Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-10 · Heft 45 (10.11.1905) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228682--62146-3276007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

69. Jahrgang, No. 45. t Tt C Berlin, 10. November 1905. eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D*- Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition: Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung der Judentum»", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, ja richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchl>andel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljähri. 3 M. Redakteur: Gustav Lkarpele». Dir Dukgsben des Verbsndrs. Berlin, 7. November, lle Berichte, die uns aus verschiedenen Teilen des Reiches zugehen, konstatieren einmütig den tiefen Eindruck, den die. Hauptversammlung des' Verbandes am vorigen Montag hier hervorgerufen hat, und fast alle versprechen sich von derselben eine große Wirkung für die Zukunft. Es wird nun Sache des Ausschusses sein,'diese Hoffnungen zu rechtfertigen. Wir sind allerdings weit von dem ungestümen Optimismus entfernt, der vom Verbände alsbald große Taten erwartet. Aber was man wohl verlangen darf, das sind energische Taten. Die Gesamtheit der deutschen Juden, die als solche auf dem Verbandstage kaum zu Worte gekommen ist, fordert jetzt mit Recht, daß der Ausschuß nunmehr darangehe, für das große Programm, das er aufgestellt, mit voller Entschiedenheit einzutreten. Wir dürfen auch zuversichtlich hoffen, daß diese Erwartungen sich erfüllen werden. Wenn die Leistungen des Ausschusses bisher mehr als geringfügig gewesen sind, so lag dies an den eigentümlichen Verhältnissen, unter denen der Verband entstanden, und an den Kinderkrankheiten, die er durchzumachen hatte. Was bisher geleistet wurde, beschränkt sich aus mehrere Denkschriften und auf eine Enquete über die Zurücksetzung der Juden im Staats- und Heeresdienst, die wir allerdings für sehr wichtig halten. Was in der Folge zu leisten ist, das liegt auf der Hand. Es ergibt sich aus der allgemeinen Lage und aus der Stellung der Juden innerhalb derselben. . Daneben sind Fragen, die seit Jahren auf der-Tagesordnung stehen, in Betracht zu ziehen. Der erste Redner des Verbandstages hat selbst deren drei erwähnt: die der Einwanderung, der Auswanderung und der Naturalisation. Ein besonderes Interesse wird der Verband der Stellung zu den einzelnen politischen Parteien widmen müssen. Diese ist heute nicht mehr dieselbe wie früher. Es empfiehlt sich, die Verbindung mit den'ausschlaggebenden Faktoren der Politik, sofern sie nicht ausgesprochene Gegner der Juden sind, herzustellen und festzuhalten. Es ist dringend notwendig, daß der Verband eine Instanz werde, die vom Reichskanzler wie von den Ministern gehört und beachtet wird- Solche Fragen der hohen Politik und die daraus sich ergebenden Arbeitswege lassen sich natürlich nicht immer vor der breiten Oeffentlichkeit auseinandersetzenwenn sie auch keineswegs das Licht des Tages zu scheuen haben. Aber geradehin dieser Beziehung werden viele unserer ^Glaubensgenossen ihre Ungeduld zügeln müssen. Auch der Verband kann keine Wunder tun; seien wir zufrieden, wenn er bemüht ist, seine Aufgaben nach dem Maße der verfügbaren Kräfte zu erfüllen. Er wird sich dabei allerdings vor allem der größten Objektivität befleißigen müssen. Das ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen sicher nicht leicht, und wir verkennen am wenigsten die großen Schwierigkeiten, die ein solches Vorgehen mit sich führt. Gleichwohl muß das Gleichgewicht und der Friede unter den Parteien unter allen Umständen aufrecht erhalten werden. Und man wird dafür Sorge tragen müffen, daß z. B. der übereifrigen „Beruhigung der Orthodoxie", deren der Ausschuß sich rühmt, nicht am Ende eine Beunruhigung der Majorität der deutschen Juden folgt, die nun einmal zur freien Richtung gehört. Daß wir damit nicht etwa einer Beeinträchtigung der Orthodoxie in ihren berechtigten Bestrebungen und Wünschen das Wort reden möchten, zeigt am deutlichsten unsere Stellung in der Schächtfrage. So hätten wir der folgenden, von ihrer Seite vorgeschlagenen Resolution unbedingt den Vorzug von der vom Ausschüsse empfohlenen und angenommenen gegeben: „Verfassung und Gesetz gewährleisten die Freiheit der Religionsübung. Gleichwohl ist in einem deutschen Bundesstaate und in mehreren Orten Preußens die Ausübung des jüdisch-rituellen Schlachtverfahrens unmöglich gemacht. Der Verband der Deutschen Juden legt gegen diese Schmälerung der Religionsfreiheit Berufung ein und verlangt die Beseitigung der verfassungswidrigen Beschränkung." Was der Begründer des Verbandes. Professor Philippson, am 27. April vorigen Jahres als dessen Aufgabe hingeftellt hat, das gilt noch heute in vollem Umfange als solche: Zunächst soll unablässig mit den Regierungen und Volksvertretungen über die Aufrechterhaltung unserer Rechte und Interessen verhandelt werden. Unter den gemeinsamen Interessen sei alles zu verstehen, was die Ehre und die verfassungsmäßigen Rechte unserer Glaubensgemeinschaft sowohl im ganzen wie auch in den einzelnen Ländern betreffe, alles, was die Stellung der einzelnen Individuen betreffe. Der Einwand, daß dies vielmehr eine Angelegenheit der Einzelstaaten sei, lasse sich nicht recht aufrecht erhalten. Denn da die Gleichberechtigung aller im Gesetz des Deutschen Reiches vorgesehen sei, könne diese auch von einer allgemeinen deutschen Vereinigung verfochten werden. Daß die Verteidigung unserer Interessen aus dem Gebiet der Gleichberechtigung mit dem vollen Gewicht der Einigkeit in die Hand zu nehmen sei, das erscheine nach den Erfahrungen der letzten Zeit zweifellos. Die Rolle des Stillschweigens, des leisen Protestes, des Sichverkriechens hinter andere Faktoren müsse aufgegeben werden. Die Regierungen sollen auf keinen Fall gereizt werden. Würden denn nicht vielfach gerade durch den Lärm und die Kundgebungen der Antisemiten die Regierungen viel weiter getrieben, als es ihnen im Grunde recht und lieb sei, wünschen denn

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.