Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 540 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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N- 640 Vierte Szene. Mar anno (kniet): Gnade ... Papst: Steh auf. — Ich ... Du kommst direkt ans Worms? Maranno (steht auf): Jahraus, jahrein bin ich unterwegs halte überall nur so lange Rast, bis ich ihn wieder nicht gefunden habe ... Ihn — meinen Jungen, den man mir vor. einem Menschenalter weggelockt hat. Papst: Man. Wer? Maranno: Wenn ich das wüßte! Christen natürlich. Kein Jud' tut das. Papst: Das sagst Du mir? Dem Vater der Christen? Maranno: Darf ich nicht? Kaunas nicht verirrte Schafe geben in der großen Herde? Papst: Aus welchem Grunde sollte Dir ein Christ Deinen Sohn geraubt haben? Warst Du so reich? Konnte man Dir ein Lösegeld entlocken? Maranno: Er selber war Reichtum. Klug wie der Tag, schön, von guten Sitten, ein Herz! Der ihn mir nahm, ist reich geworden, der brauchte kein Lösegeld. Papst: Mit dreizehn Jahren hat man Verstand . . . Maranno (hebt den Kopf): Hab' ich erzählt, daß er dreizehn Jahr alt war? Papst: Der Kardinal hat es gesagt ... Maranno: So . . . Papst: Hat Dein Sohn nie von sich hören lassen? Maranno: Nie. Papst (für sich): Er ist es nicht. Maranno: Der ihn mir nahm, wird er ihn nicht bewacht haben? Wird er ihm haben Botschaften schicken lassen? Papst: Währ. — Und wie willst Du Deinen Sohn finden? Ein Sandkorn in der Düne, ein Tropfen im Meer. Maranno: Das sagt mein Verstand mir auch. Mein Herz, mein Blut sagen anders. Papst: Du weißt, was Deiner hier wartet? Maranno: Gefängnis, Tod — mein Schicksal. Oder mein Sohn. Papst: Erkläre Dich. Maranno: So lange Atem in mir ist, werd' ich ihn suchen. Aber hier weisen mich Fußspuren her. Papst: Nach fünfunddreißig Jahren? Maranno: (Unruhig.) Hat der Kardinal gesagt, daß es fünsunddreißig Jahre her sind? , Papst: Jst's nicht so lange? Maranno: - Fünfunddreißig'Jahre, die ich dem einen Zweck gelebt. Mönche haben mir ihn geraubt. Im Kloster hat er sich ausgezeichnet. Denn klug war er, klug . . . Klug in der Thora, klug im Leben, klug im Spiel. Schach hat der Junge gespielt ... Papst: So ... Mit Dir? Maranno: Mit wem denn? Papst: Du spielst gut Schach? Maranno: Früher. Mit ihm Hab' ich's oft gespielt, mit meinem Jungen. Dem Hab' ich's beigebracht, bis er besser gespielt hat als ich. Mit den andern Hab' ich immer gewonnen, immer. Mit ihm Hab'ich verloren. Er war klüger als ich. Er war zu Großem geboren. Papst: Möchtest Du nicht mit mir eine Partie wagen? Maranno: Im Schach nehm' ich's sogar mit Seiner Heiligkeit auf. Papst: (Klingelt, Sekretär kommt.) Das Schachbretts (Es wird gebracht. Der Papst winkt dem Sekretär, sich zu entfernen. Maranno stellt die Figuren auf.) Maranno: Soll ich einen Turm vorgeben? der Papst:' Dann verlierst Du gewiß. Maranno: Ich verlier' nicht. Papst: Behalt' den Turm. (Sie spielen, die Felder leeren sich auf beiden Seiten bis aus König, Dame und Springer.) Maranno: (Erregt, von Zeit zu Zeit den Papst von der Seite anstarrend.) Was ist das? . . Wieder . . . Schach Dame-, ab Springer. — Papst: König . . . Und matt — Maranno: (Springt aus.) Wer . . . (Erhebt zum ersten Mal den Kopf und sieht dem Papst voll ins Gesicht.) Was für Phantasien! Achtundvierzig? . . . Gott! — Wenn ich nicht dächte . . . Und dies Antlitz ... Papst: Gibst Du das Spiel verloren? Maranno: Der Zug da, der letzte . . . den hat mein Junge von mir gelernt. Kein Meister des Schachs weiß den — nur ich und mein Junge . . . Ach, mein Jungest Schicken Sie mich in den Kerker oder ins Irrenhaus — ich phantasiere ... Aber ich könnte mir einbilden ... Papst: (Nimmt seine Hand und küßt sie.) Was mir schon Gewißheit ist. Vater! Maranno: Ich phantasiere nicht? Gebenedeit seist Du, Ewiger! Laß Dich segnen! Laß Dich küssen! Mein Junge! Mein arnrer Junge! Papst: Vater! (Lächelnd.) Armer Junge? Maranno: Christ! Papst! Ach, wärst Du in ärmsten kleinsten Gemeinde Rabbi! Papst: Lieber Vater! — Hm! Wie rett ich Dich? rnand darf wissen ... Maranno: Daß Du mein Sohn bist? Papst: (Bringt eine Schatulle.) Hier nimm! (Stopft Wertscheine und Geld in die Taschen.) Nimm und rette Dich! Maranno: Gefunden und verloren.! Mein Sohn ein Christ? Aber ich hätte es wissen sollen . . . Papst: (Klingelt. Der Sekretär tritt ein.) Seine Eminenz! (Sekretär verneigt sich. Ab.) Maranno: Was tust Du? Papst: Du kommst aus einem Traumland, Vater! Kann ich zurück.? Kann ich es auch nur wollen? Bin ich der, der ich war? 5. Szene. Kardinal. Vorige. Papst: Eminenz, Sie sind mein Feind. Würden Sie mir einen Freundesdienst leisten? Kardinal: Ich war es im Konklave. Seitdem — mein Leben für Seine Heiligkeit! Papst: So retten Sie diesen! (Vor Maranno knieend, ihm die Hände küssend.) Segne mich, Vater! Kardinal: Vater! Der Gesuchte — sind . Maranno: Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse sein Antlitz leuchten über Dir und sei Dir gnädig. (Seine Stimme erstirbt in einem Gemurmel. Der Kardinal führt ihn ehrfurchtsvoll ab. Der Papst bedeckt sein Gesicht mit den Händen.) Nieihm Litrrsrilchr Mitteilungen. — Zu dem Aussatz in Nummer 34 „Kaiser. Titus und der jüdische Krieg" wird uns mitgeteilt, daß die dort besprochene Arbeit von Bruno Wolff-Beckh inzwischen auch in Buchform bei Friedrich) S. G. Wolff-Beckh in Berlin-Steglitz erschienen ist. Das Buch ist dem Sultan zugeeignet und gut ausgestattet. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für.die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.