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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-10 · Heft 45 (10.11.1905) · p. Seite 539

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 539 (sequence 11)
Language
German
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539 W sächlich darin wurzeln, daß wir, wie ich so schön sagen hörte, von neuem mit unseren gereisten Anschauungen Farbe bekennen und uns mit Leib und Seele unserem Glauben anschließen, dem wir bis dahin doch nur durch den Zufall der Geburt angehört haben, daß wir den positiven Willen haben, uns zum Judentums zu bekennen, eine „Milahs-halew", eine „Beschneidung des Herzens" eingehen, eine Opferwilligkeit vollauf zu zeigen! Dann wird uns erst der Blick dafür anfgehen, was wir noch für gewaltige Aufgaben zu erledigen haben werden. — Wir müssen zunächst den richtigen bürgerlichen Ausgleich zu erlangen und zu festigen suchen. Sodann müssen wir. die im Joche absoluter Länder despotisch regierten oder richtiger mißhandelten Juden zu halten, zu retten und vor leiblichem und geistigem Verfall zu schützen suchen. Deswegen muß das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Israeliten gefördert und rege unterhalten werden, ohne dabei den Patriotismus aufzugeben; ja, wir müssen in gewisser Hinsicht doppelt patriotisch lebeneinmal als Staatsbürger und dann als am Staatswohl besonders interessierte Juden. Denn je mehr wir den Kommunen, den Reichen und überhaupt der Welt positiv nützen, desto mehr nützen wir uns und unserer Sache und schaffen uns und unserem Glauben Ehre, Anerkennung, Freundschaft und Sympathie. (Fortsetzung folgt.) SSggggSF Lein Lohn. Von Klara Steinitz. Personen: Papst, Kardinal, Anselm Maranno, Sekretär, Diener. Ort: Vatikan. — Zeit: 13. Jahrhundert. Erste Szene. . (Arbeitszimmer des Papstes. Papst. Kardinal.) Papst: Mit einem Wort, eine neue Verfolgung. Wein zuliebe? Kardinal: Eine Ablenkung der Hungernden, denen wir kein Brot geben können. Circenses — wenn denn nicht panem. Papst: Alle Juden, die Rom besuchen? Kardinal: Welche Ausnahme sollten wir machen? Papst: Sie haben Recht. Nicht einmal Christus . . . K ardinal: . . .? Papst: Der doch selber Jude war. Und noch dazu ein frommer Jude. Heute würden wir ihn ins Ghetto sperren und ihm einen gelben Achselstreifen aufheften. Wir, das Volk der Liebe. Kardinal: Wir rächen seinenKrenzigungstod an denen, durch die er ihn erlitten. Papst: Wir sind allein. Wozu also wirtschaftlichen und politischen Maßnahmen ein religiöses Mäntelchen umhängen? Kardinal: Seine Heiligkeit halten das gottverdammte Volk der Juden nicht für die Mörder unseres Heilands? Papst: Sein Tod lag im Erlösungsplan. Freiwillig hat ihn der Herr auf sich geladen. Durch alle Menschenpein, auch die des Todes, hat er sich seine Gottherrlichkeit zurückerrungen. Ohne den Tod am Kreuz war er ein Prophet, ein Weltweiser, der herrlichste Mensch, der je gelebt. Mit ihm ist er ein Gott. Kardinal: — — Was beschließen also Seine Heiligkeit? Papst: Ich mache es wie Pontius Pilatus. Ich wasche meine Hände in Unschuld — das heißt, ich lasse mich überstimmen. Kardinal: Sodaß alle zureisenden Juden in den Kerker geworfen werden dürfen? , Papst: Nun, Eminenz, da hätten wir den Wolf im Schafskleid. — Dürfen? Wessen Lust wird durch diese Erlaubnis gebüßt? Kardinal: Ich leugne nicht, daß ich die Juden hasse bis aufs Blut. Papst: Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger. 1. Joh. 3, 15. — Schon gut Eminenz, Politik, nicht Religion. Diesmal sind wir's, die den Pharisäern nachgeben. — Also die Liste. Kardinal: Hier ist sie. Papst: (Im Durchsetzen) Aus allen Richtungen der Windrose. Frankreich, Holland, Flandern, Spanien — Rußland.. . Deutschland . . . Worms. Wie lautet der Name? Kardinal: Anselm Maranno. Papst: Worms . . . Anselm Maranno ... Schon im Kerker? Kardinal: Vorläufig in Hast. Papst: Und was schlagen meine Kardinäle vor, daß mit den Eingekerkerten geschieht? Kardinal: Nichts Schlimmes. Gebrandmarkt sollen sie werden und ans der Stadt getrieben. Was haben sie auch im ewigen Rom zu suchen? Papst: Ja. Hm, ja . . . Was z. B. mag dieser Deutsche da vom Rhein — sagen Sie mir seinen Namen noch einmal — Kardinal: Anselm Maranno. Papst: Ein undeutscher Name. — Was mag dieser Anselm Maranno — Anselm Maranno- Kardinal: Sr. Heiligkeit gefällt der Name? Papst: Der Mann, der Mann gefällt mir, der aus dem fernen Deutschland herwandert und jede Beschwerde mißachtet, Rom zu erreichen. Ist es ein junger Mann? Kardinal: Ein Alter mit weißem, wallenden Bart. Ein Apostelkopf — und Augen . . . Augen, die mich beinah meinem Judenhaß abtrünnig machen könnten. Papst: Ich muß ihn sehen. Was hat er wohl im ew'gen Rom zu suchen? Kardinal: Das hat er mir im Verhör gesagt. Seinen Sohn sucht er hier. Papst: Seinen Sohn? Kard inal: Als dreizehnjähriger Junge ist er ihm geraubt worden. Eine Geschichte, die ihr halb Jahrhundert alt sein kann. Und so lange wandert er. Papst: So lange nicht ... Kardinal: Seine Heiligkeit kennen den Mann? Papst: Mir ist, als habe ich von ihm gehört. Kann ich ihn bald sehen? Ein Deutscher, der vom Rhein zum Tiber wandert, das ist schon der Mühe wert. Kardinal: In zehn Minuten kann er hier sein. (Ab.) Zweite Szene. Papst: Ob er es ist? Alles scheint zu stimmen. Und wenn er's wäre, würd> ich ihn erkennen? Fünfunddreißig Jahre voll Leiden, Armut, Beschwerden der Wanderschaft. — Anselm Maranno aus Worms. Er muß es sein. Minuten, und ich werd* ihn sehn. Dritte Szene. Kardinal (mit Maranno): Der Jude Maranno. Papst: Laßt uns allein — (Kardinal ab.)

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