Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 537 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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das Gesetz kommen soll. Darum braucht auch Herr Makower nicht zu fürchten, daß die liberalen Bestrebungen der Juden von nichtjüdischer Seite gehemmt werden Wnntem Die Seiten sind vorbei, in denen der Staat sich die Befugnis anmaßte, in die inneren religiösen Angelegenheiten der Juden einzugreifen, und in dem von uns unterbreiteten Gesetzentwürfe foll ihm wahrlich keine Handhabe zu folcher Einmischung geboten werden. Durch das dem Rabbiner für gewisse Fälle einzuräumende Recht der Berufung an die Synoden wird diesem ja in ausreichender Weise Schutz gewährt. Und mehr verlangt der in Rede stehende Entwurf, mehr verlangen die Rabbiner, namentlich die freisinnigen Rabbiner, nicht, und es gibt deren Gott sei Dank heute noch eine erkleckliche Anzahl, und nichts berechtigt Herrn Makower, sie als seltene Ausnahmen zu bezeichnen. Auch im vorigen Jahrhundert war ihre Zahl nicht gar so klein. Neben Männern, die in Berlin amtierten, wie Aub, und Geiger-Sachs, den Herr Makower ausführt, ist wohl schwerlich zu den Reformatoren zu rechnen, sind namentlich Philippson, Wechsler, Leopold. Stein, Adler, Goldschmidt, Herzfeld, Wiener, Jellinek als hervorragende und eifrige Vertreter und Verfechter liberaler Ideen zu nennen, und wenn eine Zeitlang der liberale Gedanke im deutschen Rabbinerstande nicht genügend zum Ausdruck gekommen ist, so hat sich dies doch in den letzten Jahren wesentlich geändert. Die von Mahbaunl in seiner Homiletik ausgestoßene Klage, daß die Rabbiner nicht mehr die Führung in den Reformbestrebungen haben, erscheint heute nicht mehr in vollem Umfange berechtigt. Nimmermehr aber glaube ich, daß die Rabbiner die Schuld an dem Jndifserentismus tragen, der in der deutschen Judenheit und namentlich unter den Gebildeten so weit verbreitet ist, und der auch in solchen Gemeinden schädigend auf das religiöse Leben wirkt, deren religiöse Leitung freisinnigen Rabbinern anvertraut ist, und ich kann auch die Ansicht nicht teilen, daß das Interesse der Gebildeten an der jüdischen Religion gefördert würde, wenn die Rabbiner oder wenigstens einige derselben die Speisegesetze nicht mehr beobachten zu wollen erklären. Wenn man die Ausführungen des Herrn Makower liest, müßte man wirklich.meinen, die Rabbiner verlangten für sich nichts mehr und nichts weniger als die Verwaltung der Gemeinden, denn er bezeichnet „die von den Rabbinern erstrebte Beseitigung der Laienverwaltung als mutwilliges Fortwerfen eines Kampfmittels." Wann und wo hat der Rabbinerstand die Laienverwaltung zu beseitigen versucht? Es ist ihm dies nicht in den Sinn gekommen, er ist froh, daß er mit den Verwaltungsgeschäften nichts zu tun hat, und glaubt, daß diese in den Händen der aus Männern des Praktischen Lebens zusammengesetzten Behörden sehr gut aufgehoben sind, besser aufgehoben sind als in den Händen der Rabbiner. Diese wünschen nur die Beseitigung des Zustandes, daß in spezifisch religiösen Angelegenheiten ohne ihre Zustimmung und Mitwirkung und selbst gegen ihren Widerspruch bindende Beschlüsse gefaßt werden, deren Ausführung mitunter ihnen, den Rabbinern, selbst übertragen wird. Und das ist kein unbilliges Verlangen. Durch das bisherige Verfahren wird nicht nur das Ansehen des Rabbinerstandes, sondern auch das der jüdischen Religion herabgedrückt, die Gemeinde muß notwendig darunter leiden, wenn ihren: Seelsorger, wie es mehrfach vorgekommen, die Amtsfreudigkeit getrübt, wenn er, der vielleicht aus materiellen Gründen, aus Rücksicht auf