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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-11-03 · Heft 44 (3.11.1905) · p. Seite 524

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 524 (sequence 8)
Language
German
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hn drei, Revo.lversch üsse. äbgefeuerk.. -Keiner derselben.-traf. Den nächsten Tag erhielt er eine Benachrichtigung, daß er, wenn er nicht sofort seinen Posten verläßt, unbedingt 'getötet werden wird." Man muß sagen, -daß diese Begleiterscheinungen des/ Freiheitskampfes sehr, wenig erfreulich, sind. Aber es steWHu hoffen, daß sie vereinzelt bleiben und haß die russischen Jüden sich nach wie vor der schweren Aufgabe gewachsen zeigen werden, die der große. Moment ihnen zuerteilt hat. Unter solchen Umständen erscheint ein Interview mit Graf. Witte über . die Judenfrage,, das am 27. d. M. in Petersburg stattgefunden, sehr aktuell. Der rühmlichst bekannte Rechtsanwalt Elk an Adler in London, der Bruder des Chjef^ Rabbi,hat in Begleitung des Herrn N. Sokolow, Redakteur des „Horzefirah" in Warschau, Witte besucht. Das „Berliner Tageblatt" bringt darüber folgenden Bericht: . . . „Graf Witte empfing mich sehr freundlich und gab offen zu, daß das Land sehr krank, er aber noch nicht der Arzt sei. Die Portsmouther Friedensvertragsverhandlungen seien viel leichter gewesen als die daheim. Die Angelegenheiten seien sehr kompliziert und die Lage sehr traurig und sehr ernst. Hinsichtlich der jüdischen Frage inter» pelliert, erklärt Witte, eine jüdische Frage existiere nicht Darin sei man allgemein übereingekommen, daß die rechtliche Ausnahmestellung der Juden im Staate. verschwinden müßte. . Seit Jahren sei er, wie jeder wisse, für die Juden und habe die Kühnheit gehabt, für ihre Rechte einzutreten. Was aber die Heilung .des Uebels anlange, so fürchte er, daß eine plötzliche Aufhebung der Ungleichheiten, die er für möglich, sogar für wahrscheinlich' halte, eine Reaktion hervorbringen wü.rde. Nach seiner Ansicht sei es praktisch, die Fragen nacheinander vorzunehmen, eine solche 'stufenweise Behandlung würde das Gleichgewicht erhalten und eine Verbesserüng sichern. Als Redakteur Sokolow einwarf, die Duma würde die volle Gleichheit der Juden vor dem Gesetze erklären, stimmte Witte zu und gab zu, daß die russischen Judengute Patrioten seien, und viele Emigranten, falls ihnen dies gestattet würde, znrückkehren dünsten." Sriek aus Paris, im Oktober. 4 ft das Begebnis, mit dem ich meinen heutigen Brief eröffne, auch durchaus kein bedeutsames, so mag mir wenigstens der Umstand zur Entschuldigung dienen, daß einst. Rabbah, wie jeder in Lazarus" Ethik Nachlesen kann, selbst seine talmudischen Vorträge mit Scherzreden einzuleiten pflegte. Denn so charakteristisch es an sich auchsein mag, so wollen wir es doch nur als eine scherzhafte Episode ansehen, wenn Rabbiner genötigt find, oder vielmehr ans Nächstenliebe und Gerechtigkeitsgefühl sich veranlaßt sehen, katholische Geistliche vor den Hänseleien ihrer schließlich doch auch katholisch: getauften militärischen Voxgesetzten und Kameraden zu schützen, natürlich nicht mit disziplinwidriger Gewalt, aber immerhin mit der Erinnerung an die unanfechtbare Tatsache,, daß die Herren Pfarrer doch auch Menschen seien — sozusagen. Also geschehen bei einer 28 tägigen Uebung von Reservisten, bei der Unteroffiziere und Mannschaften die Mußestunden der geistlichen Landesverteidiger zu versüßen sich mühten, durch Vorlesungen aus antiklerikalen Blättern, und ähnliche geistreiche Unterhaltungen. Ja, die Zeiten haben sich geändert, seitdem nach der Ueberlieferung der Bischof von Olmütz für den großen Franzosen Raschi eintrat. Uebrigens ging der 800. Todestag dieses unsterblichen: Meisters, an den Herr Zadoc Cahn — in. seiner