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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-10-27 · Heft 43 (27.10.1905) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 43 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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Köpfen um Unterstützung vorstellig. Hiervon wurden 672. Parteien abgewiesen, teils weil die Bittsteller bereits früher mit Reisemitteln unterstützt und ohne triftigen Grund wieder nach Berlin gekommen waren, teils weil sie sich zu lange hier aufgehalten hatten, um noch als Durchreisende gelten zu können, teils weil sie selbst mit genügenden Geldmitteln versehen waren. Die übrigen Bittsteller wurden teils durch Gewährung von Reisegeld, teils durch Bewilligung von Zehrgeldern und Speisemarken unterstützt. — Zum Schluß der Sitzung wurde alsdann noch die Vorlage betreffend die gynäkologische Poliklinik des' jüdischen Krankenhauses genehmigt. Nach dem Bericht des Krankenhausvorstandes wurde die am 15 Juni v. I. eröffnete Poliklinik bis zum 24. März d. I. von 293 Kranken in Anspruch genommen, so daß für das zunächst einjährige Provisorium der Poliklinik die Frequenz auf etwa 400 Personen veranschlagt werden kann. Berlin, 23. Oktober. Einen wahrhaft erfreulichen Eindruck ruft der Bericht über die Rud olf Mossesche Erziehungsanstalt für Knaben und Mädchen zu Wilmersdorf-Berlin hervor. Derselbe erstreckt sich über das erste Jahrzehnt der Anstalt vom 1. April 1895 bis 31. März 1905 und wird erstattet vom Direktor Dr. Heinitz. Dieser Eindruck beruht vor allem daraus, daß die Erfahrungen der ersten zehn Jahre bereits deutlich erkennen lassen, daß das dem Stifter bei Begründung seiner Anstalt vorschwebende Ziel in den meisten Fällen erreicht werden konnte. Danach sollten die Wohltaten der Stiftung ausschließlich den gebildeten Ständen zugute kommen, denjenigen Familien, die in Zeiten der Not am wenigsten Rückhalt bei der öffentlichen Armenpflege finden. Der Einblick in diese häufig wieder-- kehrenden trüben Verhältnisse war es gewesen, der dem Stifter den Plan eingab, aus der Fülle menschlichen Elends gerade dieses Gebiet für seine Wohltätigkeitsbestrebungrn auszuwählen und eine Anstalt, zu begründen, in welcher die Kinder aus diesen verarmten Familien ein sicheres Unterkommen finden. Damit war nicht lediglich eine Unterstützung an I Hilfsbedürftige gewährt, sondern zugleich den Empfängern, d. h. den Kindern selbst und ihren Angehörigen die Möglichkeit geboten, an der steten Ausbesserung ihrer Verhältnisse zu arbeiten. Nicht selten genügte schon die unentgeltliche Aufnahme eines oder, wie es oft geschah, mehrerer Kinder, um die gesamte Lage der ■ Familie zu heben. Hauptzweck der Aufnahme blieb natürlich, die Kinder selbst dahin zu bringen, später aus eigener Kraft innerhalb der gebildeten Stände, aus denen sie der Zusammenbruch des Elternhauses auszuschließen drohte, eine selbständige. Stellung zu erringen. Dies ist auch einer stattlichen Zahl von abgegangenen Zöglingen gelungen. Sie alle haben, soweit es ihre Begabung irgend zuließ, höheren Schulunterricht genossen, und mehr als 60 von ihnen bekleiden bereits jetzt, zu Beginn ihrer Laufbahn, in den verschiedenartigsten Berufszweigen Stellungen, mit auskömmlichem Gehalt, während andere, die später abgegangen sind oder einer längeren Vorbildung bedürfen, auf dem Wege dazu sind. Ter bisherige Entwicklungsgang der Anstalt berechtigt ferner zu dem Urteil, daß auch die Grundsätze, nach denen der Stifter sein Werk geführt wissen wollte, sich wohl bewährten. Die meisten privaten Wohltätigkeitsanstalten, die in der Ausbildung ihrer Zöglinge weitere Ziele als die öffentlichen Waisenhäuser verfolgen, beschränken ihre Fürsorge auf mehr oder minder eng begrenzte Kreise. In bewußtem Gegensätze zu diesen Anschauungen wollte der Stifter die Entscheidung über den Eintritt in seine Anstalt lediglich nach Bedürftigkeit und Würdigkeit der Hilfesuchenden treffen. Deshalb wurden alle einschränkenden Bestimmungen fortgelaffen. Die weite Fassung der Aufnahmebedingungen trug aber auch erziehlich reiche Frucht, indem sie schädliche Einseitigkeit aus dem Anstaltsleben fernhielt. Kinder aus fast allen deutschen Gauen wachsen hier gemeinsam auf. Auch die Vereinigung von Kindern aus mannigfachen Berufsarten erwies sich als vorteilhaft. Eine besonders hohe Bedeutung für die glückliche Gestaltung des häuslichen Lebens und die gedeihliche Entwicklung der Zöglinge zu tüchtigen Menschen gewann ferner der paritätische Charakter der Anstalt, trotzdem gerade dieser nicht selten Mißdeutung und Anfeindung von entgegengesetzten Seiten erfuhr. Aber die Anstalt betrachtet es gerade als eine ihrer Hauptaufgaben, jedes Kind treu im Glauben seiner Eltern zu erziehen, und nichts liegt ihr ferner, als die religiöse Erziehung ausschalten oder eine seichte Vermischung der Religionen begünstigen zu wollen. -DjeHügling.e erhalten selbstverständlich nicht Nur in den auswärtigen Schulen, Me-'..sie Besuchen, sondern auch in der Anstaltsvorschule getrennten Unterricht in ihrer Religion.. Die Besetzung der offenen Plätze konnte nach dem Grundsatz des Stifters durchweg unter gleichmäßiger Berücksichtigung christlicher.'