Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 531 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Mob verkleidete Polizisten entdeckt! Die Juden haben sich ansgezeichnet verteidigt. In Odessa sind 1200 getödtet und lOMO verwündet worden. Es ist eine fürchterliche Chronik, die wir liefern müßten, wollten^ wir alle Greuel aufzähten, die in dieser Woche gegen die Juden in-Rußland begangen worden sind. Anscheinend wollte die Reaktion auf solche Weise die ausständigen Volksmassen in einen blutigen Zusammenstoß mit den Truppen verwickeln, aus dem sie als Sieger hervorzugehen hoffte. Wird sie nun aus ihre Rechnung kommen? Das ist die große, schwerwiegende Frage, von der nicht nur hie Lage der Juden, sondern die Zukunst des ganzen Reiches abhängt. Daß aber die Vermutung, die Judenhetzen seien nur von dieser Reaktionspartei angestistet, eine durchaus richtige ist, zeigen am Deutlichsten die Verteidigungsdepeschen der „Petersburger Telegraphenagentur", die auch die liberale deutsche Presse gefällig weiterverbreitet. Mit nichtswürdig heuchlerischer Miene wird da der Welt verkündet: „Petersburg, 2. November. (Peters.b. Telegr.-Ag.) Aus mehreren Provinzstädten, namentlich Rostow am Don, Kiew, Nowgorod und Cherson, sind heute Depeschen hier eingegangen, welche meldeten, daß sich bei der Bevölkerung eine wachsende Erbitterung gegen die Juden bemerkbar mache. Man beschuldige die Juden, daß sie sich vaterlandsseindlich verhielten, durch politische Agitation Ruhestörungen hervorriefen und die revolutionäre. Bewegung veranlaßt hätten und leiteten." Und aus Nischni-Nowgorod telegraphiert dieselbe Gesellschaft:^ „Die Plünderung der Häuser und Läden der Israeliten in den Hauptstraßen von Nischni-Nowgorod geschah infolge einer von Juden veranstalteten Kundgebung. (?) Die Juden waren mit roten Fahnen in der Stadt umhergezogen und hatten revolutionäre Reden gehalten." Nun, das Ende dieser Herrschaft der Lüge ist ja trotz alledem doch nahe. Und da wird es sich zeigen, daß es vergebliches Bemühen war, die niedrigsten Instinkte des Janhagels gegen die Juden abzulenken. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhält, wie wir erfahren, aus den verschiedensten Teilen Rußlands telegraphische Nachrichten von wahrhaft grauenerregenden Judenmetzeleien, die unter direktem Schutze oder unter passiver Assistenz der Behörden stattgefunden haben. Es wird dringend um eine europäische Hilfsaktion gebeten, die auch ein geleitet wurde. £ Ueber die Juden inRumänien enthält der letzte Monatsbericht der Alliance Israelite Universelle (August-September) die folgende bemerkenswerte Korrespondenz aus Bukarest: „Der Antisemitismus fährt hierzulande, seitdem die Konservativen ans Ruder gekommen sind, wieder mit vollen Segeln. Unsere Glaubensgenossen fragen sich, ob nicht das Regiment der sogenannten Liberalen dem gegenwärtigen vorzuziehen war. Man hatte sich hier und da der Hoffnung hingegeben, daß das Beispiel Rußlands, das die Lösung der Judenfrage wenigstens in Angriff nimmt und die Juden zur Wahlurne zuläßt, auf die Rumänen Eindruck machen und ihr Gewissen rühren würde. Bisher ist davon nichts zu merken. Niemals hat die Presse des Landes eine so brutale Gehässigkeit gezeigt, wie gerade in diesen Tagen. Einige Bezirkspräsidenten gehen in ihren Willkürmaßregeln soweit und. die Regierung beweist sich ihnen gegenüber so schwach, daß man an die häßlichsten Vorgänge aus der Verwaltung des Herrn Sturdza erinnert wird. Zur Stunde muß Herrn Vasescu, dem Präfekten des Departements Botosani, der Rekord der Verfolgungen zugesprochen werden. Er sieht seine Ausgabe darin, die Juden seines Bezirks durch unsinnige Maßnahmen aufs äußerste zu quälen, und hat sich vorgenommen, auch diejenigen Juden, die seit Jahren die kleinen Städte und Dörfer bewohnen, in der Stadt Botosani einzupferchen, um sie direkt im Griffe zu haben. In mißbräuchlicher Auslegung des Landgemeindegesetzes fordert dieser Präfekt-Satrap, daß alle welche die vom Gesetz