Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 538 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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538 lichen Aenderungen, fertigzustellende Entwurf Gesetz wird, so bedeutet dies eine große Errungenschaft nicht nur für die Rabbiner, sondern für das Judentum in Preußen. Denn durch die von den Gemeinden zu bringenden Opfer werden die Laienbehörden wahrlich nicht herabgedrückt, dadurch wird das Selbstbestimmungsrecht der Einzelgemeinden, die ungezügelte Selbständigkeit der Teile, wie Herr Professor Rosin sich ausdrückt, nur insoweit eingeschränkt, als es das Interesse der Religion und die Wohlfahrt der Gesamtheit erheischt, und was den Einzelgemeinden an Machtbefugnis entzogen wird, das wird den freigewählten jüdischen Provinzial- und Landesbehörden voll eingeräumt. Dabei kann das Gesamtjudentum, seine Kraft im Innern, seine Geltung nach außen, nur gewinnen. Kulturarbeit im Judentum. Von Dr. I. Lewh-Danzig. III. enn ich auf den starken religiösen Jndifferentismus des einen Teils, aus den reformbedürftigen Schematismus des andern Teils und auf die dazwischen gähnende, schier unüberbrückbare Kluft Hinweise, glaube ich auch die Zerfahrenheit im jüdischen Lager genügend gekennzeichnet zu haben. Was haben wir nun als Juden zu tun, um durch positive Tätigkeit und nicht allein wie bisher durch den negativen Anlaß des Antisemitismus unsere Position zu halten und zu verbessern? Ich möchte zunächst die religiöse Seite unserer .Aufgaben darlegen und meine Auffassung über unsere jüdische Religionsstellung präzisieren. Begreiflicherweise kann und will ich an dieser Stelle nicht allzusehr auf die religiöse Seite der kulturellen Arbeit, d. h. auf die Resormbewegung, eingehen, .Ich möchte zunächst die dem Judentum anderen Religionen gegenüber zukonrmende Stellung etwas skizzieren. Dem philosophischen Gedanken der Einheit in der Schöpfung und Vorsehung ist zweifellos das Judentum am allernächsten. Die Quintessenz unserer Religion „höre Israel, Gott unser Gott ist einzig!" ist durch Jahrtausende in Fleisch und Blut ihrer Bekenner übergegangen. Wir haben keine übernatürlichen Heiligen und Propheten, die stellvertretend quasi Gottesverehrung genießen, wir haben keine - derartige Wunder" gläubigkeit und Amulett- und Reliquienverehrung — zugegeben dabei die relativ geringfügigen chassidäischen Verirrungen — auch keine derartigen Priesterkasten seit dem Aufhören des Tempeldienstes als Vermittler zwischen uns und Gott wie bei den anderen Majoritätsretigionen. Unser Verhältnis zu der Allmacht ist ein mehr geistiges als phantastisch ausgeschmücktes persönliches Band. Und unser Widerstand gegen solche Entstellungen der reinen Gottesidee ging und geht bis zur Todesverachtung. Daß wir aber ganz frei von abergläubischen Entlehnungen sind, wird keiner behaupten, der die Kabbalah, die Chassidim, die Wunderrabbis und ihren Einfluß kennt. Ja bei uns, in unserem Gottesdienste sind derartige Keime nicht ganz ausgemerzt. Vielen erscheint der Satan und die Erzengel nicht als poetisches Bild, sondern als leibhafte Wesen zwischen Gott und Menschen! Viele benutzen sinnlose Amuletts und Zettel in den Wochenstuben, z. B. Lilith. Wie viele abergläubische Gebräuche, Zu- und Untaten herrschen nicht bei der Milah! Da ist eine gründliche Auskehr notwendig, was ja bei uns glücklicherweise nicht so schwer ist, weil dieser mystische Apparat bei mns nicht zum Dogmeninhalt gehört. Dieser glückliche Vorteil wird aber wiederaufgehoben durch ein Uebermaß von Zeremonien, Satzungen und Anschauungen, die wir um