden erhoben wurde, genügend bestritten werden. Was wird nun aus all den jüdischen Wohltätigkeitsinstitutionen werden, wenn nach Inkrafttreten dieses Gesetzes die Fleischsteuer wegfallen wird? Auch Australien, in welchem seit Jahrzehnten eine Arbeiterdemokratie herrscht, welche nach bekanntem Muster erst jede Zufuhr von Waren, dann aber auch die von Menschen systematisch ausschloß, beginnt allmählich sich von der törichten Politik der Absperrung loszusagen. Schutzzoll und Einwanderungsverbote haben nämlich ihre verderbliche Wirkung

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