Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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69. .Jahrgang;. No. 46. Berlin, 17. November 1905. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint w ö ch e n tl i ch. Ab onnemen ts.p reis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. ntbatteur: (ßtiftav Rarpele». Begründet von Rabbiner D»- Ludwig Philipps«,» VerlsßL-LxpsMoll: verlw, lerosslümersb. 46 49. Alle Zusendungen für Redaktion Und Expedition stnd^ an die Adresse : Verlag der „Allgem- Zeitung des Judentums-,' Berlin SW., Jerusalemer Straße »6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Rkosse, Berlin. Dir rullilche Kstgltrophr. Berlin, 14. November, ine fürchterliche Katastrophe ist über die Juden im Zarenreiche hereingebrochen. Man hatte auch bei diesem entsetzlichen'Massakre die Juden in Rußland beschuldigt, daß sie die revolutionäre Bewegung, die das ganze Riesenreich ergriffen und' in seinen Grundfesten erschüttert hat, verschuldet hätten. Das war eine Lüge, ersonnen nach dem Satze: „Die Juden haben an allein schuld", um einen bequemen Sündenbock zu haben und weiter „nitschewo" sagen zu können und nichts zu tun zu brauchen. Tenn in Wirklichkeit konnten selbst die verblendetsten und verblödetsten russischen Politiker nicht glauben, daß die gedrückten und geknechteten, auf gewisse Bezirke beschrankten Juden, von denen neun Zehntel am Abend nicht wissen, wovon sie am anderen Tage leben werden, die Macht haben, einen Brand zu entzünden, wie ihn in dieser ungeheuren Ausdehnung die Welt noch nicht erlebt hat. Wer hat den Brand in die Gegenden getragen, in welchen Juden gar nicht wohnen, in die Kreise, in die Juden nur in ganz vereinzelten Exemplaren kommen? In Finland, wo die Revolution am erfolgreichsten war, haben Juden gar nichts zu sagen. Es war doch wohl Dank der weltberüchtigten russischen Willkürherrschaft, der Korruption, der empörenden Ungerechtigkeit, des allgemeinen Drucks, der phänomenalen Mißerfolge zu Wasser und zu Lande, Zündstoff und Spannung genugvorhanden, um eine Explosion auch ohne jede jüdische Mitwirkung herbeizusühren. Hätten die Juden nicht bloß Rußlands, sondern der ganzen Welt die Macht, ein solches Flammenmeer zu erzeugen, wie es sich jetzt über Rußland von Finland im Norden bis zum Kaukasus im Süden ergossen hat, hätten sie die Gewalt so, wie geschehen, den russischen Koloß/me hr noch als es durch Japan, geschehen ist, zu Falle zu bringen, die Juden wären : die erste Weltmacht und brauchten sich nicht die Behandlung gefallen zu lassen, die sich selbst ein Rumänien ihnen gegenüber , herausnimmt. > .Nein,-eine solche Macht besitzt Israel nicht. Auch erstrebt es sie nicht. Israels Mission geht nicht dahin, die Völker der Erde'zu beherrschen, sondern nach seinen Kräften und nach Möglichkeit dahin zu wirken, daßvertierte Menschen, wie man sie eben in Rußland zu Hunderttausenden ihr schaudervolles, blutiges Werk hat verrichten sehen) nur noch als abschreckende Beispiele in der Erinnerung der Menschheit leben. > Daß die Juden an der revolutionären Bewegung wie die Hand- und Kopfarbeiter) wie Apotheker, Aerzte, Anwälte, Töchter der Edelsten des Landes, Gelehrte,; Schriftsteller, Dichter, Offiziere, Adlige bis hinaus zu den Fürsten teilgenommen -haben, vielleicht in verhältnismäßig größerer Anzahl, das wird schon wahr sein, und das ist auch nur natürlich. Denn wer von allen Klassen, Rassen und Völkerschaften Rußlands war in der Weise gedrückt wie die Judenschaft mit Ausnahme vielleicht einiger Reichen, die sich Schutz erkaufen konnten? Daß die Juden wie Finnen, Polen, Armenier und' andere mehr mit Hand angelegt haben,, als es galt, die Fesseln unerhörter Tyrannei zu sprengen, gereich ihnen nur zur Ehre; ihre Nichtbeteiligung hätte ihnen zu ewiger Schmach und Schande gereicht und wäre ein berechtigter Grund gewesen, sie von den Erfolgen der Revolution für immer auszuschließen. Als die großen und kleinen Tyrannen sahen, daß es aus ist mit ihrer früheren Herrschaft, daß sie nicht mehr die. Juden wie bisher würden quälen und schröpfen können, wandte sich ihre Wut gegen sie, gegen die ja auch am leichtesten der Pöbel mobil gemacht werden konnte. Was man früher geahnt, angenommen, behauptet, wohl auch ab und zu durch Indizien \ bewiesen hatte, jetzt liegt es vor aller Welt klar zu Tage! Die Behörden, die Polizei, das Militär haben nicht nur geduldet, daß wehrlose Juden zu Hunderten und zu Tausenden in Dutzenden von Städten gemordet und mißhandelt wurdensie haben den Pöbel direkt organisiert, und damit er seine Arbeit ja gründlich verrichte, in zahlreichen Orten verkleidete/ Polizisten an den Plünderungen, Brandstiftungen, Vergewaltigungen und Menschenschlächtereien teilnehmen lassen. Jetzt hilft kein Leugnen und Vertuschen mehr; man hat unter den Toten und Verwundeten verkleidete und bewaffnete Polizisten gefunden. Und Witte selbst hat ja in einem Telegramm an Jakob Schiff und in einem offiziellen Kommunique diese schimpfliche Beteiligung der Lokalbehörden entrüstet ein- - gestanden. .. Sollen wir erzählen, was Schreckliches geschehen? Das : ^telse: infandam renovare dolorem. So weit es in der Welt zivilisierte Menschen gibt, weiß, es heute jeder, daß!alle Schrecken,; welche die Welt, je erlebt hat,; in den letzten Wochen von der von den größten Kanaillen gehetzten und bezahlten Kanaille in Rußland tief in den Schatten gestellt worden sind. Die Greuel der Bartholomäusnacht, der französischen Revolution, der armenischen Massakres in Konstantinopel sind fast übertroffen von der griechisch-katholischen Christenheit, die der russische. Torquemada, der nunmehr endlich gestürzte Pobjedonoszew, ein Vierteljahrhnodext hindurch fanatisiert, und russische Machthaber systematisch! aus Judenmassakres abgerichtet haben. Die russische Politik) die es als ihre Ausgabe, betrachtet hatdie.Macht , der Finsternis im Lande 'zu erhalten, dem Volke--rtz.ln.bwL‘