unser Wesen wie chinesische Mauern gezogen haben, wodurch den Glaubensgenossen ein schweres Joch auserlegt wird, das sie allerdings in der großen Mehrheit freudig tragen. Ja es ist nicht zum wenigsten dieses Zeremoniell, das sich in allen Einzelheiten bis in Tracht und Kleidung kundgibt, und das so. sehr mit der Lebensweise unserer Umgebung kontrastiert, was das gesellschaftliche Vermischen und Zusammenleben mit der anderen Welt so sehr erschwert und den religiösen Haß gegen uns und die Verachtung gegen uns schürte. Zum Glück sind aber zeremonielle Fesseln leichter abzustreifen als dogmatische, und ihre Abstreifung ruft lange nicht die Empörung hervor, wie der ketzerische Abfall von dogmatischen Lehren der Religion, wenigstens jetzt in der modernen Zeit nicht. Ja, es herrscht, sogar eine gewisse Toleranz, ein gegenseitiges Augenzudrücken gegenüber den gegenseitigen Richtungen und Gewohnheiten bei uns mehr als bei anderen Religionen. Es ist ein namhafter deutscher Rabbiner der orthodoxesten Richtung, der anläßlich einer wissenschaftlichen Debatte erklärte, das Judentum ist ein „Gummibegriff", das heißt dehnbar, und ferner jeder Jude trägt seinen Schulchan aruch bei sich, wie der französische Soldat seinen Marschallstab. Beherbergt ja auch der Zionismus die denkbarst verschiedenen Richtungen, den frömmelnden Chassid neben dem ausgesprochenen Atheisten, bei den zionistischen Kongressen. Vielleicht, weil wir alle Leidensgenossen sind und wichtigeres zu verlieren haben uns zu verteidigen als Formen und Formeln, nämlich den Glauben und die Existenz. Nützen wir aber diesen verhältnismäßig günstigen Umstand aus zu einem leidlichen Reformwerke. Freilich erschwert wiederum der Mangel einer autoritativen Körperschaft diese Reformen. Wir haben keinen Papst, keine Konsistorien, keine Synode, kein Sanhedrium wie früher, keine mit Autorität bekleidete Person wie Rabbi Gerschom, der vor einem Jahrtausend die Ehe reformierte, die Vielweiberei verbot. Wer sollte heute die Ehaliza (Schwagereheverpflichtung) abschaffen, um nur ein Beispiel überlebter und überaus lästiger, alter „Gesetze" herauszugreifen! — Solche Körperschaften und autoritative Stellen müssen aber gebildet werden, das ist die erste Vorbedingung zu jeder allgemein anzuerkennenden und nur so wirksamen Aenderung. So wie es jetzt ist, daß fast jede Synagogengemeinde ihre eigenen gottesdienstlichen Gebräuche hat, geht es doch nicht weiter; das ist nicht Reform, das ist Zerklüftung! Ja, selbst innerhalb der Gemeinden zeigen sich in Sektenbildung, in allen möglichen Formen der Gotteskulte in „Schulen", Klausen, Tempeln, Beth-hamidrasch-„Stuben", Minjonim die gleichen Arten der Willkür und Phantasie. — Im Judentums ist bis zum Erlöschen der jüdischen Lehrschulen mit ihren Vorstehern fürstlichen Ranges (Resch Galutha) vor tausend Jahren immer das Gesetz nach dem Zeitbedürfnis ausgelegt und modernisiert worden. Soll nunmehr die seitherige Erstarrung, die ihr Hauptdokument in dem berühmten Schulchan aruch hat, für ewig weiter bestehen? — Das wird selbst der sogenannte orthodoxe Jude nicht behaupten. Und wie vieles ist reform- oder veredlungsbedürftig von der Tracht, der Lebensweise bis in die Gebete, die Feste, den Gottesdienst hinein! Warum wurde der so verpönte Satz: „Chukaß Hagojim" nicht im alten Vaterlande, in Palästina angewandt? Geopfert wurde z. B. doch lange vor dem israelitischen Gottesdienst von allen anderen Völkern auch! Haben darum unsere Priester nicht geopfert? Man vergleiche damit den Standpunkt in bezug aus die Orgel heutzutage! Unsere Aufgaben müssen ferner Haupt-