geforderten Aüsenthaltszeugnisse unter große Mühen und Kosten bereits erlangt haben, sie noch einmal nachsuchen.. In seiner Eigenschaft als Präsekt hat er die von den Gemeinderätenausgestellten Zeugnisse annulliert und treibt die.Unglücklichen, die sich schon seit Jahren im Besitz einer Art von Bürgerrecht dünkten, mitleidslos ohne Verzug hinaus. Noch unbegreiflicher ist, daß Herr Vasescu seine Ausweisungsedikte nicht nur an die kleinen Händler in den Städten, sondern auch zu Dutzenden an die Großpächter auf dem Lande gerichtet hat, an. Leute wie Fischer. Costiner, Inster. Bermann, Gutmann. Krasusselskh und hundert andere, deren'Kulturen in der nördlichen Moldau mehrere Millionen Franken präsentieren. Er verweigert ferner auch den angesehensten Juden von Botosani, die sich ins Ausland begeben wollen, die Pässe. So wurde letztens dem reichen, achtzigjährigen Schneyer der Reisepaß verweigert, weil er keinen Ausweis darüber vorgelegt habe, daß er dem Militärgesetz genügt hätte! Aber es ist unmöglich, alle Aeußerungen eines überspannten Machtbewußtseins aufzuzählen, durch die sich Vasescu seit dem Regierungsantritt seiner Freunde hervorgetan hat. Auf Bitten mehrerer Glaubensgenossen, die ich in Botosani sprach, teile ich nur folgende Tatsachen mit: 1. Herr S. Brief, aus Costesti, hatte das Recht zum Aufenthalt in dieser Gemeinde von der Zentralverwaltung selbst erlangt. Der Präfekt Vasescu annulliert diese Erlaubnis entgegen dem Geist und dem Buchstaben des Gesetzes, das allein dem Richter Vollmacht hierzu gibt. 2. Eine Witwe, seit 40 Jahren Einwohnerin des Dorfes Ostopceni-Ciuru (Jijia), wurde brutal hinausgetrieben trotz güten Führungszeugnisses der Ortsbehörde. 3. Pincu Cohen, aus Cerum, erhielt einen Ausweisungsbefehl durch die Bezirksbehörde, nachdem er von Herrn Juretz, dem Gehilfen des Bürgermeisters, barbarisch mißhandelt worden war. Cohen liegt seit einigen Tagen im Hospital, für sein Aufkommen ist wenig Hoffnung. 4. Alle Juden, die auf den Gütern der Bojaren, in welcher Eigenschaft immer angestellt sind, müssen ihre Wohnsitze aufgeben, sofern sie nicht einen neuen Aufenthaltsschein beibringen; dieser wird ihnen jedoch wohlgemerkt unter den nichtigsten Gründen verweigert. So ging, es selbst dem bevollmächtigten Administrator des Großpächters. Costiner. Der Maire, der von hem Präsekten Vasescu gewonnen war, beantragte die Ablehnung seines Gejuches. Dennoch stimmte der Gemeinderat für Genehmigung aus Achtung für Costiner, der nicht nur beträchtliche Steuern zahlt, sondern auch als Wohltäter weit bekannt ist. Vasescu anullierte nichtsdestoweniger diese. Entscheidung unter dem Vorwände, daß der Petent den Besitz eines Kapitals von 1000 Frauken nicht nachgewiesen habe. 5. Die Zahl der jüdischen Familien, die gegenwärtig Ausweisungsbefehle erhalten haben, beläuft sich auf 283. Im Departement Dorohoi haben die Behörden besonders die armen Juden aufs Korn genommen, die auf den Gütern des ehemaligen liberalen Präfekten Pilat angestellt sind. Auch Herr Pitat ist während seiner Amtsführung mit den Juden nicht sehr zart um» gesprungen. Die Zeitungen verzeichnen folgende Drohung Pilats, die er an die Adresse der Konservativen gerichtet hat: „Heute verjagt Ihr meine Juden, morgen verjage ich die eurigen." $ Die englische Regierung hat eine Fremdenkommission eingesetzt, um die Ausführung der vom Parlament genehmigten, am 1. Januar 1906 in Kraft tretenden Fremdenbill vorzubereiten. Die Einsetzung der unter dem Vorsitz Haddane Porters, eines hervorragenden Antiallienisten, stehenden Kommission ist aus Grund der Bestimmungen der Fremdenbill erfolgt, welche den Minister des Innern bevollmächtigt, nach eigenem Gutdünken Maßregeln für die Inkraftsetzung der Bill zu treffen, Emigrationskörperschasten einzusetzen, sowie Vorschriften über dw Geschäftsordnung dieser Komitees zu erlassen. Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen wird diese Fremdenkommission weder öffentliche Sitzungen abhalten, noch Zeugen