Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-03 · Heft 44 (3.11.1905) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228681--62141-3276001
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

69. Jahrgang. .No.44. ' -L-«T--^,. »W-ÄTjr^us. > > -p-p VHrjr p*, , -.^ Berlin, 3. November 1905. Beilage zur „Allgemeinen Leitung de§ Judentums" korrrlpllnden?kn und Kachrichtrn. Deutschland. LL Berlin, 30. Oktober. Einen großen, ja unersetzlichen Verlust hat die Berliner Gemeinde und mit ihr das ganze Judentum erlitten:' Gestern -'ist nach einer schweren Operation Justiz rat Dr> Heinrich Meher-Cohtt im 50. Lebensjahre uns entrissen worden. Ueberall, wohin diese Trauerbotschaft dringen wird, wird sie die lebhafte Teilnahme an unserem Schmerz wecken. Denn wir haben einen-Unserer Besten verloren, einen begeisterten Juden, einen edlen Menschen, einen unermüdlichen Wohltäter, einen rastlosen Kämpfer für unser gutes Recht. Seit Jahren stand der Verewigte mit an der Spitze aller Abwehrbestrebungen.. Unser Blatt, die „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus", das Jahrbuch der Literaturvereine und viele andere Zeitschriften wie 'Sammelwerke brachten fortwährend die wertvollsten Aufsätze aus seiner Feder, die er in seltener Bescheidenheit fast nie mit seinem Namen zeichnete, die aber für alle, die ihn kannten, schon nach der sachkundigen Auffassung, nach der geniütstiefen Darstellung, keinen Zweifel über den Autor zuließen. Und mehr noch hat er — gleichfalls im stillen — für alle großen, idealen und sozialen Bestrebungen innerhalb des Judentums gewirkt. Ihm war es eben nur um die Sache selbst zu tun. Diese stand ihm aber hoch über allem; ihr hat er den besten Teil seiner Lebensarbeit geweiht. Der Sproß einer . edlen, altangesehenen Familie, die nun'in rascher Folge den zweiten, schweren Verlust erleidet, hat er selbst in Bescheidenheit und Demut für Großes gewirkt und Saaten aüsgestreut, die noch aufgehen werden. Er war in des Wortes tiefstem Sinne eine anima candida, ein Charakter, wie er in dieser alles nivellierenden Zeit nicht oft gefunden, wird, ein Jude, auf den man als Muster und Beispiel Hinweisen konnte. Und darum ist der Schmerz über diesen Verlust ein so großer und tiefer. Möge das Wirken des edlen Mannes nie vergessen werden und möge sein Andenken ein Segen bleiben. für die. Kommenden.Geschlechter- Wir, das lebende 'Geschlecht, werden' nicht' vergessen was er uns gewesen, was er geleistet und geschaffen hat. Have pia anima! SG Berlin, 30. Oktober. Auf der Brandenburgischen Provinzia lsy node kam es zu einer für uns sehr interessanten Erörterung des Kapitels der Juden taufen. Es gibt bekanntlich eine besondere „Gesellschaft zur Beförderung des. Christentums unter den Juden", die in Berlin, Posen und Wien Stationen unterhält. In Berlin arbeiten zwei ordinierte Geistliche, in Wien ein Laienmisswnar .und in Posen nebenamtlich ein Hilfsarbeiter. Von 169 Tauf-" bewerbern sind 72 getauft, und zwar 70 in Berlin, 2 in Wien. Der vom Oberkonsistorialrat. Dr. Keßler erstattete Bericht erwähnt es „als eine peinliche Erfahrung", daß ein Israelit, hem das Komitee die Taufe versagen.^mußte, weil er die im äpoftolischen Glaubensbekenntnis bezeugten fundamentalen Wahrheiten des christlichen Glaubens nicht anerkennen wollte, kürze Zeit darauf von einem Gemeindegeistlichen, der genau den - Sachverhalt, kannte, doch getauft worden fei. Dr. Fischer bemerkte, damit könne nur ein liberaler Geistlicher gemeint fein. Ep müsse es zurückweisen, daß ein Geistlicher der liberalen. Richtung, nicht in der Lage sei, grundlegend in die christlichen Grundwahrheiten einzuführen und einen Israeliten aus diesem Grunde zu taufen. . Wenn es dem Judenmissionskomitee nicht gelungen sei, einen Israeliten in die christlichen Grundwahrheiten einzusühren, so sei doch damit gar nicht gesagt, daß das nicht dem anderen, liberalen Geistlichen gelungen sei. Pastor Pfeiffer meinte, die Vermutung, daß es sich, um einen liberalen Geistlichen handele, dürfte nicht ungerechtfertigt sein., .Ein positiver Geistlicher würde einen von der Judenmissionsgesellschaft Zurückgewiesenen nicht getauft haben. In England gebe es Juden, welche ein Geschäft daraus machten, sich taufen zu lasten. Hofprediger a. D. Dr. Stöcker sprach die Erwartung aus, daß das