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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-17 · Heft 46 (17.11.1905) · p. Seite 542

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 542 (sequence 2)
Language
German
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542 Sündenbock vorzugaukeln und es zur vollendeten Roheit zu erziehen, hat ihre Orgien gefeiert, hat vor aller Welt das Examen bestanden und das Zeugnis unglaublichster Unreife und niederträchtigster Brutalität erhalten. Rußland ist von der Welt gerichtet. Es folgt nun die göttliche Strafe. Gewiß, die 15 000 allein in Südrußland ge^- mordeten und 100 000 verstümmelten Juden werden furchtbar gerächt werden. Denn wir sind jung gewesen und sind alt geworden und haben "in unserer mehrtausendjährigen Geschichte noch immer gesehen, daß die Strafe niemals ausbleibt. Die Organisatoren der Masfakres haben Werte von ungezählten Millionen vernichtet, Geschäfte und Verbindungen lahm gelegt, die rührigsten Elemente ermordet, verstümmelt, arbeitsunfähig gemacht oder außer Landes gejagt, und so werden den Menschen die Mittel und die Wege fehlen, um der ohnehin einen großen Teil des Landes drohenden Hungersnot mit einiger Aussicht auf Erfolg entgegenzuwirken. Da bedarf es keiner Rache der Juden, da bedarf es kaum eines göttlichen Eingriffs, die von der Gottheit gewollte Natur der Dinge wird die Sühne herbeiführen. Und bei den Herren, von den Gouverveuren hinab bis zur Kanaille, mag Rußland sich bedanken für das, was die unausbleibliche Folge ihres Tuns ist und was nun folgen wird. Aber damit ist die Strafe für die Judenschlächtereien noch lange nicht erledigt. Rußland braucht Geld, viel Geld, sehr viel Geld. Es muß Schiffe bauen oder kaufen, seine Arsenale füllen, die Zinsen seiner ohnehin ungeheuren Schuldenlast tragen. Es hat kein Geld. Noch ehe die Revolution ausbrach, wollte es 1800 Millionen borgen und hätte sie nur bekommen gegen Gewährung einer Konstitution. Wer aber wird jetzt dem Lande borgen, in welchem Barbareien wie die in den letzten Wochen erlebten möglich sind? Das Land, das vor dem Kriege sozusagen vom. Schuldenmachen existierte und nur dem Scheine nach nicht bankerott war, hat seitdem sehr viele Milliarden an Werten im Kriege und in der Revolution verloren und auf gleiche Weise nicht wenige Milliarden an produzierenden Kräften. Welcher Jude würde, auch ohne ermordete Glaubensgenossen rächen zu wollen, elend und dumm genug sein, sein Geld einem überschuldeten, bankerotten, von barbarischen Instinkten sich leiten lassenden Räuber und Mörder herzugeben? Welcher Christ wird töricht genug sein, einem Lande Geld zu geben, das so, wie geschehen, mit Gut und Blut umgeht, obwohl es doch wahrlich Grund genug gehabt hätte, gerade jetzt Gut und Blut zu schonen? Diejenigen, die Geld zu geben imstande sind, wissen sehr wohl, mit welchen Hilfsmitteln der russische Kredit während des Krieges künstlich so schwer als möglich aufrecht erhalten worden ist. Diese Mittel können nicht mehr lange angewendet werden. Bald genug werden aller Welt die Kurse der russischen Papiere als Kurse a la Potemkin sich enthüllen, und dann wird kommen der Tag, wo, wie das Selbstherrscherum bereits gefallen ist, so auch der Kredit Rußlands fällt, stürzt und auf Jahrzehnte darniederliegt. Das wird nicht sein „der Juden Rache", wie es so oft heißt, aber es wird sein die Genugtuung der Weltgeschichte für die in 50 Städten aus obrigkeitlichen Befehl verfolgten und gemordeten Juden. Also ergeht es jedem in der Geschichte, der