Eigenschaft als Großrabbiner des Zentralkonsistoriums der Israeliten Frankreichs der „Nachfolger" Raschis — gemeinschaftlich-mit .Hexrm S.all o m ou B üb e r aus Lemberg erinnert hatte, denn och hier unbemerkt. vorüber, denn Herr Zadoc.Kahn und mit ihm noch', viele andere der führenden; Geister weilten in der Sommerfrische, -von wo sie hoffentlich neu gestärkt für die kommenden schwerem-Tage zurückgekehrt sind. ' Trotz; des Wandels der Zeiten ist nämlich die Lage recht ernst. Eine schwere Gefahr für unsere jüdischen Gemeinden ist ja. abgewandt worden. Wäre, wie Combes". Entwurf es vorgesehen hatte, die. Vereinigung von.Glaubensgenossenschaften behufs Zentraler Verwaltung nur innerhalb eines Departements gestattet worden, so wäre manche Gemeinde zugrunde gerichtet gewesen. -Nunmehr ist ein Zusammenschluß aller französischen Juden möglich; die von Herrn Zadoc Kahn zum Ersatz der . staatlichen Subventionen geplante Zentralkasse, die so gedacht ist, daß deren Zinsen den bisherigen jährlichen/ von der Regierung bezahlten Gehältern gleich sind, kann unbehindert ins Leben treten, sobald — das erforderliche Geld vorhanden ist. Ob es kommen wird?. Das kann ich Ihnen nicht verraten. Der einzige, der es weiß oder doch sagen könnte, ob Hoffnung vorhanden sei, daß der Plan realisiert werde — schweigt. Und wenn er mit der frohen Botschaft vor uns reten könnte, wenn er siegesbewußt, nicht aus Ehrgeiz, sondern um seinen Glaubensbrüdern Freude zu bereiten, uns über jeden Zweifel erhaben zurufen könnte: „es wird kommen, sehet, wie das jüdische Herz unserer Millionäre sich offenbart, nicht nur, wenn die Not und die Armut rufen, sondern auch wenn unsere heilige Religion für ihre Diener ihre Stimme erhebt" — er ' schwiege nicht,/unser mit Recht allgemein beliebter und verehrter Oberhirte! Doch hoffen wir, verlieren wir nicht den Mut, denn , wird auch nach der Trennung fein repräsentatives .Amt ein überflüssiges sein, sein persönlicher Einfluß, seine Macht ist nnd bleibt groß. Die. ungehinderte Organisation aller französischen Juden ist aber das einzige, was zugunsten der Minorität erlangt werden konnte. Trotz aller Gleichheit geht es nämlich nicht immer so paritätisch zu, wie man es „draußen" annimmt und wir es wünschten. So enthält bekanntlich das angenommene .Trennungsgesetz die Bestimmung, daß die augenblicklich vom Staate besoldeten Kultusdiener, die noch kein Anrecht auf die Lebensrente haben, vier Jahre von der Abschaffung des Kultusbudgets an eine Zuwendung erhalten, die für das erste Jahr dem vollen Gehalte gleichkommt, im zweiten zwei Drittel,. im dritten die Hälfte , und im vierten ein Drittel des Gehalts beträgt. Jede dieser vier Perioden wird, soweit kein Wechsel in der Person des Knltusbeamten stattfindet, in Gemeinden von unter 1000 Einwohnern verdoppelt. Der Zweck dieser Bestimmung ist klar: den wenig steuerkraftigen kleinen Gemeinden soll der Uebergang in die neuen Verhältnisse noch etwas mehr erleichtert werden als den größeren- Leider findet diese Bestimmung' aber keine Anwendung auf jüdische Gemeinden,. denn diese Vergünstigung tritt nur in Kraft, wenn die politische Gemeinde keine 1000 Einwohner hat, auf die Größe der Kultus gemeinde wird keine Rücksicht genommen, und die Juden wohnen nun einmal hier nur in Städten. Da aber die zuständigen Stellen rechtzeitig auf diesen Umstand aufmerksam gemacht worden sind, , doch ohne sich beeinflussen zu lassen, so handelt es sich' nicht etwa um ein Versehen, um eine zufällig unbeachtet gebliebene Tatsache! Die jüdische Bevölkerung sieht der Entwicklung der Dinge nach wie vor mit großer Ruhe, um nicht zu sagen, gleichgültig entgegen. Doch bietet sie immerhin Gelegenheit zu psychologischen Beobachtungen. Ihre republikanische Gesinnung

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