Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 533 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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533 -- . günstigsten Vorbedingungen für die gedeihliche Entwicklung der Pflegebefohlenen vorhanden waren. Und sie haben. sich auch in vollem^Maße erfüllt. An der Hand eines so trefflichen Menschen und^hervorragenden Pädagogen wie Herr Michaelis Silberstein es ist, beschützt von derFverständnisvollen, treuen Fürsorge seiner Gattin, ist eine stattliche Schar für den Lebenskampf wohtausgerüsteter Männer und Frauen aus dem Heim, das ihnen ein zweites Elternhaus geworden, hervorgegangen. So ist u. a. einer der Zöglinge deutscher Konsul auf dem Kap der guten Hoffnung geworden, einige Aerzte, Redakteure, und ein anderer Regierungsbaumeister. In den 35 Jahren der Amtstätigkeit Inspektor Silbersteins haben über 100 Knaben und Mädchen Aufnahme gefunden (seit dem Bestehen der Anstalt sind es im ganzen 50O) und von diesen ca. 100 Knaben besuchten 8 die Universität und technische Hochschule, 16 erlangten das Einjährigen-Zeugnis, während alle übrigen nach Besuch der Bürger- und Elementarschulen die ihren individuellen Fähigkeiten entsprechende Ausbildung erhielten. Von den Mädchen haben etwa 10 das Lehrerinnenexamen gemacht, andere sind Kinderpslegerinnen und Kindergärtnerinnen geworden, haben wirtschaftliche oder sonstige ihnen zusagende Berufe ergriffen. — Auch für Entstehen des hiesigen Israelitischen Müdchenheims ist Herr M. Silberstein der Vater des Gedankens gewesen, und aus dem Kreise des Frauenvereins der Lessingloge erstand dann im Jahre 1891 dieses so segensreiche Institut. Hier finden die Heranwachsenden Mädchen nach Verlassen des Waisenhauses — so weit sie nicht zur Mutter zurückkehren — zur ferneren Fortbildung Unterkunft, bis sie die körperliche und sittliche Kraft erlangt haben, sich auf eigenen Füßen zu behaupten. Bis zum 1. Oktober d. I. stand nun Herr Inspektor Silberstein dem Waisenhause in mustergültiger, erprobter Weise vor, dann legte er das verantwortungsvolle Amt des Leiters auf die Schultern" seines Schwagers Herrn Dr. Kor ach — dem bisherigen Inhaber des Knabenpensionates in * Hirschberg — während er selbst sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückzog. — Daß es ihm vergönnt gewesen, sowohl der Gedenkfeier in der Anstalt, als tags darauf dem Festgottesdienst in der Neuen Synagoge beizuwohnen, war seinen zahlreichen Freunden und Gönnern eine aufrichtige Freude. Die am 28. Oktober in der Waisenanstalt im Beisein der Herren und Damen Vorstand stattgefundene Feier setzte mit einem von Herrn Oberkantor Rosenthal geleiteten Ehorgesang ein. Hierauf erhielt Herr Dr. Korach eine zu Herzen dringende Ansprache an die Kinder, der sich eine vom Vorstandsvorsitzenden Herrn Julius Heymann geleitete Prümienverteilung anschloß. Es handelt sich hier um ein von Heymann und Minna Traube gestiftetes Legat in Hohe von 15 000 Mark, wovon die jährlichen Zinsen von 600 Mark zur Hälfte den Knaben, zur anderen Hälfte den Mädchen zu gute kommen, außerdem erhält das fleißigste Mädchen sowie der strebsamste Knabe zweimal jährlich 300 Mark als Geschenk. — Sodann verlas der Vorsitzende eine Herrn Silberstein und Gemahlin vom Vorstand gewidmete Adresse und überreichte eine Ehrenspende, wofür der ehrwürdige Greis Herrn Heymann — mit dem ihn ein fast 50 Jahre langes gemeinsames Wirken in treuer Freundschaft verknüpft — mit tiefbewegten Worten dankte. —^ Auch der Gottesdienst am 29. Oktober war ein ergreifender, feierlicher, und die Synagoge präsentierte sich im Schmuck von Palmen und vergoldeten Lorbeerkränzen