Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 526 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden sich - Kleider, - Geräte und' Geldmittel - wieder - Von. ihren Nachbarn leihen müssen^ wie von den alten Aeghpkern. Im Elend erwirbt man ebensowenig' Reichtümer wie in dem Joch der Fronde. Was reich ausgegeben wird und gilt, iff größtenteils ein oberflächliches- Prunken) So mancher Jude und' manche,' Jüdins> trägt das ganze Vermögen -in; den Brillanten, Mit denen sie sich zieren. Dies Leben in den Tag und : in dieNacht. hinein, die. Belebung;. der ßOsGsoWeäAx undiKonzerte,:' Vereine: -durchs) Judewrrfft.^von^demselben Hberflächl-rchens Treiben. - 'Den .Jude hatsich gewöhnt den Augenblick auszunützen, zu genießen, nach seiner Art freilich) da.er.nicht weiß,, ob man. ihn den nächsten wird in Ruhe genießen - oder überhaupt erleben lassen. (Siehe Kischinew, Hömel.) Dies erscheint den Andersgläubigen, die sich derartige Vergnügungen nicht aus Verlegenheit und Bedürfnis) sondern . als Luxus leisten, als Beweis unbändigen Reichtums. Wenn . auch das jüdische Proletariat nicht durch Alkoholismus und . Ausschweifungen zum Pöbel herabsinkt, und die Armut nicht - die krasseste Form der Verkommenheit annimmt wie vielfach bei der anderen niederen Vevölkerungsklasse der Andersgläubigen und ferner der jüdische Mittelstand im Tun und Lassen, im Wohnen und Auftreten einen gewissem Anschein von Behaglichkeit weit über den Stand und die wirklichen Kräfte hinaus aufweist, so muß man sich . dadurch nicht täuschen lassen. Ebensowenig dadurch, daß in manchen Großgemeinden der Kulturstaaten durchschnittlich das Einkommen der Juden größer, der höhere Schulbesuch viel bedeutender ist. Dafür, ist die Basis, die Existenzsicherheit schwankend, stets gefährdet - und dafür ist die in tiefster Not lebende Masse der rechtlosen osteuropäischen Juden oder der auf. der Straße vegetierenden .Emigranten in den amerikanischen und englischen Großstädten (Sweatersystem) elend, tiefelend. — Eine Statistik wird: hier aufklärend und ernüchternd wirken und das Gros der Judenheit von hem Lose einiger Parvenüs und einiger' weniger historisch reichen Familien trennen lehren. — Ueberdies ist das Geld dem Juden nicht Besitz-, sondern Existenzmittel, dessen er für sich, seine Angehörigen und Glaubensgenossen in einem für andere unerhörten Maße jeden Augenblick bedarf. Die-wirtschaftlich ruhige Lage der Beamtenwelt' fehlt dem Juden völlig. Dafür hat er die Geist und Nerven, Leib und Seele zerrüttende, auf das höchste anspannende Tätigkeit des Gelehrten und Kaufmanns. Die trotz allen agrarischen Geschreis vorhandene Behaglichkeit des Landlebens, die Freude - an dem Besitz der Scholle fehlt ihm gleichfalls. Das anspruchslose, bedürfnislose Handwerkerleben ist ihm in unseren zivilisierten Ländern aus verschiedenen Gründen nicht erschlossen, in anderen, kultürarmen Reichen nicht lohnend und zur. Existenz ausreichend. , Boykottierungen, Isolierung, besonders in gemischtsprachigen Orten tun das übrige zur Verschlimmerung. Daher ein Zusammenströmen in die größten Zentren, wo einer an denn anderen einen Hält zu finden sucht, - oder die . übliche Auswanderung. Alles bedrohliche Zeichen eines wirtschaftlichen Rückgangs und Verfalls. Damit hängt, bei uns wenigstens, der Rückgang der Eheschließungen und der Gebürten und somit trotz der durch Solidität bedingten geringeren Sterblichkeit namentlich der Kinder und Greise eine Verringerung der jüdischem Bevölkerungsziffer -zusammen.