Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 525 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— der „erworbene Charakter" --ist stark genug, um sie nicht gegen das Gesetz aufzubringen. Hörte man bis 'vor kurzem' hin und wieder noch die Hoffnung aüssprechen, das Gesetz könnte noch im letzten Momente scheitern, so habend wir die Erscheinung, daß bei Gelegenheit die/ unbewußten -Strebungen unseres eigentlichen Wesens trotz aller Erziehung oft zu Unserer eigenen Ueberraschung zum Vorschein kommen. Man nennt dies wohl auch den Zwiespalt zwischen dem erworbenen'Und dem ererbten Charakter. Doch kann in diesem Falle von ererbtem Charakter , die Rede sein? Vielleichtwenn wir diese Hoffnung ableiten aus dem hier nicht zur Schau getragenen und darum häufig unbewußten Verlangen Nach Befriedigung der religiösen Bedürfnisse. Jedenfalls hat der Jude es nicht „ererbt", daß diese Bedürfnisse ihm auch nur teilweise von anderen bezahlt werden, selbst wenn er wie alle seine Mitbürger zu den Steuern beitrug, mit denen der Kultus anderer Bekenntnisse bestritten wurde. Doch stimmen wir hierüber kein Klagelied an! Die vom Staate allein' bewerkstelligte äußere Organisation hat herzlich wenig dazu beigetragen, den inneren Zusammenhang unserer Gemeinden zu festigen- und davon eben, ob die Gemeinden sich einander näher treten, wird die Gestaltung der Zukunft nicht ganz unabhängig sein. ' So merkwürdig es auch klingen mag, so ist doch die Möglichkeit, wenn nicht Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß unsere größte Gemeinde/ Paris, zuerst den veränderten Verhältnissen in einer Weise Rechnung trägt, die man hier am wenigsten erwarten sollte. Da in diesem Sommer der erste Rabbiner der Synagoge in der Rue des Tournelles, Herr : May er, gestorben ist, so dürste wohl der zweite Rabbiner dieser Synagoge an dessen Stelle treten, die zweite^ Rabbinerstelle aber — in der Tat ein unnötiger Luxus — nicht 'Mehr besetzt werden. Man spricht auch hin und wieder vom Zusammenlegen verschiedener Stellen in einzelnen Departements, auch von Predigerkantoren, doch hat all dies noch keine feste Gestalt angenommen. Erwartet man doch vorläufig alle Hilfe von „oben", d. i. von Zadoc Kahm der es hoffentlich ermöglichen wird, wenigstens die jetzigen Inhaber der Rabbinate in Amt und Würden zu belassen. In der Uebergangsperiode wird man sich wohl klar darüber werden müssen/ was man zu tun gedenkt. Und nun noch ein Wort über unser Rabbinerseminar. Den Verlust der 22 000 Franken staatlicher Subvention wird es verschmerzen können; befindet es sich doch in Paris! Wie steht es aber mit dem Menschenmateriäh.mit den Studenten? Zurzeit widmen sich an ihm den theologischen Studien nur Osteuropäer und einElsässer, — kein geborener Fränzose.' Ob jedoch hieran die bevorstehende Trennung von Kirche und Staat schuld war, dürfte fraglich sein, Die große Mehrheit der französischen Rabbiner sind Elsaß-Lothringer. Die einfache Tatsache aber, daß nur selten Vakanzen vorhanden sind und Rabbiner häufig jahrelang auf Anstellung warten müssen, erklärt es zur Genüge, daß man sich wicht mehr wie früher zu diesem Studium herandrängt. Nach politischen Gründen brauchen wir da nicht erst zu forschen. Der spätere Historiker wird deshalb nicht vergessen dürfen/ daß die Abschaffung des Kultusbudgets und das Eindringen osteuropäischen Elements in unser Rabbinat nur zeitlich züsammentrafen, ohne in innerem Zusammenhang miteinander zu stehen, wenn er objektiv deren Einfluß auf das jüdische Leben in unserem Lande zur Darstellung bringen will. V. M. Kulturarbeit im