aufs festlichste. Außer der wohl vollzähligen Ge- " meinde, dem Shnagogenvorstand und jRePräsentantenkollegium waren, auch Vertreter des Magistrats: Bürgermeister Muehl und die Stadträte, ferner eine Deputation der Stadtverordnetenversammlung mit ihrem Vorsteher Geheimen Justiz rat Dr. Freund, sämtlich in Amtstracht mit goldener Kette, erschienen. Mit einem Orgelpräludium nahm die Feier ihren Anfang, worauf die Beethovensche Komposition des Psalm 19 vom Synagogenchor gesungen wurde und eine sehrweihevolle Stimmung schuf. Alsdann sprach Herr Rabbiner Dr. Guttmann. Er gedachte vorerst des Bibelwortes „Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst", führte anschließend daran aus, daß das ideale Wirken des Waisenhauses in dem Liebeswerke, verlassenen Kindern das Elternhaus zu ersetzen, dieser höchsten Forderung am vollkommensten entspräche und gedachte in Dankbarkeit jener Männer und Frauen, die sich um Entstehen und Emporblühen dieser Musteranstalt verdient gemacht. Hierauf folgte das Gebet für den Landesherrn. Dein erhebenden Ehorgesang „Sichere Ruhe ist unter den Fittichen Gottes", einer Komposition von Kapellmeister Pulvermacher, schloß sich nun die Rede von Herrn Rabbiner Dr. Rosenthal an. Vorerst waren es Worte des Dankes an den Allgütigen, auf ein 100-jähriges Bestehen der Anstalt blicken zu dürfen, in deren Räumen ein Odem göttlicher Liebe weht. Der greise Leiter, der numnehr einer jüngeren Kraft das schwere Erziehungswerk übertragen, hat es im Verein mit seiner gleichgesinnten Gattin verstanden, das entzückende Bild harmonischen Familienlebens zu geben und seinen Schutzbefohlenen nicht nur ein Vaterhaus auf bestimmte Zeit, sondern für immer zu schaffen, wo sie jederzeit im Leben Stab und Stütze finden können. — Alsdann dankte er den Vertretern der Obrigkeit für ihr Erscheinen, sprach die Hoffnung aus, daß das Waisenhaus unter dem Schutze der Hohenzollern auch fernerhin Gutes stiften werde und gedachte hierauf der verstorbenen Wohltäter der Anstalt. Mit dem Gesang des Psalm 150 schloß die erhebende Feier. Am Nachmittag fand ein Festmahl in den Unionsälen statt, — derselben Stelle, wo einst „die hölzerne Schüssel" gestanden, aus welcher durch den freudigen Opfermut des Herrn M. W. Heimann die segensreiche Zukunft des Israelitischen Waisenhauses entsproß. Mlchok und Nsblnner. ie Geschichte des Judentums hat auch die Aufgabe, jedes Zeichen von Annäherung zwischen Juden und Nichtjuden, wo und wie immer dieselbe sich manifestiert, getreulich zu registrieren und auf ihren Ursprung und ihren Inhalt zu behandeln. Von diesem Gesichtspunkte aus haben alle jüdischen Historiker und vor allen Grätz in seiner nicht hoch genug zu schätzenden „Geschichte der Juden" jede Begegnung der historischen Persönlichkeiten von Bedeutung auf politischem oder religiösem oder sozialem Gebiete mit Juden von Namen gewürdigt und dementsprechend beurteilt. Warum sollte danach nicht auch unsere moderne Zeit, welche immer noch so gern den Wert des Menschen nach seinem Glaubensbekenntnis taxiert, als ein historisches Faktum den kommenden Generationen den Umstand überliefern, daß ein Bischof, der allerdings auf der Höhe der Zeit steht und auf dem Gebiete der Geschichtsforschung Hervorragendes leistet und in den Geist der orientalischen Sprachen tief eingedrungen ist, es nicht unterläßt, mit Rabbinern zu verkehren, ja mit denselben zu sympathisieren. Der Bischof, den mir meinen, ist der vor kurzem inthronisierte von Speyer, Dr. Ko nrad Busch, und die Rabbiner, die von demselben ausgezeichnet wurden, sind die beiden Bezirksrabbiner der Pfalz, die Herren Dr. Landsberg-Kaiserslautern und