Konsistorium, einmal diesen. Fall vornehmen und genau untersuchen werde, wie viele Stunde» . von. dem betreffenden Geistlichen gegeben worden sind, um diesen Konvertiten von. der Wahrheit der christlichen Lehre zir überzeugen und in welcher Weise von gewissen Geistlichen Judentaufen vorgenommen werden — Mehrere der liberalen Geistlichen verwahrten sich dagegen, als ob liberale Geistliche in dieser Beziehung nicht gewissenhaft gdnug seien, worauf Oberkonsistorialrat Dr. Keßler versicherte, die Feststellungen seines Berichts seien nicht besonders gegen die liberalen Geistlichen gerichtet. Diese Debatte endete mit dem-Beschluß der Synode, die kräftigere Unterstützung der Judenmission zu empfehlen. Die „Kreuzzeitung" bemerkt zu den Verhandlungen über die Judentause: „Das Auftreten des Syn. Prediger Dr. Fischer läßt erkennen, daß die kirchliche Linke. jetzt durchaus aggressiv vorzugehen gedenkt. Der Bericht der „Gesellschaft zur Beförderung des Christentums unter den Juden" bot dafür nur einen .recht schwachen Vorwand, da er lediglich nur eine Tatsache erzählt. Die Absicht liegt klar zutage: die „christliche Gesinnung" soll als ausreichend bei der Aufnahme in die evangelische Kirche anerkannt werden, wie sie von den liberalen Geistlichen auch bei sich selbst als ^ausreichend sogar bei den evangelischen Predigern angesehen wird, aber selbst eine Definition der christlichen Gesinnung wird perhorresziert, auch sie soll „einem äußeren Gesetze nicht unterliegen können", so daß schließlich jeder Jude getauft werden darf, wenn er dem Prediger nur den Eindruck eines Menschen von anständiger Gesinnung macht. Wir wollen gar nicht, leugnen, daß es sehr viele Evangelische gibt, die. solche anständige Gesinnung nicht besitzen, daß also der so leicht aufgenommene Jude der Kirche nicht zur Unehre gereichen würde. Aber es hat doch gar keinen Sinn und Zweck, jemand auf den Name» des-dreieinigen Gottes zu taufen, der selbst nicht an den dreieinigen Gott glaubt, und darum ist die liberale Taufpraxis eine Entwürdigung der Kirche." —^ Es würde den Eindruck dieses Berichtes abschwächen, wenn wir ihm-auch nur ein einziges Wort hinzufügen würden! Aber wir kommen ein, andermal darauf und auf die Besprechung des. Berichtes.in-deri Vosfischen Zeitung ausführlich zurück. - 22-Berlin,22.Oktober. Der D eutsch-is.raelitische Gemeindebund hat soeben wegen der in Familienpflege befindlichen ^Geistesschwachen bezw. Blinden an die Vorstände der jüdischen Gemeinden Fragebogen versandt, deren prompte Beantwortung wegen des gemeinnützigen Zwecks dringend zu empfehlen ist. In dem Anschreiben zu diesem Fragebogen machen die Herren Professor Philippson und Geheimrat Sander auf die Notwendigkeit aufmerksam, für die Blinden und Geistesschwachen unter unseren Glaubensgenossen Sorge zu tragen. In dem ersten Anschreiben heißt^.esr ^Die meisten vorhandenen Anstalten weisen zwar.jüdische Blinde nicht prinzipiell ab, sind aber auf streng konfessioneller Grundlage -errichtet. Dies.ist wohl auch die Ursache, daß nur„ ausnahmsweise jüdische Insassen in diesen Instituten zu finden sind. Nach unserer Enquete, befinden sich in allen deutschen Anstalten zusammen nur-.22 Blinde .jüdischer Konfession. Die Notwendigkeit, gerade Blinde in Anstalten unterzubringen, ist für jugendliche Blinde in allen Fällen als. absolut anznsehen, für Erwachsene auch in sehr vielen Fällen." Das zweite Anschreiben enthält den folgenden Passus: „Eine große Zahl von anstaltsbedürftigen geistesschwachen Kindern sind nicht an dem für sie allein nutzbringenden Platze untergebracht.. Und gerade jüdische Eltern tragen die größte Scheu, ihre unglücklichen Kinder einer Anstalt zu überweifen, teils infolge ihres Familiensinnesteils infolge. des Mangels an geeigneten Instituten, insbesondere aber auch, weil sie bef ürchten, daß in den. vorhandenenAnstalten die jüdische Religion nicht genügend berücksichtigt wird. Hier tut Hilfe not." Um nun den Umfang des Bedürfnisses zur praktischen Abhilfe sestzustellen, geschieht die Umfrage nach der Anzahl der Nicht in Anstalten befindlichen jüdischen Schwachsinnigen und Blinden. Zur Lösung der Aufgabe werden hoffentlich alle Gemeinden durch baldige Beantwortung ' der Fragebogen beiirageN. Es ist dies geradezu ihre Ehrenpflicht! N -■i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.