Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 532 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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532 fevvernehmen, dagegen wird sie sich einerseits mit den Schiffseigentümern, andererseits mit den großen Wohltätigkeitsvereinen, namentlich dem Londoner Jewish Board of Guardians, dem Jewish Board ofj Deputies, dem Russian Jewish Comile, sowie wahrscheinlich dem jüdischen Fremdenasyl in Verbindung setzen. In einer Unterredung, die ein Vertreter der Londoner „Jewish Chronikle" mit Mr. Porters gehabt hat, beteuert letzterer, die Kommission habe die Absicht, die Ausführung der Fremdenbill für die Betroffenen so wenig schmerzhaft als möglich zu machen. Die in jedem Hafenplatz einzusetzenden Lniengerichte, an welche bekanntlich die Schiffseigentümer als die am Landen verhinderten Einwanderer das Appellationsrecht haben, sollen weder am Sabbath, noch an jüdischen Festtagen Sitzung haben. Ferner soll streng daraus geachtet werden, daß nicht, wie es oft in Amerika vorkommt, alle Familienbande dadurch gelöst werden, daß beispielsweise derVater eingelassen, während etwa die Mutter zurückgewiesen wird. Ferner soll ein schnelles Verfahren eingerichtet und so verhindert werden, daß ein Fremder, wie es in Ellis Island nicht selten ist, monatelang aus die Entscheidung der angerusenen Instanz warten muß. Mr. Porters ließ sogar durchblicken, daß Beamte angestellt werden sollten mit der Aufgabe, dem am Landen verhinderten Einwanderer in allen Stadien der Verhandlung ratend zur Seite zu stehen. Auch sollen die Sitzungen und die Verhandlungen dieser Laiengerichte öffentlich geführt werden, so daß die jüdischen Vereine in der Lage sein würden, ben vielleicht mit Unrecht zurückgewiesenen Einwanderer zu seinem Rechte zu verhelfen. Wir glauben nicht recht an die Versprechungen des Mr. Porters, fürchten vielmehr, daß namentlich die fremden Juden von der Willkür und dem niedrigen Vorurteil der lokalen Laiengerichte schwer zu leiden haben werden. Namentlich dürften die sogenannten Mittellosen schonungslos als „Paupers" zurückgewiesen werden. Seltsam klingende Nachrichten kommen aus Amerika. Der Rabbiner Leo M. Levi, einer der angesehensten Vertreter der Friedensidee in Nordamerika, ist soeben von einer längeren Reise durch Japan zurückgekehrt, wohin er sich begeben hatte, um zu erforschen, unter welchen Bedingungen die Mandschurei den Israeliten überlassen werden könnte, um dort einen unabhängigen Staat zu gründen. Herr Levi hat mit mehreren japanischen Ministern und Staatsmännern über dieses Kolonisationsprojekt verhandelt und, wie er behauptet, ein Entgegenkommen weit über sein Erwarten gefunden. Im Prinzip begünstige Japan die Schaffung eines Pufferstaates, der den günstigsten Einfluß auf die Aufrechterhaltung des Friedens zwischen Rußland und Japan haben würde. Herr Levi hat nun eine Rundreise durch die Vereinigten Staaten begonnen, um für diese Pufferstaatsidee Propaganda zu machen, und er hofft, seinen Plan verwirklichen zu können. Wie hier gleich hinzugefügt werden mag, hat nach einem in Shanghai erscheinenden jüdischen Blatte „Israels Messenger“ der Generalkonsul von Queensland von seiner Regierung den Auftrag erhalten, Japan Anerbietungen zu machen, daß es den zur Zeit in Japan internierten jüdischen Kriegsgefangenen, die nicht in ihr Vaterland zurückkehren möchten, gestatten möge, sich in Queensland anzusiedeln! Diese zweite Nachricht ist ungleich wichtiger als die erste, die jeder, der die Verhältnisse genauer kennt, in das