Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 530 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht viele Männer der Regierung einen Gegenwind, der diesen Bestrebungen so - viel wie möglich entgegenwirke. Die maßgebendenDolitischen Faktoren Mnd besonders die Parteien in denMölksverkretungen/ ebenso gut auch wie' die Presse, hätten kaum eine Ahnung,'in welchem Umfang und in welcher Schärfe das - Gesetz zuungunsten der Juden verletzt werde. In der. Frage der Handelsverträge war die Behandlung der Juden der der deutschen Christen gleichzustellen, in der Frage der Gemeindeorganisatiönen dürfe keiü Judengesetz beschlossen werden, ohne die Vertreter des Judentums zu Rate zu ziehen, in der Schächtfrage treffe eine Verletzung der Gewissensfreiheit der Orthodoxen alle Juden ebenso stark, als wenn es sich um . eine Gewissensfrage der Gesamtheit handle. Deshalb müsse der Verband an die Regierungen, an Reichs- und Landtag Vorstellungen richten, in Korrespondenz treten mit Staatsmännern, Parteiführern und Abgeordneten, und nicht zum wenigsten mit den Redaktionen der Zeitungen. Durch die Betonung unseres Zusammenhanges, durch das kühne und selbstbewußte Eintreten für unsere Rechte, für unsere Ehre, müsse den Juden gezeigt werden, daß sie keine schwachen Rohre mehr! im Winde seien. Unsere Zeit sei die der Oeffentlichkeit, alle Interessen können und müssen in der Oeffenrlichkeit behandelt werden, wenn sie zu einem gedeihlichen Ziel führen sollen. - Die Juden seien am allermeisten genötigt, mit ihren Wünschen in das volle Licht der Oeffentlichkeit zu treten, man müsse sehen, daß die Art, wie sie ihre. Wünsche und Rechte zu verwirklichen suchen, nur auf dem Gebiet der Rechtlichkeit und Ehrenhaftigkeit sich vollziehe. Bis jetzt blühte der Verband wie ein Veilchen im Verborgenen. Nunmehr, seit dem glänzend verlaufenen Verbandstäge, wird er — so hoffen wir und mit uns alle, denen die Sache des deutschen Judentums am Herzen liegt — in die volle Aktion eintreten, kampsgerüstet und bereit, überall da, wo unsere staatsbürgerlichen Rechte verletzt oder verkümmert werden, mit aller Entschiedenheit als Vertretung der deutschen Judenheit aüszutreten. Man hat von verschiedenen Seiten ein positives Programm für den Verband verlangt, und der Ausschuß hat in den Resolutionen, die am 30. v. M. hier über die Versammlung mit Sturmesgewalt herein gebrochen sind, ein solches zu geben versucht. . Wir legen — offen gestanden — auf derartige Resolutionen wenig Wert. Sie gleichen in der Tat den Einbrechern; sobald sie gefaßt sind, sind sie unschädlich. Aber das Programm halten wir für wichtig. Und dieses Programm ist schön, wie wir oben nachgewiesen, vor Jahresfrist ausgestellt worden. Es wird nun die schwere, aber schöne und wahrhaft dankenswerte Aufgabe des Ausschusses sein, an der Ausführung dieses Programms mit Energie und Tatkraft zu arbeiten. Dir Woche. Berlin, 8. November. ie Brandenburgische Provinzialsynode hat mit ihren Verhandlungen über die Judentaufen wieder einmal ein Thema angeschnitten, das heutzutage leider sehr aktuell ist. Selbst auf die Gefahr hin, von den sogenannten Post-: tiven als Zeugen angeführt zu werden, müssen wir. es doch sagen, daß evangelische Geistliche bei der Aufnahme von Juden in die Kirche oft eine sehr laxe Praxis anwenden. Wenn von liberaler Seite gesagt wird, die Kirche darf mit Recht zu allen ihren Pfarrern das Vertrauen Haben, daß . sie niemand die Taufe erteilen, von dessen „redlicher Gesinnung und aufrichtiger. Zustimmungzu den Grundgedanken der Religion Jesu sie nicht, überzeugt sind", so ist das eine Behauptung, deren Kühnheit . kaum zu übertreffen