- Was das familiäre Leben, betrifft, so ist statt der im Ghetto vorhanden gewesenen patriarchalischen Einfachheit und Würde und Zusammengehörigkeit jetzt durch den Weltverkehr, durch das Hasten, und Treiben im Kampfe ums Dasein, durch die jetzt möglichen Ablenkungen und 'Zerstreuungen und' dann vor allem durch fias Schwinden .der hausreligiösen Formen und Zeremonien ein Etwas getreten, was. dem Familienleben der Mitwelt sehr nahe gerückt ist,'ein Hauswesen als Dürchgangspunkb "vieler Interessenten-, aber.ckeine Stätte der Erholung, deä Erbauung,' kein: Tempel der Herzensandacht, wie ehedem! — In gesellschaftlicher Hin? sicht -werden 7 sich wohl nur noch wenige 'einer Täüschüng darüber hingeben, daßein < inniger, das heißt ein. nicht -auf Berechnung beruhender) interkonfessioneller Verkehr nur zu den Seltenheiten gehört. Die Verlegenheit auf der einen Seite, .die. Empfindlichkeit auf der änderen, der geduldeten Seitesind das Gespenst im.Hause und im Vereine. Schon in: der Kindheit, in der Schule und den anderen Bildungsstätten, der .Universität, dem Kontor, der Werkstatt, markiert sich ein Gegensatz,- der nicht mehr wie früher latent versteckt, sondern recht offenkundig, ja dreist auftritt. Unserer realen Zeit, der das Wort „Idealist" beinahe gleichwertig mit „schwachsinnig" erscheint, die die Brutalitäten der Gegenwärt gar nicht zu bemäntelnsucht, der die Scham vor dem Gewissen, dem öffentlichen sowohl wie dem eigenen Gewissen in so weiten und maßgebenden Kreisen verloren gegangen zu fein scheint, läßt keine Illusionen über die beiderseitige Stellung von Juden und Christen zu, es sei denn, daß man blind sein will. Diese Separation ist eine so vollständige, daß es judenreine Stände, Häuser, Bäder gibt und vielleicht auch bald Städte und Länder geben wird. Ich male vielleicht manchem wieder zu schwarz, ich hoffe, daß ich Unrecht habe und fürchte, daß ich Recht behalte. — Ueber die religiöse Lage möchte ich mich nicht so verbreiten; dieses Thema ist ja unerschöpflich. , (Fortsetzung folgt.) Lin interessanter Ortet der Mnigin Lmle. Von S. Rothschild-Worms. n einer. Zeit der konfessionellen Gegensätze, verdient ein Brief der Königin Luise bekannt zu. werdender, obgleich vor mehr als hundert Jahren geschrieben, heute von aktuellem Interesse noch nichts eingebüßt hat. Der Brief Lgisens an ihren königlichen Bräutigam war in einer Zeit geschrieben, in welcher die edle Fürstin das niederdrückende Gefühl der „Demütigung" noch nicht empfunden hatte. Der Brief, den Eduard Rahn in seinem Buche „Die preußischen Fürsten und ihre Frauen" veröffentlicht/ hat folgenden Wortlaut: . - „Des Königs Minister sind hart, sobald es sich um die Juden handelt. Mein Gott, nichts als Witzeleien! O, es ist unnötig, die armen Leute noch weiter zu kränken. Es liegt sehr, sehr , viel Demütigendes für «den menschlichen Stolz in dem Leben eines Juden. Es schneidet ins Herz, wenn man an den Ton denkt, den sich die Christen oftmals gegen die Juden erlauben. Wir sehen in den Juden auch die Menschheit in ihrem ungeschminkten Zustande. Sie sind eben ihren Völkersitten treu geblieben — und es ist ein trauriger Gedanke um das Bewußtsein, daß wir Christen diesen Zustand verachten.und sie zu uns hinüberziehen wollen. Von der grauen Morgendämmerung des Mittelalters bis jetzt war das Judentum eine Kette mit Gesetzen umsäumt. Die ganze heitere Welt, worin wir uns bewegen und vergnügen, machen wir für ihn zu einem Orte voller Fallstricke und Gefahren. Herr Minister, verhärten Sie das Herz meines künftigen Gemahls nicht!" Dieser Brief ist ein Zeugnis für den hohen,, edlen Sinn der erhabenen Fürstin, wenn es eines solchen Zeugnisses überhaupt noch bedarf. '