seine Familie die Stelle nicht ausgeben kann, gezwungen wird, seine religiöse Ueberzeugung preiszugeben, und wenn kein Forum existiert, vor das er seine Beschwerde oder seine Berufung bringen kann. Herr Makower tut nicht recht daran, daß er von mir! verlangt, ich solle die einzelnen Fälle nennen, in denen eine - Schädigung des Judentums aus der Ursache der Unterordnung des Rabbinersunter die Gemeindeverwaltung entstanden ist. Ich würde—den betreffenden) Kollegen einen schlechten Dienst erweisen, wollte ich die Leiden, die sie in: Amte erdulden, unter genauer Schilderung der Ursachen und - der begleitenden Nebenumstände aufzählen, ich würde ihr Verhältnis zu den Gemeindebehörden dadurch nur verschlechtern und müßte dabei auch in alten, schon halbvernarbten Wunden! wühlen. Aber Herr Makower mag bei meinen Amtsbrüdern,! besonders bei denjenigen, die eine Vertrauensstellung unter j ihren Standesgenoffen einnehmen, Nachfrage halten, sie werden ihm bestätigen, daß derartige Fälle, wenn "sie auch — zum Ruhme der Preußischen Juden fei es gesagt — nicht gar häufig Vorkommen, doch auch hinwiederum nicht vereinzelt sind, und daß es darum im Interesse des Judentums, nicht bloß in: Interesse des Rabbinerstandes, nur freudig zu begrüßen ist, wenn eine Aenderung nach dem Muster der, in anderen deutschen Bundesstaaten bestehenden und sich dort vortrefflich, bewährenden Einrichtungen auch für die jüdischen Religions-! gemeinden in Preußen angestrebt wird, j Wenn Herr Makower zur Widerlegung meiner Behauptung, daß bei den: jetzigen Zustand „die Gefahr vorhanden ist, daß; das preußische Judentum sich in einzelne Atome auflöst und! den Zusammenhang völlig verliert", auf die Verbände hin-! weist, die sich auf den verschiedensten Gebieten gebildet haben, j und die den Zusammenhang der deutschen Juden stärken, so? übersieht er, daß durch ihre zweifellos überaus segensreiche j Wirksamkeit, den fast allgemein anerkannten schweren Mängeln j des preußischen Judengesetzes, das nur Synagogengemeinden und kein innerlich zusammenhängendes Gesamtjudentun: kennt, wenig abgeholfen ist. Das hat auch der deutsch-israelitische Gemeindebund, unstreitig der bedeutendste dieser Verbände, vollauf anerkannt; von ihm ist die Initiative zur Ausarbeitung eines neuen Gesetzentwurfes ausgegangen, in feinem Aufträge hat Herr Professor Rosin sich der dankenswerten! schwierigen Aufgabe unterzogen, den vorerst nur in einer Skizze vorliegenden Plan einer Organisation der jüdischen Gemeinden in Preußen zu entwerfen. Daß er diese Aufgabe glücklich gelöst j hat, dafür spricht die einmütige Zustiminung und die begeisterte Beifallskundgebung des Gemeindetages, auf welchem nebst I etwa 20 Rabbinern weit über 100 Vorsteher, Repräsentanten und Gemeindemitglieder aus allen preußischen Provinzen anwesend waren. Am Schluffe seiner mit der größten Aufmerksamkeit angehörten Auseinandersetzungen sagte Herr Rosin: „Es geht nicht mit der Zerrissenheit, wir müssen zu einer Gesamtorganisation gelangen. Wer es mit dem Judentum, seiner inneren Kraft und seiner äußeren Stellung gut meint, der kann sich nicht anders entscheiden. Aber so viele Vorteile, so viel Stärkung der Kraft sie uns bringen wird, ohne Opfer geht es dabei nicht ab. Die Einigung der Glieder zu einer Gesamtorganisation bringt mit Notwendigkeit Opfer mit sich, nicht bloß in finanzieller Beziehung .... sondern auch Opfer an der ungezügelten Selbständigkeit, welche bisher die Teile gehabt haben." Das sind goldene Worte, die in der Versammlung einen mächtigen Widerhall gefunden; wenn sie beherzigt werden, wenn der nach dieser Skizze, vielleicht mit einigen unwesent-