ähnliche Dinge vollführt. Dir Woche. Berlin, 14. November, m diesen Tagen der großen. He§ Interesse wendet sich ^^Katastrophe im Osten zu — und die kleinlichen Parteiinteressen verschwinden demgegenüber wie Schatten. So ist auch die Reichstagswahl in Eisenach, bei der ein Antisemit, der Vorsitzende des Deutschnationalen Handlungsgehilfenvereins. Herr Schack, gegen den Sozialdemokraten auftritt, im ganzen bedeutungslos. Das Interessante dabei - ist nur die Frage, welche Partei dem Antisemiten in den Sattel helfen wird. Aehnlich so wie jetzt in Eisenach lagen im Juni 1903 die Dinge in dem benachbarten Wahlkreise Schmalkalden-Eschwege. Dort aber, wurde in der Stichwahl nicht der Sozialdemokrat Hugo, sondern der Antisemit Raab gewählt, und zwar nur durch die Hilfe der Fortschrittspartei. Es ist deshalb durchaus nicht als selbstverständlich anzunehmen, wie dies die „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus" annehmen, „daß unsere Freunde im Wahlkreise alles ausbieten werden, um den Antisemiten zu Falle zu bringen." Die Nationalliberalen haben sogar schon mit einer für ihre Verhältnisse anerkennenswerten Offenheit erklärt, daß sie den sittlichen Abscheu überwinden und Mann für Mann den verhaßten Antisemiten wählen werden. Die fortschrittlichen Parteien aber haben bisher gar keine Parole ausgegeben. Und doch hat man bereits ausgerechnet, daß ohne ihre Hilfe der Antisemit überhaupt nicht siegen kann. Dagegen hat die Berliner Bewegung, in der Mittelstandsvereinigung, Bürgerpartei und Antisemiten brüderlich zusammenhausen und die seit Jahren einen Sturm auf das „Rote Haus" in Berlin unternehmen will, bei den Stadtverordnetenwahlen eine eklatante Niederlage erlitten. Nicht einen Kandidaten hat sie trotz aller Agitation und Wühlarbeit durchgebracht. Dagegen hat sich in sämtlichen Bezirken ihre Stimmenzahl gegen die vorige Wahl erheblich verringert. Der Sturm auf das Rote Haus ist also wieder einmal abgeschlagen. Das war eine fürchterliche Woche für die russischen Juden. Noch ist es nicht an der Zeit, eine Chronik der Greuel zu geben, die in der abgelaufenen Woche im ganzen Zarenreiche stattgefunden haben. Auch würden wir bei der Aufzählung der einzelnen Judenverfolgungen nur den Tagesblättern nachhinken, die über alles ausführlich berichtet und die Ausrufe des Hilfsvereins der. deutschen Juden und der Alliance Israelite universelle, sowie auch die ansehnlichen Spender» listen bereits veröffentlicht haben. Die ganze Geschichte dieser fürchterlichen Judenverfolgung muß noch geschrieben werden. Die einzelnen Fakta stehen ja fest: die Reaktion, unterstützt von Polizei und Militär, hat von Petersburg diese Judenhetzen inszeniert. Das „Schwarze Hundert" hat dabei die Henkersrolle gespielt. Die Regierung-, die Vertreter der Semstwopartei, des Ausschusses aller Verbände, sogar der von Pobjedonoszew befreite heilige Synod haben dagegen protestiert und zur Duldung und Schonung vergeblich gemahnt. Die Schuld der Behörden ist so groß, daß einzelne Gouverneure und Polizeimeifter bereits abgesetzt, andere unter Anklage gestellt sind. Graf Witte und der Justizminister Manuchin erklärten wiederholt, die Staatsanwaltschaft werde überall alles daran setzen, um die wirklich Schuldigen zu ermitteln. Aehnliche Versprechungen hat man übrigens in solchen Fällen immer mit größter Bereitwilligkeit abgegeben, aber nie erfüllt. Die Zahl der getöteten und lebensgefährlich verwundeten Juden ist noch nicht festgestellt? Man spricht von

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