.und'5Mtzischer.' .Kinder. . vorgenommen werden. Es waren seit Eröffnung der Anstalt bis jetzt fast immer 50 jüdische und 50 christliche .Kinder ' ('KnabeiNun d Mädchen) und zwar aus allen Gegenden Deutschlands, in-der Anstalt. Mit der Fürsorge für die geistige und körperliche Entwicklung der' Zöglinge sind neben dem Direktor und seiner Gattin die Vorsteherin Fräulein Ottilie Brömmel, die Erzieherinnen Fräulein Clara Fiegel und Elisabeth Hannebohm, der Kandidat der Theologie Hahn und der Lehrer Blumenthal betraut. Die Vorschule der Anstalt ist unter der Aufsicht des königlichen Kreisschulinspektors Schulrat Kob und der königlichen Regierung zu Potsdam. In den drei Klassen wurden 48 Kinder unterrichtet und zwar Knaben und Mädchen gemeinsam. Auf den jüdischen Religionsunterricht fallen 3 Stunden wöchentlich. Außerdem werden die Kinder zum Besuch des Gotteshauses angehalten. Aus der ersten Vorschulklasse traten zu Ostern 1905 12 Knaben nach bestandener Aufnahmeprüfung in die Sexta der Wilmersdorser Realschule ein. Die in den beiden letzten Jahren aus der Anstaltsvorschule abgegangenen Mädchen konnten sämtlich, die höhere Schule besuchen und zwar die zu Schmargendorf. Außerhalb der Schulzeit erhielten die nicht mehr der Vorschule ungehörigen jüdischen Zöglinge besonderen Religionsunterricht. Der Bericht enthält auch sehr erfreuliche Nachrichten über die meist sehr praktische Berufswahl der Zöglinge der Anstalt. Von Interesse ist auch der Rechnungsabschluß, ans dem wir ersehen, daß der Kostensatz für den einzelnen Zögling sich zwischen 651 und 707 Mark bewegt. Alles in allem darf man nach der Lektüre dieses Berichts wohl sagen, daß das große Ziel, welches der Stifter bei Begründung dieser Anstalt sich vorgesetzt, erreicht wird. Möge sich dieselbe in gleicher Weise wie bisher sortentwickeln und Segen stiften für weite Kreise! 8. Berlin, 24. Oktober. Wie wir bereits gemeldet, hat der Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses, Herr Professor Dr. M. Jutrosinski, am 12. dieses Monats unter allgemeiner Teilnahme weiter Kreise seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert. Schon in aller Frühe leiteten Zöglinge des Waisenhauses den Tag durch Gesang und Deklamation, sowie durch Ueberreichung ihrer Gaben — eines von den Mädchen gearbeiteten Teppichs, einer von den Knaben geschnitzten Truhe — ein. Um 1/211 Uhr erschien eine Abordnung des Reichenheim-Vereins der früheren Zöglinge, Erzieher und Erzieherinnen unter Führung des Seminarlehrers H. Rosenthal, eines früheren Erziehers und des Arztes Dr. Hermann Rosenberg, eines früheren Zöglings und Vorsitzenden des Vereins. Dr. Rosenberg überreichte mit einer Ansprache das von früheren Zöglingen und Erziehern gestiftete, von dem Maler Max Fabian angefertigte Oelbild, das in dem Festsaal des Waisenhauses einen dauernden Platz erhalten soll. Dann gratulierte im Namen des Gemeiudevorstandes und des Waisenhauskuratoriums Sanitütsrat Dr. Stern. Das Kuratorium schenkte einen Schreibtisch. Danach verlasen noch Glückwunschadressen: Direktor Dr. Holzmann für den Verein zur Unterstützung jüdischer Lehrer in Preußen, dessen Vorsitzender Dr. Jutrosinski ist, Herr M. Fernbach für die Waisenkommission der jüdischen Gemeinde, Direktor Dr. Strelitz für das jüdische Lehrlingsheim in Pankow. Den Abschluß bildete die Beglückwünschung durch den mit dem schwarz-rot-goldenen Band geschmückten Sanitätsrat Dr. Pleßner im Namen der Burschenschaft der Raczeks. Aus alle Ansprachen erwiderte der Jubilar mit Geist und Wärme. Wie bekannt, wird Herr Dr. Jutrosinski zu Ende des Winters seine erfolgreiche Wirksamkeit ausgeben und sich zur wohlverdienten Ruhe setzen. Möge es ihm beschieden sein, diese noch lange in ungetrübter Frische zu genießen! A Posen, 20. Oktober. Gestern ist in Berlin der bekannte Medizinalrat Dr. Gustav Mankiewicz im 73. Lebensjahre gestorben. Er stammte aus der berühmten Schtadlaniinfamilie Mankiewicz zu Lissa, welche ihrer Gemeinde große Dienste erwiesen hat. Der Verstorbene ist bei einem Familienfeste gleich nach dem ersten Gang, als er das Champagnerglas erhob, tot hingesunken. Mankiewicz war von Beruf Apotheker. Seit 1684 gehörte er dem Medizinalkollegium

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