ist, und die' angesichts der alle Tage vorkommenden Taufest von Hrivätdozenten, die kurz darauf Professoren werden, von Richtern stnd Beamten, die oft unmittelbar nach der Taufe in ein höheres, Juden bisher nicht erreichbares Amt aufrücken, in hinfälliger Weise Lügen gestraft wird. Die ganze Welt kennt diese Verhältnisse, die ganze liberale Partei mißbilligt seit Jahren, daß der Staat eine Prämie auf die Taufe aussetze — nur jene evangelischen Geistlichen sollten keine Ahnung von diesen Verhältnissen haben? Merkwürdig! Noch merkwürdiger aber ist es, daß ein entschieden liberales Blatt, das selbst jahraus, jahrein gegen diesen schmählichen Händel mit den heiligsten Empfindungen sowie gegen die Zurücksetzung der Juden seitens des Staates Front macht, daß dieses Blatt die Taufpraxis jener Pastoren warm verteidigt. Und die Art, wie dies geschieht, ist zu kostbar,. als daß sie den Kreisen vorenthalten werden sollte, die es angeht. „Solange der Eintritt in die evangelische Kirche in Preußen.noch gewisse-gesellschaftliche Vorteile im Gefolge hat, hat die Kirche kein Recht, das Gewissen des Taufbewerbers einer peinlichen Inquisition zu unterwerfen und am allerwenigsten ihm das persönliche Bekenntnis zu einer bestimmten Parteilehre abzuverlangen. Solange der kirchliche Liberalismus in der Landeskirche geduldet wird, müssen auch diejenigen Israeliten, denen gerade das freisinnige Christentum den Uebertritt nahe legt und ermöglicht, in die Kirche eintreten zu können, ohne daß ihr Gewissen durch die Forderungen orthodoxer Eiferer belastet wird. Wir haben die Ueberzeugung, daß-Schriften wie Harnacks „Wesen des Christentums" unendlich mehr religiöse Israeliten innerlich dem Christentum zugesührt haben als die gesamte Propaganda der englisch-deutschen Judenmission! Solange aber eine Theologie wie die Harnacksche au unseren Universitäten noch gelehrt werden darf, ist es nicht angängig, den Israeliten den Eintritt in die Kirche zu versagen, wenn sie kein anderes Christentum ihr eigen nennen als das, was die moderne Theologie ihnen nahe gebracht hat." Die Pflicht der Gerechtigkeit erfordert es, ausdrücklich zu bemerken, daß wir die einzelnen Stellen durch den Druck hervorgehoben haben. Wir wollten eben die Aufmerksamkeit daraus lenken, daß man in Kreisen des Protestantenvereins — und aus diesen stammt ja wohl der Artikel — den ^Eintritt in die evangelische Kirche um „gewisser gesellschaftlicher Vorteile" willen gutheißt, daß „gerade das freisinnige Christentum den Uebertritt nahelegt und ermöglicht", und daß man endlich in jenen Kreisen die gefährliche Bedeutung des Buches von Harnack viel besser erkannt hat als in den unseren, die den Kampf gegen dasselbe vielfach sogar für einen zwecklosen oder übertriebenen gehalten haben. Um dieser Eingeständnisse willen müssen wir dem Blatte sogar dankbar dafür sein, daß es die Frage der Judentaufen in so eigentümlicher Weise beleuchtet hat. * Die russische Bureaukratie treibt ein verwegenes Spiel. Um die schlechten Instinkte des Pöbels zu reizen und von der politischen Revolution abzulenken, hat sie wieder schrecklicheJudenhetzen in allen Teilen des Reiches an einem bestimmten Tage organisiert. Auf Kommando aus Petersburg wurden in zahlreichen Städten und Dörfern von Polizeispitzeln und unter Mithilfe des schlimmsten Gesindels Judenhetzen eröffnet. Leider ist auch diesmal das Spiel geglückt! In Odessa, Kiew, Nischni- Nowgorod, Saratow, Minsk, Cherson, Kasan, Wjasma, Kischinew, Rostow und anderen Städten plünderte man die jüdischen Läden, tötete man wehrlose Menschen, zerstörte man . ihre Häuser und Synagogen. Ueberall hat man unter dem