Judentum. . Von Dr. I. Lewh-Danzig. iehen wir die Bilanz des Judentums von heute, so werden ibir finden, daß sie nach außen, von der politischen Seite betrachtet, nicht gerade rosig ist, daß das Gros der Judenheit, welches in wilden und halbwilden Ländern und Reichen wohnt, in großem Elend und in [ unsicherster - Position bangen Zeiten entgegensieht. Wir sehen aber auch in den Verfassungsländern alle unsere Rechte' mehr auf dem ' Päpier als in Wirklichkeit umgesetzt und zudem auf dem Verwaltungswege administrativ mehr und mehr verschlechtert und eingeengt. Wir sehen unsere armen Glaubensgenossen, ein Spielball grausamer Willkür, hin- und herfluten und sich " zürückstauen von der Heimatsscholle, die sie verstößt bis zu der Schwelle jener Reiche und Weltteile, die sie ungern gesehen, ' kaum überschreiten dürfen; überall umlauert von Not, Leid . 'und Gefahren, erfüllt von Gram und überschüttet mit Mißitraiien und Verachtung, selbst von seiten ihrer besser gestellten Glaubensbrüder, die sich in besseren Positionen dünken.' — Und doch flammt in ihnen hell der Stern Israels! 'Welche Heldenscharen, da sie es doch nur ein Wort, eine Gebärde kosten würde, um getauft als Menschen nach ihrem Gefallen zu leben! Aber dies eine Wort der Lüge bekommen sie nicht über ihre Lippen, wie unsere Vorfahren Tausende von Jahren es nicht vermocht! Und diese sollten wir verachten .Md ihnen Nicht beistehen? — Ich kenne nichts Schmachvolleres als die Schrift eines deutschen Israeliten, der jene ihrem Schicksal überlassen will und uns bessere deutsche rc. Juden vor der. Berührung mit jenen ängstlich bewahren will! Armer Tor! Das Schicksal' der kleinen deutschen, französischen rc. jüdischen Minderheit würde das nämliche sein wie das der großen im Elend verschmachtenden Mehrheit des Judastamms, wenn es uns nicht gelingt, jene zu retten und uns mit ihnen. Spanien stand ja auch auf einer hohen Warte und noch heute dünkt sich der sephardische Jude besser als der aschkenasische, d. h. deutsche Jude! Während das Mittelalter die Torheit seiner Kreuzzüge an den Juden in unmenschlicher Form austobte, schienen gerade die spanischen Juden im Maurenlande gefeit auf einer glücklichen Insel isoliert und -'gefahrlos sich zu befinden. Da mögen auch manche dort in -ihrer Glanzzeit von den verfolgten deutschen Juden ähnlich gedacht haben wie so mancher moderner Aschkenasi heute von den russischen/rumänischen und galizischen Juden, die er für '.-minderwert hält, — und wir kennen alle das Endlos der -spanischen Judenheit kurze Zeit darauf! Warum ich diese Perspektive vorführe und schwarze Schatten an die Wand male? -Verachten wir jene Unglücklichen nicht! Unser Schicksal wie ihres, und ihres sei wie unser Schicksal! Rur der Zusammenhalt kann uns retten und nur dadurch, daß wir politisch Zoll -für Zoll unsere Rechte verteidigen,- unablässig verteidigen, darin liegt. die Möglichkeit einer besseren Zukunft. Denn Zeit gewinnen, ist auch ein Gewinn! — Dies die politische Bilanz. Die innere Bilanz ist nicht viel besser. Wir werden sie in wirtschaftlicher, in familiärer Hinsicht und nach dem Zusammenleben mit den Andersgläubigen, d. h. nach der gesellschaftlichen und nach der religiösen Seite betrachten müssen- -Die wirtschaftliche Lage ist durchschnittlich schwierig, schlecht, mit sinkender Tendenz. Der Reichtum der Juden ist zwar -.sprichwörtlich,. aber wie vieles nur auf dem Papiere. Das Gut und-die Habe der Juden ist nicht groß, sein Reichtum ist seine künstlich gezüchtete geistige Beweglichkeit Und Elastizität. Wenn es zu einem neuen Exodus kommen sollte, würden die