große Reich der Utopien wird verweisen müssen, das seit langer Zeit nicht so bevölkert war, wie in der Gegenwart. Tum Ulüjährigkn Leltchen der IlrsrljtilchenWsllm-Verpklkgunsssnltslt -u Lreslau. Von Klara Baumbach. /I^ar vielgestaltigen, tieseingreisenden Wandlungen, die wiederum mit den historischen,^ kulturellen und elementaren Zeitereignissen eng verknüpft gewesen, war die hiesige jüdische Waisenanstalt während ihres nunmehr hundertjährigen Bestehens unterworfen, bis sie zur heutigen Entwicklung und Blüte gelangt ist. Ihr Entstehen verdankt sie der traurigen Heimsuchung fünf armer Waisen, die im Oktober 1805 plötzlich beide Eltern verloren und völlig mittellos, auf opferfreudige Hilfsbereitschaft der Begüterten angewiesen, zurückblieben. So ist denn durch Anregung des damaligen Rabbinatsassessors Pappenheim eine Sammlung veranstaltet worden, die 100 Taler einbrachte; ferner bildete sich ein Verein, dessen einzelne Mitglieder sich zur monatlichen Zahlung von fünf Silbergroschen verpflichteten, und die „Gesellschaft der Freunde in der Not" schenkte einen Pfandbrief von 100 Talern. Hierfür wurden die verwaisten Kinder des Musikanten Ezechiel vorerst in Kostpflege gegeben. Doch dieses System bewährte sich nicht auf die Dauer, und da sich auch die Ausnahmegesuche ständig mehrten, mietete man zwecks besserer Ueberwachung und sorgfältigerer Erziehung ein gemeinsames Heim, dem ein eigens erwählter Pflegevater Vorstand. Aber die Zahl der Zöglinge, ganz besonders der weiblichen, nahm dermaßen zu, daß sich die jüdischen Frauen mit einem Aufruf an die Allgemeinheit wenden mußten. 300 Frauen verpflichteten sich nun zu regelj mäßigen Beiträgen und brachten durch Schenkungen 800 Taler zusammen. Jedoch eine wirklich eingreifende Wandlung zum Bessern erfuhr das Unternehmen erst im Jahre 1839 durch Kommerzienrat Jonas Fränkel, der die inzwischen wieder getrennt erzogenen Knaben und Mädchen in dem „Fränkelschen Hospital" vereinte, wo er ihnen die erforderlichen Räume fchenkungsweife überwies, und nach seinem Tode hinterließ er den Waisenknaben 7000, den -Mädchen 3500 Taler. Die Pflegeeltern wechselten nun. Das Hahnfche Ehepaar, das selbst kinderlos gewesen, nahm sich der Waisen aufs liebevollste an, und auch aus die wissenschaftliche Ausbildung begann man Wert zu legen. Von 1867 an besuchten sie öffentliche Schulen und im Hebräischen wurden sie außer in der Gemeindereligionsschule unter persönlicher Oberleitung von Herrn Dr. Joel unterrichtet. Auch die Mädchen schickte man nunmehr in öffentliche Bildungsstätten und entließ ihren bisherigen Lehrer Bloch. Im Jahre 1870 begann für die Anstalt ein bedeutsamer Abschnitt: Herr Inspektor Silber st ein übernahm die Leitung, und.was nun in diesen 35 Jahren aus dem Israelitischen Waisenhause geworden, das ist sein Werk. Natürlicherweise mußte er in seinem mühevollen Wirken durch den mildtätig edlen Sinn anderer Menschenfreunde unterstützt werden. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß im Jahre.11875 ein. Nachbar, Herr M. W. He imann, der das heitere Treiben der Waisenkinder über die trennende Mauer hinweg beobachtete, den Plan faßte, den Verlassenen ein eigenes Heim zu schaffen. So schenkte er ihnen das Grundstück „Zur hölzernen Schüssel", aus dessen Erlös alsdann das Terrain gekauft wurde, worauf in: Jahre 1881 die nunmehrige Waisenanstalt errichtet wurde Das neuerbaute Haus entsprach allen Anforderungen der Neuzeit, war geräumig und hell und lag frei , auf dem damals noch unbebauten Teile der Gräbschener Straße, so daß die UL: _